Schattiges Glück

Oder vom Lesen der Wörter …

Island

Schattiges Glück

Im Innern des dunklen Cafés ist es tief drinnen am schattigsten und von dort kommen manchmal lichtdurchflutete Wesen aus der Dunkelheit, kommen wie im Flug nach vorn geschnellt und überreichen dir ein Din A4 Blatt und sind dann wieder verschwunden.

Das Blatt löst sich sofort auf, aber einige der schwarzen Buchstaben stürzen auf den Tisch und auf den Boden darunter.
Du schaffst es gerade, ein paar einzelne Wörter zu lesen, und sitzt noch eine Weile da und versuchst dich an sie zu erinnern.
Brunnen.
Stern.
Ozean.

 

Skuggsæla

Inni á dökka kaffihúsinu er skuggsælast allra innst og þaðan koma stundum ljósar verur innan úr myrkrinu, koma örskotsstund fram og rétta þér A4 blað og eru svo horfnar.

Jafnharðan gufar blaðið upp en eitthvað af svörtum stöfum hrynur niður á borðið og gólfið.
Þér tekst ekki að lesa nema einstaka orð og situr lengi áfram að reyna að muna þau.

Brunnur.
Stjarna.
Úthaf.

 

Die Platzierung des Gedichtbands Gedichte erinnern eine Stimme von Sigurður Pálsson auf der Hotlist 2019, der Liste 10 herausragender Bücher aus unabhängigen Verlagen, welche die Leserinnen und Leser durch ihr Online-Voting für dieses Buch aus Island möglich gemacht haben, zählt für uns, das Übersetzer-Duo Jón Thor Gíslason und ich, zweifellos zu den schönsten Ereignissen in unserer Arbeit des bald zu Ende gehenden Jahres.

Als ich jetzt Sigurður Pálssons Gedichte noch einmal las, wurde mir aber auch wieder bewusst, wie sehr es ein, um den Titel des hier in beiden Sprachen zitierten Textes zu verwenden, wie sehr es ein „schattiges Glück“, ein überschattetes war, das sich mit der Freude verband: Nur zu gerne hätten der ELIF Verlag, in dem das Buch erschienen ist, und wir es gesehen, wenn der Autor diese Wertschätzung, die erste und einzige, die sein Werk – zu Hause und auch international, z. B. in Frankreich, oftmals ausgezeichnet –  hierzulande erfuhr, selbst noch erlebt hätte. Gedichte erinnern eine Stimme ist nämlich sein einziger Gedichtband, der je ins Deutsche übersetzt wurde – und Sigurður Pálsson starb während der Übersetzungsarbeit daran 69-jährig in Reykjavík.

Sigurður Pálsson
Foto Johann Pall Valdimarsson

Das Gedicht Schattiges Glück erinnert mich aber nicht nur daran, seine Lektüre zeigt mir auch einmal mehr, wie tief der Autor  noch in seiner letzten Schaffensperiode, geprägt bereits vom Wissen um seinen unausweichlichen Tod, in seiner Überzeugung der Wertigkeit von Sprache und seiner Liebe zur Literatur gefestigt war. Selbst in alltäglichen Situationen, dem Verweilen in einem Café z. B., fallen ihm wie aus einem transzendenten Off Buchstaben zu, die sich zu Wörtern formen und einen ganzen, poetisch aufgeladenen Kosmos – vielleicht eines anderen, weiteren Lebens – eröffnen: Brunnen, Stern, Ozean.

Besonders deutlich werden diese Überzeugung und Liebe, die weite Teile des Gedichtbands durchziehen, noch in einem anderen Gedicht, dem dritten des zwölfteiligen Zyklus Stimmen in der Luft. Hier heißt es am Ende des Gedichts über einen Windhauch:

Während der Windhauch zum Balkon hoch glitt
fand er ein Buch soeben vom Leben geschrieben
es las es durch von Anfang bis Ende
und entbrannte vor Begeisterung
er fuhr durch alle Straßen
und erzählte den Leuten
was er gelesen hatte

Erzählte den Leuten
von dem großen Wunder

dass das Leben zeichnen und schreiben könne
und er könne lesen

Das wir, die Übersetzer, uns trotz des aus dem genannten Grund getrübten Glücksgefühls dennoch freuen können, gründet darin, dass viele Leserinnen und Leser solche Zeilen offensichtlich gerne gelesen haben und weitere immer noch gewillt sind, sich einen Eindruck zu verschaffen, von den Gedichten selbst wie wohl auch von der in vielen Besprechungen positiv hervorgehobenen Gestaltung des Buches durch den Layouter und Grafiker Ümit Kuzoluk.

Und das Übersetzer-Duo freut sich natürlich auch, weil die gemeinsame Arbeit an und mit isländischer Literatur weiter geht: Im Frühjahr erscheint im ELIF Verlag der Erzählungsband Handbuch des Erinnerns und Vergessens von Ragnar Helgi Ólafsson, vielen als Autor bereits bekannt durch seinen vor zwei Jahren im ELIF Verlag veröffentlichten Gedichtband Denen zum Trost, die sich in ihrer Wirklichkeit nicht finden können, dessen 3. Auflage soeben vorbereitet wird. Der Prosa aus Island wird dann wieder Lyrik folgen, und zwar Das Kleingedruckte, der jüngste Gedichtband der nicht zuletzt durch den ELIF Verlag mit der Publikation des Bandes Freiheit in 2018 ebenfalls bereits bekannten Lyrikerin Linda Vilhjálmsdóttir. Und was danach kommt, sei hier noch nicht im Detail verraten, aber es könnte etwas mit dem passenden Wetter für Lederjacken zu tun haben. Warten wir´s, das zuvor Veröffentlichte hoffentlich freudigst lesend, gelassen ab.

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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