Der Herzschlag der Wellen am Strand

Zum Roman Quell des Lebens“ von Bergsveinn Birgisson

Reykjarfjörður – ein Fjord auf dem Weg des Protagonisten des Romans
Foto: Gísli Már Gíslason

Ich weiß nicht, wie oft ich bereits in Island war, es mögen um die fünfundzwanzig, vielleicht dreißig Mal gewesen sein, aber ich war noch nie in Strandir. Und wenn ich jetzt etwas bedaure, so ist es, diese Region im äußersten Nordwesten der Insel bislang noch nicht kennengelernt zu haben, denn wäre ich bereits in dem über weite Strecken unbewohnten Gebiet gewesen, so hätte ich dem Roman Quell des Lebens von Bergsveinn Birgisson, der vor wenigen Wochen im österreichischen Residenz Verlag erschienen ist, womöglich – in Erinnerung des eigenen Erlebens – einen noch größeren Lesegenuss abgewonnen. Aber, dies sei gleich zu Beginn gesagt, das Leseerlebnis war bereits auch ohne diese Erfahrung ein anhaltend großes!

Mit dem Ausbruch des Vulkans Laki im Jahr 1783 sucht Island die größte und lavareichste Eruption seit der Besiedlung der Insel heim. Die Verwüstungen, die Lava, Feuerdämpfe, giftige Gase und Überschwemmungen anrichten, kosten viele Menschen und noch mehr Tiere das Leben; bis in das Jahr 1784 zieht sich die Katastrophe hin und bedeckt die Erde, begleitet von klirrender Kälte, von Hungersnöten und einer Pockenepidemie, unter einer Aschewolke, die selbst über dem Kontinent Europas noch den Himmel verhüllt und auch hier zu den Ernteausfällen mit all ihren Folgen führt, in denen manche die Ursache für den Beginn der Französischen Revolution sehen.

Zu dieser Zeit steht Island, der ehemalige Freistaat, unter dänischer Herrschaft; mit Hilfe eines äußerst restriktiven Handelsmonopols versucht man so viel wie eben möglich aus der Kolonie im Nordmeer herauszupressen, doch was zuvor bereits wenig Erfolg zeitigte, teils wegen der kargen Voraussetzungen auf der Insel, des steinigen Bodens und der harten Wetter, teils wegen des versteckten Widerstands der freiheitsliebenden Isländer selbst, kommt nun vollends zum Erliegen. Man plant daher, angetrieben vom Kammerherrn (und späteren Gouverneur) Levetzow, bei einer Versammlung der Königlichen Zinskammer Ende 1784, König Christian VII. die Zustimmung zu folgendem Vorschlag abzuringen: Die noch gesunde und arbeitsfähige Bevölkerung (was nach Schätzungen etwa der Hälfte der etwa noch 40.000 Bewohnern entsprach) von der unprofitablen Insel nach Dänemark umzusiedeln und ihnen hier, in Kopenhagen und auf Jütland, als billige Arbeitskräfte eine neue Heimat zu geben.

Auch wenn die Repräsentanten Islands in einer solchen Maßnahme die völlige Zerstörung ihres Landes sehen, ja, um die Ausrottung der auf der Insel verbleibenden Landsleute fürchten, so stimmt der König dem Plan Levetzows prinzipiell zu, erteilt sogar im Falle von Widerstand die Erlaubnis zu Zwangsmaßnahmen, doch besteht die Königliche Kanzlei auf einer vorherigen genauen Erforschung aller Landesteile der Insel und der Lebensumstände der dort lebenden Menschen, deren Ergebnis Grundlage einer endgültigen Entscheidung sein soll.

Zu den Repräsentanten Dänemarks, die zu dem Zweck im Frühjahr 1785 nach Island entsandt werden, ist auch der Magister Magnús Árelíus Egede, ein junger dänischer Wissenschaftler halbisländischen Ursprungs. Begleitet von zwei Assistenten, dem königlichen Gemüsepflanzungsgesandten Jón Grímsson und dem ortskundigen einheimischen Bauern Bárður Grímkelsson, ist ihm aufgetragen, in die Region Strandir und weiter hinaus bis zum Cap Nord (der Spitze des heutigen Nordstrandir) vorzudringen, die Bedingungen der dort verstreut lebenden Menschen zu dokumentieren, und nicht zuletzt das für die Planung von Anlegestellen und Häfen zu der Zeit noch völlig unzureichende Kartenmaterial durch exakte Landvermessungen zu verbessern.

Auch wenn der Magister schon früh vor den Gefahren seines Unterfangens gewarnt wird und vor allem vor den Menschen in Strandir, die vielen als Zauberer und Hexer gelten, die sich nur von Luft und Brennivín, dem isländischen Getreideschnaps, ernährten, so ist er, ganz Mann des Verstands und der Wissenschaft, doch voller Ehrgeiz, den ihm übertragenen Auftrag auszuführen. Mit größtmöglicher Objektivität protokolliert er wissenschaftlich korrekt alle Begegnungen mit den Bewohnern, notiert ihre elenden Lebensbedingungen, aber auch Erden und Pflanzen, die er findet, und die Ergebnisse seiner Messungen, die er mit dem neuesten, goldglänzenden Sextanten nach den strengen Regeln der Wissenschaftsgesellschaft durchführt. Und vorab schickt er, solange noch ein Schiff die Fjorde auf seinem Weg anläuft, über all dies einen zusammenfassenden Brief an den königlichen Kammerherrn Levetzow.

Brönugrös – Geflecktes Knabenkraut, gehört zur schönen Flora in Strandir
Foto: Gísli Már Gíslason

Je weiter er und seine Assistenten auf ihren Pferden jedoch in den Norden vordringen, desto mehr verliert Magnús Árelíus Egede die für seine Aufgabe notwendige Distanz zu den Menschen, die er trifft; er sieht sich von Albträumen geplagt und von Geistern verfolgt, von Wiedergängern, die dem Erzähler, der von dem berichtet, was nicht in den Protokollen steht, als Gewährsleute dienen, ja, mit ihm zu einem erzählenden „Wir“ verschmelzen. Und als der junge Wissenschaftler schließlich, auf sich allein gestellt und nach dem Angriff eines Eisbären um sein Leben fürchtend, die selbstlose Liebe des stummen Mädchens Sesselja erfährt, gerät sein von der Ratio gesteuertes Weltbild völlig ins Wanken – und er beginnt mit den Geistern zu sprechen.

„Als die Kultur und ihre Erwartungen, jener kalte Eisenkäfig, von ihm abbrachen und wie Späne zu Boden fielen – da stand da nur mehr der bloße Mensch, „the thing itself“, wie es in dem Shakespeare-Stück in der Drury Lane in London geheißen hatte.“

Das ist schon ein großes Weltentheater, das Bergsveinn Birgisson, der altnordische Literatur studiert hat und zur Dichtung des skandinavischen Mittelalters forscht, seinen Lesern in Quell des Lebens aufführt. Nicht nur lernen wir so manches über den Stand der Wissenschaften und Politik zu Ende des 18. Jahrhunderts, über die fatalen Lebensbedingungen der Menschen in Island zu jener Zeit, die Archaik der Landschaft und zerstörerischen Folgen von Naturkatastrophen, nein, der Autor stellt uns auch die ewig großen Themen des Menschseins und unsere Fragen dazu vor, zu Arroganz und Missbrauch der Macht, zu Stolz und Demut, zu Glaube und Aberglaube, zu Glück und Liebe – und zu all den Dingen, die zwischen Himmel und Erde geschehen und die wir uns nie werden erklären können.

Der Übersetzerin Eleonore Gudmundsson ist es virtuos gelungen, uns all dies im so authentischen Erzählduktus und Kanzleistil jener Zeit ins Deutsche zu übertragen und somit auch diejenigen, die des Isländischen nicht mächtig sind, einen Roman vor historischem Hintergrund, doch frei von geschichtlicher Wirklichkeit (wie nicht zuletzt der Epilog zu den 30 Kapiteln des Romans beweist, dessen Inhalt hier aber nicht mal angedeutet wird), erfahren zu lassen, einen Roman, der in seinem Original erst jüngst – und aus meiner Sicht völlig zu Recht – für den Literaturpreis des Nordischen Rats nominiert wurde. Drücken wir ihm die Daumen, dass diese bereits so ehrenvolle Auszeichnung noch größer wird.

 

 

 

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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5 Antworten zu Der Herzschlag der Wellen am Strand

  1. Wolfgang Koch schreibt:

    Lieber Wolfgang, danke für diesen Tipp, der mich mehr als nur neugierig macht. Dabei stellt sich mir die Frage, die aber in diesen Corona-Zeiten etwas ambitioniert klingt, ob ein solches Werk sich nicht auch als Hörbuch eignen würde. Ich werde es jedenfalls lesen müssen nach dieser Rezension.

    • Wolfgang Schiffer schreibt:

      Lieber Wolfgang, nun ja, aber lies erst mal – das hat schon einen recht eigenen Ton! Liebe Grüße meinerseits!

  2. Sigrún Valbergsdóttir schreibt:

    Frábært/grossartig, lieber Wolfgang! Du musst im Sommer kommen und ich führe dich durch Strandir!

    • Wolfgang Schiffer schreibt:

      Danke, meine Liebe,
      bin schon fast auf dem Weg – scheue nur noch die Quarantäne ein wenig!
      Kær kveðja, Wolfgang

  3. kutabu schreibt:

    Das will ich lesen!

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