Der Mann im Eis

Ein neuer Kriminalroman von Arnaldur Indriðason

Ausschnitt aus der inneren Cover-Illustration des besprochenen Buchs

Bei der Wanderung einer deutschen Touristengruppe auf dem Langjökull entdeckt die Führerin im Gletschereis eine Leiche. Der Klimawandel, der die Gletscher zunehmend abschmelzen lässt, hat sie freigegeben – nach etwa dreißig Jahren. Durch die Kälte bestens erhalten, ist es für die Rechtsmedizinerin Svanhildur und die zuständige Kriminalpolizei nämlich kein Problem, den Toten als Sigurvin zu identifizieren, den Besitzer eines Fischereibetriebs, der exakt seit dieser Zeit vermisst wird. Bald war man seinerzeit von einem Gewaltverbrechen ausgegangen, man hatte auch einen Verdächtigen in U-Haft genommen, Hjaltalín, den früheren Geschäftspartner des Verschwundenen, doch obwohl viele Indizien gegen ihn sprachen, beteuerte der stets seine Unschuld, und handfeste Beweise, die seine Beteuerung widerlegt hätten, fehlten ebenso wie eine Leiche. Die Suche nach Sigurvin wurde eingestellt, und Konráð, dem damals ermittelnden Kommissar, blieb nichts anderes übrig, als den Mann wieder auf freien Fuß zu setzen.

Heute ist Konráð längst im Ruhestand; Marta, eine frühere Mitarbeiterin von ihm leitet jetzt das Kommissariat. Sie ist es auch, die ihn bittet nach Litla Hraun, dem Gefängnis, hinauszufahren, in dem Hjaltalín erneut in Untersuchungshaft sitzt, hofft man doch, ihm nun – nach dem Fund der Leiche – anhand neuer Spuren die Tat nachweisen zu können. Hjaltalín allerdings besteht darauf, nur mit Konráð sprechen zu wollen.

Der Fund der Leiche reißt bei Konráð alte Wunden wegen des ungelösten Falls auf; er folgt der Bitte eher widerwillig. Das Gespräch bringt auch keine neuen Erkenntnisse, der inzwischen sterbenskranke Hjaltalín pocht nach wie vor auf seine Unschuld, versichert einmal mehr, dass er an dem Abend des Verbrechens bei einer Frau gewesen sei, deren Namen er aber, um sie nicht zu kompromittieren, auch jetzt nicht preisgibt.

Im Kommisariat rollt man den Fall inzwischen noch einmal in allen Details auf, rekonstruiert erneut den Abend des Toten, dessen Spuren sich bei den Warmwassertanks auf der Anhöhe Öskuhlíð verlieren, doch weiß man sich nach wie vor nicht zu erklären, wie Sigurvin von dort auf den Gletscher geraten sein soll. Einen Jeep, mit dem dies möglich gewesen wäre, hatte er  nachweislich nicht besessen.

Natürlich berichten die Medien umfänglich über den Fund und die Rätsel, die sich der Polizei auftun – und auch wenn Konráð nicht müde wird zu behaupten: „Ich bin raus!“, so lässt auch ihn der Fall nicht los. Abend für Abend sitzt er zu Hause bei einem Glas Rotwein und zerbricht sich den Kopf, was er seinerzeit übersehen haben könnte; zu einem Ergebnis kommt er jedoch nicht.

Erst der spätabendliche Besuch einer Frau, die aus der Zeitung von der Öskuhlíð als möglichem Tatort erfahren hat, lässt ihn Hoffnung schöpfen. Die Frau namens Herðis stellt sich ihm als Schwester des vor neun Jahren nach dem nächtlichen Besuch einer Sportbar von einem Auto zu Tode gefahrenen Villi vor, eines jungen Mannes, der schon als Kind von einem brutal aussehenden Mann mit einem Monsterjeep erzählt hatte, mit dem er am Abend von Sigurvins Verschwinden auf der Öskuhlíð in Streit geraten sei. Dieses Datum hatte sich ihm derart eingeprägt, weil er – schon damals ein großer Fußballfan – zuvor Zeuge eines dramatisches Spiels seiner Lieblingsmannschaft geworden war.

Der Autofahrer, der Villis Tod verschuldet hatte, war nie gefunden worden, doch war man wegen der schlechten Wetterverhältnisse in der Nacht stets von einem Unfall ausgegangen. Nun jedoch gab es allen Grund, an dieser Annahme zu zweifeln und eine andere in Betracht zu ziehen: Hatte Villi Jahre später in der Sportbar womöglich den Mann wiedererkannt? War der Unfall vielleicht gar kein Unfall, sondern Mord?

Wer Arnaldur Indriðasons Kriminalroman Schattenwege gelesen hat, in dem der frisch pensionierte Konráð ebenfalls ein lange zurückliegendes Verbrechen aufklärt, wobei er auch an seine unsichere Kindheit im Schattenviertel und die kriminellen Aktivitäten seines später ermordeten Vaters erinnert wird, der weiß, mit welcher Energie und Hartnäckigkeit der ehemalige Ermittler noch die kleinste sich ihm auftuende Spur verfolgt.

Im aktuellen Fall handelt er nicht anders: Auch wenn es bisweilen erneut eine bittere Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit bedeutet, so dringt er doch weit in diese zurück, spricht ein weiteres Mal mit allen ehemaligen Kontaktpersonen Sigurvins, mit seiner Schwester und seiner ehemaligen Frau, nimmt noch den entferntesten Hinweis, den diese auf weitere Menschen geben, unter die Lupe und rekonstruiert so minutiös das gesamte Umfeld des Toten bis weit zurück in dessen Kindheit und Jugend, die dieser u. a. eine Zeitlang bei den Pfadfindern verbrachte. Pfadfinder, von denen, wie man weiß, heute viele beim freiwilligen Rettungsdienst engagiert sind, und der verfügt durchaus über Fahrzeuge, die selbst auf Gletscher fahren können. Liegt hier vielleicht die Lösung des Falls?

Einmal mehr erweist sich der vielfach ausgezeichnete isländische Krimiautor Arnaldur Indriðason auch in seinem neuen, von Anika Wolff sicher und elegant in den Stilen der jeweiligen Zeit übersetzten Roman als der überaus versierte Erzähler, der es versteht, einen komplexen Plot zu erfinden, Spannung aufzubauen und trotz eines äußerst ruhigen Erzählflusses den Spannungsbogen bis zum Ende  zu halten, ohne je einen Cliffhanger überzustrapazieren. Auch die Mischung von Szenen aus der Vergangenheit mit den gegenwärtigen sind stimmig, die Charaktere, damals wie heute, überzeugen. Insgesamt bietet Verborgen im Gletscher all jenen Lesefreude, die von einem Kriminalroman anderes erwarten als eine action-geladene Knallorgie.

Erschienen ist der Roman als Hardcover und eBook im Lübbe Verlag und bei  LÜBBE AUDIO auch in gekürzter Fassung als Hörbuch, gelesen von Walter Kreye.

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Der Mann im Eis

  1. Angelika schreibt:

    Allein Dein Bericht über das Buch liest sich schon so spannend, lieber Wolfgang, dass es kein Zögern gibt, – die Auflösung der Geschichte brauche ich nun ganz dringend, aber mindestens ebenso eine Begegnung mit der Schreibkunst des Autors! Vielen Dank!

  2. SätzeundSchätze schreibt:

    Es wird Zeit, dass ich mir mal wieder einen Krimi hole – danke für den Tipp!

  3. Constanze Matthes schreibt:

    Vielen Dank für diesen interessanten Hinweis. Da ich mir vorgenommen habe, wieder mehr im Krimibereich unterwegs zu sein, kommt dieser Titel auf meine Liste. Zumal ich mehr und mehr die eher „stilleren“ Krimis für mich entdecke und bevorzuge. Viele Grüße

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