Das sanfte Verlangen nach Erkenntnis

Jana Volkmann bespricht das „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“

Das Handbuch – noch im Entstehen …

Oh ja, das freut auch das Übersetzer-Duo Gíslason/Schiffer ganz ungemein: Jana Volkmann bespricht in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung der Freitag das Handbuch des Erinnerns und Vergessens von Ragnar Helgi Ólafsson, das Jón Thor Gíslason und ich für das Frühjahrsprogramm 2020 des ELIF Verlags übersetzen durften – und sie spart nicht mit Lob…

In teileigener Sache sei dies hier gerne mitgeteilt!

Ragnar Helgi Ólafsson, geboren 1971 in Reykjavik, hat schon 2017 mit Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können für einiges Aufsehen gesorgt. In dieser Sammlung von Liedern und Texten fallen die unterschiedlichen Felder in eins, auf denen sich Ólafssons künstlerische und literarische Arbeit bewegt: Er ist Schriftsteller, aber auch Grafiker; einige Gedichte stehen in ihrer typografischen Bild-Text-Verschmelzung in der Tradition konkreter Poesie. Eines davon imitiert etwa die Hringvegur, die Ringstraße, die ganz Island umkreist – in zwei konzentrischen Kreisen, im Uhrzeigersinn und dagegen.

Und Ragnar Helgi Ólafsson hat, neben Filmregie an der New York Film Academy, Französisch in Marseille und Kunst in Aix en Provence, an der Universität von Island Philosophie studiert. Seine Texte sind getragen von einem sanften Verlangen nach Erkenntnis, und danach, zu begreifen, was Erkenntnis eigentlich ist. Sie sind nicht trotzdem, sondern gerade deshalb oft sehr lustig und ausgesprochen tragisch. Dem Erzähler in den Gedichten kann es schon mal passieren, dass er ohne nachzudenken einen Brunnen hinabsteigt, und wieder hinaufzuklettern, „bleibt eine theoretische Möglichkeit, eine philosophische Idee“.

Das Handbuch – jetzt gedruckt und überall zu haben …

Voll philosophischer Ideen steckt auch Ólafssons soeben erschienenes Handbuch des Erinnerns und Vergessens, ein Prosaband mit dreizehn Erzählungen, wie sein Vorgänger ist er im niederrheinischen Nettetal beheimateten Elif Verlag erschienen. Bereits in der ersten dieser Erzählungen macht Ólafsson ernst mit seinem Thema und schreibt von der Subjektivität des Erinnerns. Der Protagonist versucht, seiner Erinnerung an ein eigentlich beiläufiges Ereignis aus der Kindheit Herr zu werden. Grammatikalisch verstrickt in eine seltsame Mischform aus Vergangenheit und Zukunft, reflektiert er auch das Erzählen selbst: Ein Erzählen von der Vergangenheit ist variabel und unstet. Was wichtig und unwichtig ist, kann hervorgehoben und weggelassen werden. Wie in einer kombinatorischen Permutation tauschen mitunter zwei Ereignisse die Plätze in der Abfolge eines Geschehens. Aber macht das das Erzählte weniger wahr?

Und ein wenig später, doch noch längst nicht am Ende, heißt es:

Schreiben ist auch ein Balanceakt. Ólafssons Texte sind heiter und zugänglich, aber im besten Sinn intellektuell durchtrieben. Dass das auch in deutscher Übersetzung so wunderbar funktioniert, verdankt sich der Leistung von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, die auch schon Ólafssons Lyrik gemeinsam übertragen haben.

Die vollständige Rezension von Jana Volkmann kann hier gelesen werden.

Ragnar Helgi Ólafsson signiert sein „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“

 

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Island, Isländische Literatur abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.