Wörter und Träume

Sigurður Pálsson liest aus dem Original von Gedichte erinnern eine Stimme

Selten habe ich mich über einen Videoclip bei YouTube mehr gefreut als über den, den Jóhann Páll Valdimarson, Seniorchef von Forlagið, dem größten Verlag Islands, vor kurzem veröffentlicht hat: eine Lesung des 2017 verstorbenen Schriftstellers Sigurður Pálsson (1948 – 2017) aus seinem letzten, 2016 erschienenen Gedichtband Ljóð munna rödd / Gedichte erinnern eine Stimme.

Annähernd 15 Gedichte liest Siggi, wie Freunde ihn nannten, daraus, mit einer Stimme, die mir bereits merklich schwächer scheinen will, als ich sie von Begegnungen zuvor in Erinnerung habe. Doch die Gedichte sind voller Kraft – unter ihnen als Zweites auch jenes, mit dem der Dichter so liebevoll-trotzig die Poesie gegen den nahenden Tod stellt, das Gedicht Orð og draumar / Wörter und Träume.

Es bleibt mir stets eine große Ehre, dass ich zusammen mit Jón Thor Gíslason diesen letzten Gedichtband von Sigurður Pálsson für den ELIF Verlag ins Deutsche übertragen durfte. Und es ist mir eine große Freude, dass man diesen Band des zuvor  noch nie mit der Übersetzung eines seiner vielen Bücher ins Deutsche gewürdigten Autors zu einer der zehn herausragenden Publikationen aus den unabhängigen Verlagen Österreichs, Deutschlands und der Schweiz 2019 gewählt – und dem Schriftsteller somit auch hierzulande die verdiente Anerkennung ausgesprochen hat.

Wörter und Träume

Wörter und Träume
gehörten stets zusammen
in meinem Leben

Länger als ich denken kann

Nun wartet er auf seine Chance
er, den ich nicht beim Namen nennen will
wartet auf seine Chance, das spüre ich

Er kommt aber nicht an mich heran
so lange das Licht des Augusts

Träume
in Wörter verwandelt

Wörter verwandelt
in Träume

 

Orð og draumar

Orð og draumar
hafa alltaf farið saman
í lífi mínu

Lengur en ég man

Nú bíður hann færis
þessi sem ég vil ekki nefna
bíður færis ég finn það

Kemst ekki nær mér
meðan ágústbirtan

breytir draumum
í orð

breytir orðum
í drauma

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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2 Antworten zu Wörter und Träume

  1. Sibyl Kneihs schreibt:

    Lieber Herr Schiffer,

    haben Sie herzlichen Dank für dieses Ostergeschenk.

    Ich war und bin glücklich, das herausragende Erlebnis einer großartigen Rede von Sig. Pálsson im Háskólabíó im Juni 2017 erleben zu können, gerichtet an die neuen Maturanten von MR., selber Maturajubilantin. Ich weiß nicht, ob diese Rede jemand aufgenommen hat.

    Sehr liebe Osterwünsche,

    S. U. Sibyl Kneihs sibyl.kneihs@chello.at

    Sibyl Urbancic Döblinger Hauptstraße 70/25 1190 Wien 00354-1-3681343 http://www.urbancic.at

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    • schifferw schreibt:

      Liebe Frau Kneihs, ich danke für das schöne Aufmerken und sende besten Osterwünsche zurück! Ihr Wolfgang Schiffer

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