Wie man Tiere tränkt

Nachtrag zum gestrigen „Internationalen Tag der Katze“

Katzen

Zum gestrigen „Internationalen Tag der Katze“, an dem Katzen gemeinhin jegliches Arbeiten an irgendwelchen Texten durch stetes, nach Aufmerksamkeit heischendes Stören verhindern, sei hiermit ein Text von Sigurður Pálsson (1948 – 2017) nachgereicht, entnommen dem 2019 im ELIF Verlag erschienenen Gedichtband Gedichte erinnern eine Stimme (HOTLIST 2019).

 

Wie man Tiere tränkt

Wie man Tiere tränkt, ist von Art zu Art verschieden.

Pferde trinken ziemlich effektiv, aber das ist nichts im Vergleich zu den Kühen. Die guten Kühe können in erstaunlich kurzer Zeit einen ganzen Eimer in sich hineinschlürfen. Schafe und Ziegen trinken mit einer gewissen Entschlossenheit, Hunde schleudern Zunge und Wasser überall hin.

Am ungewöhnlichsten aber sind die Katzen. Zunächst einmal ist nicht darauf zu hoffen, dass sie das Wasser trinken, wenn man es ihnen vorgesetzt hat. In Wirklichkeit bringt es nichts, ihnen zu trinken zu geben, sie sind für dieses Spiel nicht bereit. Ein Spiel, bei dem du dir als nützlich und wertvoll vorkommen willst.

Aber eine Zeitlang später kommt die Katze vielleicht doch zu dem Wassernapf und nach einer kurzen in sich gekehrten Meditation beginnt sie zu schlecken. Nicht lange, aber doch ein wenig. Zuletzt leckt sie sich die Lippen. Leckt länger, als sie schleckte, und schaut dich dabei solange nicht an, bis du am liebsten anfangen würdest, in Tränen auszubrechen.

Die Katze

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Gedichte, Island, Isländische Literatur, Lyrik abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Wie man Tiere tränkt

  1. autopict schreibt:

    Großartig beschrieben.

Kommentare sind geschlossen.