Kein Koffer in Berlin

Der isländische Schriftsteller Ragnar Helgi Ólafsson auf Lesereise

Morgenlesung im Café Libresso Köln

Ja, sie hätte ein paar Stationen mehr haben sollen, die kleine Lesereise des isländischen Schriftstellers Ragnar Helgi Ólafsson anlässlich seiner jüngst im ELIF Verlag erschienenen Story-Sammlung Handbuch des Erinnerns und Vergessens, doch am Ende darf man sich wohl glücklich schätzen – obwohl mögliche Folgen natürlich noch abzuwarten sind – dass sie überhaupt stattgefunden hat.

Die Veranstaltungen in Köln am 6. und 8. März, bei denen ich den Autor als Teil des Übersetzer-Duos Gíslason/Schiffer begleiten durfte, wären heute nicht mehr möglich; die Stadt hat wegen der Ausbreitung des Corinavirus alle Veranstaltungen im Stadtgebiet untersagt. Und auch das Felleshus, das Gemeinschaftshaus der Nordischen Botschaften in Berlin, wo wir am 9. März „gastieren“ durften, ist für öffentliche Besucher jetzt, da ich dies schreibe, längst geschlossen. Allein in der Chocolaterie und Buchhandlung „Fräulein Schneefeld & Herr Hund“ auf der Prenzlauer Allee, die uns am 10. März ihre Lesesessel anbot, hätte wir wegen der übersichtlichen Größe vielleicht auch heute noch die Chance zu einer Lesung, doch Veranstalter wie Beteiligte würden sie zweifellos aus eigenen Stücken absagen. Und die Leipziger Buchmesse und damit auch die Auftritte auf dem Nordischen Forum und in der „Nordischen Lesenacht“ waren – wenn auch nicht rechtzeitig genug, um k e i n e Hotels und Flüge zu buchen – eh längst schon abgesagt …

Doch der Reihe nach.

In „Der andere Buchladen“ in Köln-Sülz hört man zu …

Die erste Veranstaltung fand nach einem kurzen quasi familiären Zusammensein mit einer dem Gast Heimstatt gebenden Freundin, dem ELIF-Verleger Dincer Gücyeter und einer befreundeten Malerin und Autorin, meinem Mitübersetzer Jón Thor Gíslason und meiner Liebsten auf Einladung der Literarischen Gesellschaft Köln am Abend des 6. März in „Der andere Buchladen“ in Köln Sülz statt.

Dass es hier keine freien Plätze mehr gab, war u. a. wohl auch einem Artikel einige Tage zuvor im Kölner Stadt-Anzeiger zu verdanken, in dem der Kritiker Martin Oehlen Ragnar Helgi Ólafssons Story-Sammlung wie folgt skizziert:

Die kurzweiligen Geschichten haben einen feinen Sog. Sachte schreiten sie voran, um dann gleichsam aus dem Stand heraus zum Stabhochsprung anzusetzen. Philosophisches und Melancholisches, Gewitztes und Groteskes ergeben hier ein buntes Potpourri …

Ragnar Helgi Ólafsson stellte in der Buchhandlung jedoch nicht nur Beispiele dieser seiner Erzählkunst vor; er las auch aus seinem bereits 2017 erschienenen und nun in 3. Auflage im ELIF Verlag vorliegenden Gedichtband Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können, dem die Literaturkritikerin Marina Büttner unmittelbar nach Erscheinen Ein Leuchten! Hellstes Polarlichtleuchten! attestierte.

Ragnar Helgi Ólafsson liest – Foto: Hans Jürgen Reichart

Natürlich wird hier nicht darüber berichtet, wie man den Abend nach dieser ersten Veranstaltung verbrachte, auch nicht, ob er in die Nacht überging oder mit Blick auf die noch kommenden Tage recht früh endete; wichtig ist nur anzumerken, dass der kommende Tag zwischen einem ausgedehnten Frühstück und einem den Tag abschließenden Abendessen mit Freunden bei meinem Kölner Lieblingsitaliener Arte e Bar einem kleinen Streifzug durch die Stadt gewidmet war. Denn: Es war Ragnar Helgi Ólafssons erster Besuch in Köln.

Ragnar Helgi Ólafsson im Kölner Dom

Die Matinee am Sonntagmorgen des 8. März im Café Libresso in Köln war kaum weniger gut besucht als der Abend zwei Tage zuvor in der Buchhandlung, doch sagte mir die überaus engagierte und sehr liebenswerte Organisatorin dieser regelmäßig stattfindenden  Veranstaltungsreihe, Frau Karin Farokhifar, dass doch die eine und der andere aus Sorge wegen des Coronavirus kurzfristig abgesagt hätten.

Der schönen Atmosphäre in dem gemütlichen Café tat dies keinen Abbruch; wir lasen und redeten munter drauf los – und das nicht nur über Gedichte und Prosa, die Ragnar Helgi Ólafsson selbst geschrieben hat, sondern auch über die Lyrik z. B. von Sigurður Pálsson und Linda Vilhjálmsdóttir, von denen im ELIF Verlag ebenfalls Gedichtbände erschienen sind.  Von Linda Vilhjálmsdóttir ist hier Anfang nächsten Jahres sogar ein weiterer, zweisprachig edierter Lyrikband zu erwarten.

Wer will, kann diese Veranstaltung im Übrigen nachsehen und nachhören, denn der Journalist und Blogger Gunnar Sohn hat all dies aufgezeichnet für die virtuelle Leipziger Buchmesse leipzig streamt, die er in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung von Mittwochabend bis Freitagabend im Netz „veranstaltet“ hat. Zu dem entsprechenden Video geht es hier.

Lesung im Café Libresso unter multimedialer Beobachtung …

Unmittelbar nach der Matinee sind wir dann noch am frühen Nachmittag per Auto nach Berlin gefahren, denn hier wartete am nächsten Tag der vermutliche Höhepunkt der Lesereise auf uns, der Abend im Felleshus, dem Gemeinschaftshaus der Nordischen Botschaften, und wir wollten keinesfalls das Risiko eingehen, bei einer Abfahrt erst am Montagmorgen womöglich im Verkehr stecken zu bleiben und zu spät zu kommen.

Sprechen wir nicht über das (natürlich preisgünstige) Hotel, das ich via Internet in Berlin gebucht hatte, und auch nicht über den Wein zum Abendessen in einem griechischen Restaurant, schauen wir lieber sofort auf die Stunden, die uns am nächsten Tag noch blieben bis zum frühen Abend im Felleshus und die wir zu einem Bummel durch Teile Berlins nutzten.

Ein wenig enttäuscht waren wir vom Kulturkaufhaus Dussmann, denn da war weder der Gedichtband noch das Handbuch des Erinnerns und Vergessens von Ragnar Helgi Ólafsson zu finden, angetan waren wir jedoch von einem Selfie, das uns zusammen mit meiner Liebsten vor schöner Kulisse gelang …

… und geradezu begeistert waren wir von der Buchhandlung ocelot, denn hier konnte der Autor mit berechtigtem Stolz den Zeigefinger auf sein jüngst auf Deutsch erschienenes Werk richten …

… das man ihn sogleich für die noch unbekannte Leserin, den unbekannten Leser zu signieren bat!

Im Felleshus wurden wir von der Ausstellung hafið / Reflections of the Sea empfangen, die – kuratiert von Eva Thengils – in ihrem multimedialen Konzept auch Musik und vor allem Literatur zum Thema zeigt, auch von Linda Vilhjálmsdóttir und Ragnar Helgi Ólafsson.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Auditorium schließlich, in dem unsere Veranstaltung stattfand, wurden Publikum und wir außer von der stellvertretenden Botschafterin auch von Soffía Gunnarsdóttir, der Kulturbeauftragten der Botschaft, herzlich begrüßt …

 

… anschließend lasen wir in bequemen Clubsesseln gerne Gedichte und Prosa und unterhielten uns u. a. über die Frage nach dem typisch Isländischen in der isländischen Literatur.

Danach ging es für den Autor zum Signieren, die Damen der Buchhandlung Pankebuch – Die schönsten Bücher aus dem Norden hatten ihren Büchertisch vollgepackt mit den beiden auf Deutsch erschienenen Publikationen von Ragnar Helgi Ólafsson und waren am Ende sichtlich erfreut, leichten Gepäcks den Heimweg antreten zu können.

Für den folgenden Abend lud das Schaufenster der Chocolaterie & Buchhandlung „Fräulein Schneefeld & und Herr Hund“ nach einer kurzen Begegnung meiner Gattin mit einem Berliner Bären  buchmächtig ein zu einer abschließenden Lesung in Deutschlands Hauptstadt.

Das Publikum blieb klein, aber war fein – und die Liebenswürdigkeit der Gastgeber sowie der Charme des nach Schokolade und Büchern duftenden Ladens hätte selbst eine noch kleinere Anzahl wettgemacht.

Also machten wir es uns im Sessel und auf dem Sofa bequem, lasen …

… und disputierten …

Im Disput – Foto Jana Franke

… und sprachen am Ende noch lange mit einzelnen Menschen im Publikum, zu denen auch das Ehepaar Dilek Mayatürk und Deniz Yücel zählte sowie die Autorin Jana Franke aus Potsdam, die eine paar schöne Erinnerungsfotos schoss.

Dilek Mayatürk und Deniz Yücel unter den Gästen – Foto Jana Franke

Das war´s! Danach wäre die Buchmesse in Leipzig angesagt gewesen, mit mehreren Auftritten auf dem Messegelände und im Rahmen von Leipzig liest, aber die fand ja nun aus guten Gründen nicht statt.

Ragnar Helgi Ólafsson hatte für den Mittwoch einen neuen Rückflug über London nach Keflavík / Island buchen können; meine Frau und ich fuhren, da das Hotel eh seit Monaten gebucht war, trotz allem nach Leipzig, von wo aus wir ein paar Tage später weiter ins zweite Zuhause nach Prag aufbrechen wollten.

Doch noch während wir überlegten, ob dies angesichts der sich zuspitzenden Situation sinnvoll wäre, wurde uns die Entscheidung abgenommen: Tschechien schloss seine Grenzen – jedenfalls für mich! Meine Frau hätte noch einreisen können, wohl aber erstmal nicht wieder ausreisen. Jetzt warten wir in Köln die weitere Entwicklung der Dinge ab. Und hoffen, dass niemand, der u. a. von der Messeschließung, den Absagen von Lesungen und sonstigen Aktivitäten betroffen war und noch für ungewisse Zeit sein wird, darunter existentiell allzu hart wird leiden müssen!

Passen wir aufeinander auf und helfen wir einander!

Das Restaurant eines zu Messezeiten gewöhnlich ausgebuchten Hotels in Leipzig Hohenheida – Alle Fotos, wenn nicht anders angeben, Marketa oder Wolfgang Schiffer

 

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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