Keiner verliert allein

Gerd Zahners zweiter Goster-Krimi

Ich lese gerne Krimis. Besser gesagt, gerne auch Krimis. Aber was ist ein guter Krimi für mich? Welche Erwartungen habe ich an ihn? Braucht es einen raffinierten Plot, dessen auf Hochspannung getrimmte Verästelungen mich ans kriminelle Konstrukt fesseln, ganz gleich, wie wahrscheinlich es ist, dass dergleichen auch in der Realität geschehen könnte? Oder lege ich Wert auf eine gewisse kritische „Welthaltigkeit“, deren Schilderung sich mehr oder weniger der Strukturen eines Krimis bedient, um mir – nicht weniger spannend – die Risiken und Gefahren einer gesellschaftlichen Gegenwart vor Augen zu führen?

Keiner verliert allein, der neue Goster-Krimi von dem Rechtsanwalt, Theaterkritiker und – autor Gerd Zahner, der ebenso wie sein von der Presse gefeiertes und bereits zuvor von Didi Danquart verfilmtes Debüt Goster (2018) im :TRANSIT Buchverlag erschienen ist, gehört – wenn er denn überhaupt einer der genannten Alternativen zuzuordnen ist – eher zu der zweiten Kategorie.

So sind die Vorfälle, die hier dazu führen, dass beinah eine ganze Stadt aus den Fugen gerät, durchaus nah an der Realität. Sehr nah sogar! Da fliegen Chrystal Meth-Labore und -Depots in die Luft, unter dem Namen Führer und Panzerschokolade kursieren massenweise Drogen, die an die Nazi-Zeit erinnern, und fordern ihre Opfer, da wird übers Darknet Pervitin und anderer Stoff aus Tschechien importiert und über Drogenwohnungen weiter verkauft, Gewinne werden auf dem Immobilienmarkt gewaschen, dessen Akteure nicht davor zurückschrecken, gewinnbringend zu modernisierende Objekte auch mal mittels Feuer zu „entmieten“.

Kommissar Goster fällt es zunächst schwer, einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Ereignissen, mit denen er und seine junge Kollegin H. konfrontiert sind, zu erkennen.

Noch verwirrender wird die Situation, als sie zu einer blutüberströmten Frau gerufen werden, die auf dem Boden liegend, das Messer noch in der Hand, „Blut, Blut, jetzt ist gut“ vor sich hin stammelt; offensichtlich hat sie ihren Verlobten Frederik Bieger, Sohn eines vermeintlich reichen Versicherungsmaklers erstochen, denn sie selbst ist unverletzt, doch findet man eine Lache mit etwa zwei Litern Blut. Und das, so stellt sich bald heraus, ist von Frederik Bieger. Doch der steht bald darauf, ebenfalls ohne jede Verletzung, wieder von den Toten auf und behauptet zu Recht, nie umgebracht worden zu sein.

Während Goster noch rätselt, was es mit dieser Inszenierung, denn um eine solche handelt es sich wohl, auf sich hat, geschieht ein „echter“ Mord: Im Volkspark Hasenheide wird eine Frau erschossen, eine Mutter von drei Kindern. Eigentümlich ist, dass sie halb in einem Loch liegend gefunden wird, einem in den Rasen eingelassenen und nun geöffneten Drogenbunker. Und ein Zeuge will den todbringenden Schützen gesehen haben und in Panik davon gerannt sein – um demselben, aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz, einige hundert Meter entfernt ruhig dastehend erneut zu begegnen.

Damit tut sich ein weiteres Rätsel vor Goster auf, doch ergibt sich aus diesem Verbrechen bald auch eine erste heiße Spur …

Wohin diese Spur führt, wird hier natürlich nicht verraten! Wohl aber wird gesagt, dass Keiner verliert allein bis zum Ende ein sehr unterhaltsames Leseabenteuer ist, und das nicht nur wegen der Spannung, die der Plot in sechsundzwanzig mal kürzeren, mal längeren hart geschnittenen Sequenzen entfaltet, sondern ebenso und für mich vielleicht noch mehr wegen der so eindrucksvollen – und für einen Krimi durchaus ungewöhnlichen – Schreibe, in der Gerd Zahner den gelungenen Mix vorantreibt, einen Mix aus gehörigem Thrill, einem Quentchen Poesie und ein wenig Pulp, durchwirkt mit Gefühl, realitätsnaher Härte und philosophischer Tiefenschärfe.

Und – wie sagt Goster doch an einer Stelle so richtig: Ein Labyrinth ohne Ausgang ist kein Labyrinth?

Getreu dieser Erkenntnis werden denn am Ende auch zumindest die meisten Rätsel gelöst und die Täter, selbst die, denen man ihre Taten nicht rechtskräftig nachweisen kann, ihrer gerechten Strafe zugeführt. Lassen Sie sich überraschen!

 

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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Eine Antwort zu Keiner verliert allein

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Hört sich an, als würde ich das auch mal lesen wollen.

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