Unsichtbare Bücher

Der niederländische Autor Thomas Heerma van Voss über seine Zeit als Verleger

Amsterdam

Es gibt Verlage, die existieren wohl nur im Verborgenen. Ein solcher scheint mir die Edition Thomas Seng zu sein, die in der Werkstatt Galerie & Verlag Markus Gramer & Thomas Seng in Nürnberg erscheint. Und das ist äußerst schade, zumal ihre (bislang einzige) Veröffentlichung explizit die äußerst schwierigen Existenzbedingungen kleiner unabhängiger Verlage und die damit einhergehende Verborgenheit ihrer Publikationen zum Thema hat: Unsichtbare Bücher.

Geschrieben hat die traurig komische Geschichte der niederländische Autor Thomas Heerma van Voss, das nicht mal 30 Jahre alte emphatische Wunderkind, wie die Zeitung Volkskrant ihn nannte, der niederländischen Literatur. Übersetzt und mit einem Vorwort versehen hat die Geschichte der in Düsseldorf lebende Journalist, Herausgeber und Übersetzer Ulrich Faure.

Thomas Heerma van Voss´ Geschichte ist nicht erfunden. Er beschreibt darin die Zeit, in der als Lektor und Mitherausgeber im Amsterdamer Verlag Babel & Voss gearbeitet hat und dabei erfahren musste, wie schwer es ist, selbst in den Feuilletons als ausgezeichnet und mutig gepriesene Bücher an den Mann zu bringen.

So leicht es war, sich neue Bücher für unser Programm auszudenken, so unvermutet schwer war die Aufgabe, sie zu verkaufen. Das größte Problem, fand ich heraus, war, einen neuen Titel sichtbar zu machen. Nicht durch Medienaufmerksamkeit oder Rezensionen, nein, ich meine durch Sichtbarkeit des physischen Buches. Die Titel von Babel & Voss wurden oft nur in geringen Mengen eingekauft, wie enthusiastisch wir sie auch anpriesen. Und damit war unser Verlag, wie sich bald zeigte, nicht allein. Überall hörte ich, und ich höre sie noch immer, die Geschichten über sinkende Verkaufszahlen auch bei großen Verlagen – Geschichten von Autoren, von denen selbst nach jahrelanger Arbeit nicht mehr als ein paar hundert Bücher in den Buchhandel fanden. Ab und zu passierte es sogar, dass ein Titel, der im Prospekt noch mit allen möglichen reißerischen Adjektiven angekündigt worden war, überhaupt nicht erschien, weil der Verleger die Reaktionen aus dem Handel zu dürftig fand.

Eines weiteren Kommentars bedarf es meines Erachtens nicht, das oben genannte Zitat spricht für sich. Und auch die Parallelen zur Situation der kleineren unabhängigen Verlage in Deutschland müssen nicht besonders ausgeführt werden; diese ist durch drohenden oder bereits praktizierten Boykott von Publikationen geringer Auflage durch das Barsortiment eher noch zugespitzter.

Ob man als interessierter Leser den von Ulrich Faure geschmeidig ins Deutsche übersetzten und vom Verlag handwerklich sauber, aber äußerlich doch auch einer gewissen Unsichtbarkeit nahe gebundenen Text direkt beim Verlag bestellen kann, habe ich nicht mit Sicherheit recherchieren können; auch die einschlägigen Online-Portale fürs Gedruckte zeigen sich hier wenig auskunftsfreudig.

Ich habe mein Exemplar durch Herrn Seng persönlich (den ich bis dato nicht kennen gelernt habe, dem ich jedoch nichtsdestoweniger danke) unaufgefordert per Post zugestellt bekommen.

Dennoch scheint es mir beinah so, als wolle der Verleger demonstrieren, dass es all der in der Geschichte aufs lebendigste geschilderten Bemühungen gar nicht bedarf, um mit einem Buch tatsächlich unsichtbar zu bleiben.

Leichter ist es hier, auf zuvor Geschriebenes von Thomas Heerma van Voss zu stoßen: auf den 2016 erschienenen Roman Stern geht, eine anrührende Vater-Sohn-Beziehung, und den 2018 veröffentlichten literarischen und findigst konstruierten Thriller Zeuge des Spiels, den er zusammen mit seinem Bruder Daan Heerma van Voss verfasst hat. Beide Romane wurden ebenfalls von Ulrich Faure übersetzt und sind im Verlag Schöffling & Co. erschienen.

Nach deren Lektüre habe ich nur einen Wunsch:

Ich wünsche mir, dass auch alle weiteren Romane von Thomas Heerma van Voss für das deutschsprachige Lesepublikum nicht unsichtbar bleiben mögen.

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Belletristik, Literatur, Rezension, Verlage, Wortspiele abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Unsichtbare Bücher

  1. petraelsner schreibt:

    Traurig, ich kenne diese Umstände nur zu gut… LG

Kommentare sind geschlossen.