Sie hören von mir – Federico Temperini

Das literarische Debüt von Theres Essmann

Der Decksteiner Weiher, Köln © Wolfgang Schiffer

Sie holen mich zu Hause ab, fahren mich irgendwo hin, warten dort und bringen mich wieder nach Hause.

Viel mehr gibt die Stimme mit den rollenden Rs nicht von sich, die sich eines Morgens telefonisch bei dem Kölner Taxifahrer Jürgen Krause meldet und ihn – als sei jeglicher Widerspruch zwecklos – an ein oder zwei Abenden im Monat als Chauffeur verpflichtet.

Jürgen Krause erinnert sich, dass sein Vater früher als Chauffeur bei einem Limousinen-Service gearbeitet und viele Berühmtheiten gefahren hat, so manche signierte Visitenkarte, die er seinem Jungen damals von seinen Touren mitbrachte, zeugt noch davon. Er selbst hat es nach einem abgebrochenen Studium und einer gescheiterten Ehe allerdings nur zu einem ganz gewöhnlichen Taxifahrer gebracht, der seinem Sohn Leo, der jetzt in einer anderen Stadt lebt, kaum mehr schenken als das Versprechen einer Kanadareise nach dem Abitur, und in der Angst lebt, Leo an den neuen Partner seiner Exfrau zu verlieren.

Obwohl (oder gerade weil) klassische Chauffeurdienste nicht gerade zum Alltag eines Taxifahrers zählen, nimmt Krause den Auftrag an und holt den Anrufer, einen hageren, alten, ganz in Schwarz gekleideten Mann, vierzehn Tage später erstmals ab, und das nicht etwa in einem der vornehmeren Viertel Kölns, wie es bei einem Mann, der Chauffeurdienste beansprucht, vielleicht zu erwarten gewesen wäre, sondern in einer eher schäbigen Wohngegend, wo er wie ein Reiher auf Fischfang in einem Hauseingang auf das vorfahrende Taxi wartet.

Die Fahrt geht in die Philharmonie, und kaum ist der Wagen gestartet, schiebt der Wortkarge einen Umschlag aus Büttenpapier auf den Beifahrersitz; darin sei das Honorar, erfährt Krause, und dass man heute Abend Bruch, das 1. Violinkonzert, g-Moll, spiele und er auf den Gast zu warten habe, es könne durchaus sein, dass dieser das Konzert vorzeitig verlasse. Und so kommt es auch – Beethovens Dritte, die nach der Pause auf dem Programm steht, will der Fahrgast nicht mehr hören.

Auf der Rückfahrt hört Jürgen Krause zum ersten Mal von Paganini, dem Teufelsgeiger, er sei der Größte gewesen, so der Alte – und bei dieser Einschätzung als Parameter für die Einschätzung aller weiteren Konzerte (Bach kann ermüdend sein…), zu denen sich Federico Temperini fahren lässt, soll es ebenso bleiben wie bei dem mehr und mehr zum Ritual werdenden Ablauf der Fahrten selbst.

Wer ist dieser Federico Temperini? Heißt er wirklich so? Und woher rührt diese Begeisterung für Paganini, die Faszination für die Musik dieses italienischen Virtuosen des 19. Jahrhunderts? Und was hat es mit der komischen Hand auf sich, der versteiften Linken, die der Alte trotz aller Versuche, die Behinderung zu kaschieren, irgendwann nicht mehr vor Krause verbergen kann – oder auch nicht mehr will?

Theres Essmann erzählt in ihrem Debüt, der im Verlag Klöpfer.Narr erschienenen Novelle Federico Temperini, von der Begegnung und allmählichen Annäherung zweier grundlegend unterschiedlicher Männer, und wie sie das tut, wie sie behutsam die bei den Fahrten und bald auch gemeinsamen, kurzen Spaziergängen aufkommende Nähe  zu schildern, ihre Intensität zu steigern weiß, in leisen Tönen Einsamkeit und Verlustängste anspricht und die Tragik gescheiterter Leben einfließen lässt, das würde vielleicht noch nicht ganz Temperinis von Paganinis Musik abgeleiteten Parametern entsprechen, doch virtuos ist es durchweg schon. Dabei schätze ich an der Erzählung, dem Roman (warum das Buch den Genretitel Novelle trägt, hat sich mir nicht recht erschlossen …) insbesondere, dass dies in einer so wenig ausgestellten, in einer so klaren und einfachen Sprache gelingt, die vor allem den etwas naiven, saloppen Taxifahrer Krause authentisch erscheinen lässt, doch auch das Mystische, das Paganini und auch Federico Temperini selbst in gewissem Maße umgibt, noch greifbar macht.

Ja, es gibt vielleicht die eine oder andere ein wenig gefühlige Stelle, doch selbst die gehört wohl zum charakterlichen Profil des Ich-Erzählers Jürgen Krause dazu.  Nur eins kann ich ihm, mit dem zusammen der Leser so viel über Paganini und Temperini erfährt, trotz seiner Naivität nur schwer abnehmen: Dass ihm erst auf Seite 100 der nur etwa 160 Seiten des Werks klar wird, worin die Verbindung zwischen seinem Fahrgast und dem Teufelsgeiger besteht.

Da weiß, da ahnt zumindest der geneigte Leser bereits um einiges vorher einiges mehr und wundert sich ein wenig über Herrn Krauses mangelnde Fantasie, deutlicher in dieselbe Richtung zu denken.

Vielleicht sehe aber auch nur ich hier eine kleine Schwäche in dem insgesamt gelungenen Debüt; andere mögen es durchaus als notwendigen Spannungsbogen oder gar überraschenden Coup in der Geschichte empfinden. Und überhaupt: Ich habe Federico Temperini ja trotzdem mit großem Vergnügen gelesen und empfehle es gerne einem jeden ebenfalls zur Lektüre.

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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