Es gräbt der Wind die alten Tage …

Im Auge der Wildnis – ein Gedicht-Foto-Band von Peter Ettl

Teilansicht eines Fotos in dem genannten Buch

Es ist nicht das erste Mal, dass ich hier ein Buch von Peter Ettl vorstelle, dem Schriftsteller, Fotografen und Verleger des Verlags Silver Horse Edition.

Oftmals schon hat sich Peter Ettl in seinem verlegerischen und künstlerischen Schaffen der Natur in Island, der Landschaft und der dortigen Tierwelt gewidmet und, sofern er auch der Autor war, das, was sie im erlebenden Betrachter bewirken kann, in kurze, poetisch aufgeladene Texte oder Gedichte gefasst.

Nach dem beeindruckenden Fotobuch Island – Tiere am Polarkreis von Renate Ettl, Peter Ettls als Fotografin nicht weniger professionelle Ehefrau, habe ich hier den Band Europas wilde Natur – Island, für den Peter Ettl selbst als Fotograf und Autor verantwortlich zeichnet, besonders gemocht. Wer mag, kann unter den Links der genannten Titel nachlesen, was ich zu den beiden Büchern seinerzeit gesagt habe.

Abbildung aus dem genannten Buch

Nun ist – wenn auch nicht zu Island, sondern weitgereist durch viele Landschaften – in der Silver Horse Edition ein weiteres Buch von Peter Ettl mit teils doppelseitigen Tier- und Landschaftsaufnahmen erschienen – und mit mehr als 45 Gedichten. Das im Bild Gezeigte mag hierbei vielleicht hier und da Anstoß zu einem Text gewesen sein, doch tritt es (bei aller Qualität) nicht nur durch seine deutlich geringere Anzahl angenehm hinter der schönen Fülle der Gedichte zurück.

Diese schaffen allein mit Sprache Bilder von Natur, wie sie der Klick auf den Auslöser nicht zu schaffen vermag. Sie bilden ab, ja, aber sie vernetzen das Abgebildete mit dem Verhältnis der Menschen zur Natur, mit Emotionen, Erinnerungen, gesellschaftlichen Konventionen, mit Witz und Lebensweisheit. Und – sie rufen Stimmungen hervor, die den Lesenden ermuntern, ja, geradezu verführen zu Fragen an sich selbst und das Leben ringsum.

Federsee morgens

der winter hat
das röhricht zur
schlachtbank geführt
klirrweiß schwang er
die sense doch die war
stumpf
so liegen die halme ins moor gebettet

angeflochtene zöpfe
im lautlosen morgen
ähneln sie modefrisuren junger
männer zu scharfen bürsten
gekämmt
mit denen sie die himmel ritzen

Im Auge der Wildnis heißt das Buch, und was es bewirken mag, schwingt mit in einem Gedicht, in dem das lyrische Ich, so empfinde ich es jedenfalls, seinem Autor sehr nahe, wenn nicht sogar deckungsgleich mit ihm ist:

Es gräbt der Wind die alten Tage

aus den ruinen
der erinnerung
ein kartengruß
geruch nach wildnis
notenfetzen
viel braucht es nicht
und fast vergessenes
steht wieder neu
in raum und zeit
erinnert an ein leben
das ein anderer lebte
der ich war und der ich nun
beurteile diesen flüchtling
aus einer anderen dimension

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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