Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (53)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Island – Blick über die Esja, den Hausberg von Reykjavík

Merkwürdig! Es sind wirklich mehr als zwei Jahre her, seit ich meinen letzten Beitrag in meiner Reihe „Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis“ geschrieben und veröffentlicht habe; genau gesagt, es war am 18. Februar 2018, und der Anlass war das Erscheinen der 2. Auflage des Gedichtbands Til hughreystingar þeim sem finna sig ekki í samtíma sínum / Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können von Ragnar Helgi Ólafsson, eines Gedichtbands im ELIF Verlag, der zu unser aller Freude mittlerweile sogar eine 3. Auflage erfahren hat.

Warum ich so viel Zeit habe verstreichen lassen, obwohl zwischenzeitlich zwei neue Gedichtbände isländischer Autor*innen im ELIF Verlag erschienen und weitere in Vorbereitung sind, ist mir nun selbst ein kleines Rätsel – „Material“ wäre schließlich ausreichend vorhanden gewesen. Doch vielleicht war es genau das, vielleicht hat mir die Aussicht, die Vorfreude auf das Erscheinen der Gedichte als berührbares gebundenes Buch den Fokus verschoben und die virtuelle Reise durch die isländische Poesie ein wenig in Vergessenheit geraten lassen.

Das überaus wichtige Literaturportal Fixpoetry – Wir reden über Literatur hat mich nun wieder auf die Gleise gesetzt, hat es doch am heutigen Tag ein Gedicht des Isländers Jónas Reynir Gunnarsson veröffentlicht, das Jón Thor Gíslason und ich aus einem Band übersetzt haben, für den es bislang (leider) noch keine Aussicht auf eine vollständige Publikation gibt. Die Rede ist von dem Titelgedicht seines jüngsten Gedichtbands Þvottadagur / Waschtag, für den er in diesem Jahr mit dem Maistern ausgezeichnet wurde, einem der wichtigsten Poesie-Preise in Island.

als ich aufwache fliegen gerade die vorhänge aus dem fenster
der regen packt sie
sie sind segel
sie füllen sich mit wind aber das haus bewegt sich nicht
das haus bleibt ruhig und ich schlafe wieder ein

die bodenfliesen werden nass wie kekse
färben sich langsam dunkel
zerbröseln unter dem gewicht des betts
ich stürze auf das stockwerk darunter

das bett hat sich in ein ruderboot verwandelt und schlägt hart auf wasser
und schwarz-weiße italienische kinofilmfrauen
(mit dem wasser bis zu den knien und waschzuber aus aludie hinter ihnen her treiben wie dressierte schwäne)
hängen die langen unterhosen ihrer ehemänner auf

es ist waschtag

ich rafte das treppenhaus hinab

das wasser strömt durch die klappschütten des müllschluckers herein
das boot prallt gegen die wände dass es im holz knirscht
bricht schließlich die haustür auf

ich treibe weg von meinem haus
winkend

lasse mich in einen nebel treiben der einmal weiß war
doch düster wurde als er wie ein lappen über die stadt strich

 

þegar ég vakna eru gardínurnar að sleppa út um gluggann
rigningin berst við þær
þær eru segl
þær fá vind í sig en húsið hreyfist ekki
húsið er kyrrt og ég fer aftur að sofa

gólfplöturnar blotna eins og kex
dökkna hægt
molna undan rúminu
ég hryn á hæðina fyrir neðan

rúmið hefur ummyndast í árabát og skellur á vatnsfleti
og svarthvítar ítalskar bíomyndakonur
(með vatnið upp að hnjám og bala úr áli
sem fljóta á eftir þeim eins og tamdir svanir)
hengja upp föðurlönd eiginmanna sinna

það er þvottadagur

ég flúðasigli niður stigahúsið
vatnið streymir inn um káetugluggana á ruslarennunni
báturinn rekst á veggina svo marrar í viðnum
brýtur að lokum upp útidyrnar

ég flýt í burtu frá húsinu mínu
vinkandi

læt mig reka inn í þoku sem var einu sinni hvít
en dökknaði þegar hún straukst eins og  yfir borgina

Jónas Reynir Gunnarsson, geboren 1987, wuchs in Fellabær im Nordosten Islands auf und erhielt einen MA in Creative Writing an der Universität von Island in Reykjavík. Er veröffentlichte u. a. die Romane Millilending (Zwischenlandung), 2017 und Krossfiskar (Seesterne), 2018. Seine ersten beiden Gedichtbände waren Leiðarvísir um þorp (Gebrauchsanweisung für ein Dorf), 2017, und Stór olíuskip (Große Öltanker), ebenfalls 2017; für Letzteren gewann er 2017 den angesehenen Tómas-Guðmundsson-Poesie-Preis. Sein jüngster Gedichtband, Þvottadagur (Waschtag), wurde, wie gesagt, 2020 mit dem Maistern ausgezeichnet, einem der wichtigsten Preise für Poesie in Island.

Ersterschienen ist die hier zitierte Übertragung des Gedichts von Jónas Reynir Gunnarsson bei Fixpoetry – Wir reden über Literatur. Wer es im dortigen Layout nachlesen möchte, findet hier zu der entsprechenden Seite dieses so wundervollen, engagierten Literaturportals.

Und noch eins: Auch wenn im kommenden Frühjahr mit Linda Vilhjálmsdóttirs Gedichtband das kleingedruckte ein neues, analoges Buch im ELIF Verlag erscheinen wird, es wird ab jetzt auch wieder etwas häufiger rein virtuell durch Islands Poesie gereist, versprochen!

Jónas Reynir Gunnarsson – Foto: Saga Sig

 

 

 

 

 

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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5 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (53)

  1. wolkenbeobachterin schreibt:

    das gedicht liest sich wie ein aufgeschriebener traum.

  2. gsohn schreibt:

    Hat dies auf http://www.ne-na.me rebloggt und kommentierte:

    Jónas Reynir Gunnarsson – das muss ich natürlich aufgreifen.

  3. findevogel2015 schreibt:

    wie ein aufgeschriebener Trau, das ging mir auch durch den Kopf, als ich las.

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