Lyrik zu zwei Händen

Ein Veranstaltungsgast reagiert!

Da sitzt man ahnungslos in einem Kulturraum (in dem Fall im Kultursalon Freiraum in Köln) und müht sich, einem kleinen, aber höchst interessierten Publikum den auch hier in den „Wortspielen“ von Blogger-Kolleg*innen bereits einige Male gewürdigten Gedichtband Gedichte erinnern eine Stimme des leider verstorbenen isländischen Autors Sigurður Pálsson vorzustellen. Und dann dieses Ergebnis: Nicht nur die Gedichte, auch man selber gerät in den Fokus einer gewissen Aufmerksamkeit!

Hans Jürgen Reichart jedenfalls, ein Gast der ersten Reihe, hat mir in literarischer Reaktion auf den Abend den hier folgenden Text zukommen lassen.

Meine Liebste hat in Folge dieser charmanten, aber auch sehr genauen Beobachtung inzwischen alle gelben Zettel vor mir versteckt! Sie meint, mein Verhalten könne sich zu einem richtigen Tick auswachsen!

Da sage noch mal einer, Literatur sei wirkungslos!

Also:

Lyrik zu zwei Händen

Da sitzt man wieder einmal erwartungsvoll, aber ahnungslos, in einem Kulturraum und lässt sich vorlesen: Lyrik des isländischen Dichters Sigurður Pálsson. Der Übersetzer aus dem Isländischen ist zugleich der Rezitator, der Vorleser. Dankenswerterweise informiert er zu Beginn das scheinbar handverlesene Publikum (zwei Hände reichen) im angenehmen Plauderton über die isländische Lyrik im Allgemeinen und den Autor im Besonderen. Dann geht es richtig los. Das Vorlesebuch ist gespickt mit farbigen Haftnotizen, an denen sozusagen entlang gelesen wird. Und das geht so. Die Seite wird aufgeschlagen, das kanariengelbe Klebezettelchen abgelöst, zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand zwischengelagert, während die rechte Hand das Buch steil stellt, so dass das Gedicht fast aus dem Buch purzelt, dem Vorleser entgegen, der es nun angemessen vorträgt. Die rechte Hand legt dann den Gedichtband ab, um jetzt im Einklang mit der linken Hand das aufbewahrte Merkzettelchen zu rollen und zu drehen. Wie man Zigarren rollt. Das bihändige Drehen, Kneten und Rollen bindet die Aufmerksamkeit des Zuhörers in der ersten Reihe, der sich fragt, wie es wohl weitergeht. Einhändig! Während die rechte Hand blätternd das nächste Gedicht sucht, dreht die linke unverdrossen weiter. Da das gesuchte Gedicht gefunden  ist, wird das damit frei werdende Post-it  mit der rechten Hand rückstandsfrei abgenommen und weiter vorne wieder aufgeklebt, das Buch kann schräg gestellt und die Lesung fortgesetzt werden. Die dann und wann eingeschobenen launigen Kommentare und hilfreichen Erläuterungen für das Auditorium erlauben es dem Vorleser, Lesebrille und  Buch abzulegen und das selbstvergessene Rollen und Drehen paarig wieder aufzunehmen.

Das war schön – zu hören zu sehen.

(Hans Jürgen Reichart, April 2019)

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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2 Antworten zu Lyrik zu zwei Händen

  1. wildgans schreibt:

    Lesungen verführen IMMER – jedenfalls mich und wie geschehen auch andere Menschen – ganz genau auf den oder die Lesenden, Vortragenden zu achten, während man gut zuhört!
    Gruß von Sonja

  2. versspielerin schreibt:

    wie wunderbar, fein beobachtet und in worte gebracht – zum schmunzeln; sehr liebenswert, lieber wolfgang! 🙂 (schön, hier wieder ab und zu von dir zu lesen!)
    mit liebem gruß, diana

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