da die autorin wesentliches zu sagen hat

Holger Benkel über den Gedichtband „Freiheit“ von Linda Vilhjálmsdóttir

Wenn nach annähernd einem Jahr nach Erscheinen eines Buches noch eine Rezension erfolgt, und noch dazu eine derart profunde, wie sie der Schriftsteller und Kritiker Holger Benkel nun geschrieben hat, so kann eine Autorin wirklich stolz auf ihr Werk sein. Und alle anderen am Zustandekommen des Buches dürfen es vielleicht auch ein wenig sein. In jedem Fall freuen sie sich, und das sehr!

Die folgenden Ausschnitte mögen einen Eindruck geben von dem ebenso umfang- wie kenntnisreichen Rezensionsessay, den Holger Benkel zu dem Gedichtzyklus Freiheit der Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir, erschienen im September 2018 im ELIF Verlag, geschrieben hat.

da die autorin wesentliches zu sagen hat, kann sie in einer einfachen, klaren und direkten sprache schreiben, der auch die schlichte und feine buchgestaltung entspricht. ihre gedichte, zugleich sensibel und energisch, äußern mit einem nüchternen ernst, dem man in den nordeuropäischen literaturen vielfach begegnet, schmerz, zorn und empörung über die finanzkrise vor 10 jahren, die in island zur staatskrise wurde und das land an den rand des ruins trieb, sowie die ursachen dafür, die sie hinterfragt. ich stellte mir beim lesen ihres buches vor, wie sie susan sontag liest.

der band, genau genommen ein fließendes langgedicht, wenngleich in ein eingangskapitel und drei weitere teile untergliedert, mit gut 50 seiten länge, jeweils im original und deutsch, sowie ohne interpunktion, folgt gewiß keiner freiheitsapologetik, sondern verteidigt die freiheit offensiv und kritisch. man könnte den buchtitel, bei dem mitzudenken ist, daß die isländer den wert eines freien und unabhängigen lebens besonders schätzen, auch mit einem fragezeichen versehen, oder lesen. denn die finanzwirtschaftlichen verwerfungen machten das land extrem abhängig von finanzmärkten, und damit unfreier. ideologen der freiheit meinen mit diesem begriff häufig eher einen ungebremsten egoismus und beschädigen die freiheit damit. denn mißbräuche der freiheit, denen wir, öffentlich und privat, heute zunehmend begegnen, gefährden am ende, zumal wenn sie, zumindest indirekt, autoritären kräften argumente liefern und anhänger zuführen, nicht nur die positive freiheit, sondern die freiheit insgesamt.

Die isländische Lyrikerin Linda Vilhjálmsdóttir

gute gedichte zu solch sachbezogenen problemen lassen sich gar nicht so leicht schreiben. umso bemerkenswerter finde ich, wie dies linda vilhjálmsdóttir gelang, indem sich der text, poetisch und sachlich genau, entlang seiner grundmotive entfaltet. das buch beginnt mit elementaren wahrnehmungen, die sie mit knappen worten benennt, wie allwiss in der »Älteren Edda«, licht und finsternis, himmel und erde, feuer und wasser, die in island den menschen noch näher und gegenwärtiger sind als anderswo. das nachfolgende erste kapitel beschreibt und reflektiert, nun etwas weniger verknappt, weil hier fakten mitzudenken waren, lebensformen, mit denen der mensch seine lebensgrundlagen zerstört, das zweite kapitel eindrücke einer reise nach jerusalem, also an einen knotenpunkt der weltreligionen, und damit der weltkulturen, aber auch der weltkonflikte, ehe die autorin im schlußkapitel nach island zurückkehrt.

sie fragt nach dem richtigen maß, wenn sie schreibt: »wir haben / das wort vervielfacht / auf erden // vervielfacht die festungen / zwischen himmel und erde / vervielfacht gott // vervielfacht das lachen / das weinen den hass und die gier // vervielfacht alles / zwischen himmel und erde / alles außer der güte« und »wir haben die freiheit vervielfacht / uns selbst lebendig zu begraben // auf der hauswiese / daheim«. das wir, in dessen namen sie spricht, macht deutlich, daß man für die lösung menschheitlicher probleme und konflikte auch ein menschheitliches bewußtsein braucht, das noch ziemlich unterentwickelt ist. friedrich dürrenmatt schrieb: »Was alle angeht, können nur alle lösen.« und »Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muß scheitern.« viele aber haben, von den beschleunigungen und ambivalenzen ihres fragmentierten lebensalltags gejagt und überfordert, nicht einmal mehr eine ahnung vom ganzen.

Der vollständige Rezensionsessay von Holger Benkel, den KUNO, die seit 1989 bestehenden Kulturnotizen zu Kunst, Musik und Poesie veröffentlicht hat, findet sich hier.

Danke, Holger Benkel, fürs Schreiben – danke, KUNO, fürs Veröffentlichen!

 

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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