Hotel Null …

Ein Song (zur Lage?) von Ragnar Helgi Ólafsson

Dass der isländische Schriftsteller Ragnar Helgi Ólafsson, dessen Gedichtband Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können und Story-Sammlung Handbuch des Erinnerns und Vergessens im ELIF Verlag erschienen sind, ein künstlerisches Multitalent ist, ist hier und an anderen Stellen bereits oftmals gesagt worden. Belegt wurde dies bislang zumeist aber nur mit dem Hinweis auf sein grafisches Können, das sich an der kunstvollen Gestaltung seiner Publikationen zeigt.

Nun gibt es endlich auch hier zugänglich einen klaren Beweis für sein musikalisches Wirken: Hotel Null, einen Song, den er nicht nur geschrieben und komponiert hat – sondern noch dazu selbst singt und instrumental begleitet.

Bei letzteren Aktivitäten hat er allerdings tatkräftige Unterstützung: Sein Gitarrenspiel wird auf Mundharmonika und Geige von Freyr Eyjolfsson unterstützt, Páll Ivan spielt den Kontrabass dazu, und seine Tochter Una Ragnarsdóttir, der wir als noch kleines Mädchen in dem Gedicht Wiegenlied I (Für Una) bereits einmal begegnet sind, singt mit ihm im Duett.

Auf Lesereise – letzte Station Berlin

Das Lied ist nicht neu. Wenn Ragnar Helgi Ólafsson es nun erneut öffentlich macht, ist dies vor allem der Tatsache (an der ich nicht ganz unschuldig bin) geschuldet, dass er nach der Rückkehr aus Deutschland von einer Lesereise mit seinem aktuellen Titel Handbuch des Erinnerns und Vergessens in Island seit dem 12. März aus den bekannten Gründen in Quarantäne war. Und als diese vor wenigen Tagen endete, kam ihm das Lied – wie ein Rückblick auf seine vorherige Situation – wieder in den Sinn. Selbst sagt er dazu:

Eines der seltsamsten Dinge beim Schreiben von Gedichten und Texten ist, dass sie manchmal in verzerrter Form – wie in einem surrealen Traum – einige Zeit später im eigenen Leben wahr werden. Ich habe dieses Lied vor einem Jahr geschrieben und dachte wirklich, ich schreibe über andere Dinge als Isolation und Epidemien.

Natürlich haben Jón Thor Gíslason und ich den Liedtext in Deutsche zu übertragen versucht, aber mehr noch als eine jede Übersetzung ist das Ergebnis, das sich in Rhythmus und Reim auch der Komposition anpassen will, wohl nur eine Annäherung an das Original zu nennen. Zusammen mit dem Originalklang von Wort und Ton mag es jedoch einen Eindruck des Geists und der Stimmung wiedergeben, die diesem Lied innewohnen.

HOTEL NULL

Lassen wir´s gut nun sein,
der Versuch war schön, (doch wir)
wir sollten beenden den Schein,
schöner werden „has been“.

Entweder
Und/oder beides
Egal wie
Mir ist alles gleich: Null.
– Im Hotel Null –

Grüßt euch, schönste Träume,
hier findet nichts statt. (Und)
und Schlüssel für Räume
wenden nicht das Blatt.

Keine Trauer
Und keine Freude
Rein nichts:
Nur fett null.
– Im Hotel Null –
– Du und ich – im Hotel Null.

Wenn es hell wird
schlummre ich fort
doch ein Traum kommt nicht zu mir.

Immer schlafen wir aus:
denn nie und nimmer
passiert ja etwas hier.

Wenn Alltags-Trauer-Stürme
lasten auf dir sehr, (denk dran:)
Aufgeben ist bester Schutz (da ist)
kein Zwischenraum mehr (denn, nichts)

ist zu verlieren
nichts zu gewinnen.
Null plus null
ist immer null.

– Buchen wir.
– Das Hotel Null.
– Buchen wir.
– Du und ich
– im Hotel Null.
– Werden wir zur Null.

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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