Die Katzen

Eine nachgelassene Erzählung von Julio Cortázar

„Sie sind wie die Katzen“, stellte Mama Hilaire untröstlich fest, „wie zankende Katzen.“ Carlos María dachte an das fürchterliche Geschrei nachts auf den Dächern. Aber er wusste auch, dass Katzen sich unter Vollmond nicht zanken, dass sie zwar schreien und fauchen, aber nicht im Kampf.

Die Katzen von Julio Cortázar versetzen uns nach Buenos Aires in den 1940er Jahren. Carlos María, Sohn der Hilaires, wächst zusammen mit seiner Cousine Marta auf, der sich die wohlhabenden Eltern wie eines eigenen Kindes angenommen haben. Ihre gemeinsame Kindheit verbringen sie mit den üblichen geschwisterlichen Spielen, ausgelassen und wild, mit beginnender Pubertät jedoch entsteht ein anderes Interesse aneinander, ein ihnen bis dahin unbekanntes, höchst erotisches Spannungsfeld, in dem Anziehung und Abstoßung das nun für beide gleichermaßen irritierende Miteinander prägen. Erst als später mit Rolando ein junger Mann in Martas Leben tritt, scheint sich ihre Beziehung zu klären – allerdings äußerst schmerzhaft für Carlos María, denn auch wenn er mannhaft auf Marta zu verzichten gedenkt, so überwiegt doch immer wieder rasende Eifersucht. Und schließlich findet er im Sekretär seines Vaters noch einen rätselhaften Brief, der ihm ein Familiengeheimnis zu enthüllen scheint, das die Situation noch verzweifelter werden lässt…

Wer bereits Erzählungen und / oder Romane des argentinisch-französischen Schriftstellers Julio Cortázar (1914 – 1984) gelesen hat, den wird es vielleicht verwundern, dass diese novellenartige Erzählung aus dem Nachlass, den 2009 bekannt gegebenen Papeles inesperados, den unerwarteten Papieren, nicht bereits früher, noch zu Lebzeiten des Autors, veröffentlich wurde. In ihrer Kunst der Andeutung, der luziden Entwicklung der Charaktere, dem Aufbau innerer Spannung, der stilistischen Präzision, kurzum in ihrer gesamten Erzählkunst steht sie nämlich in Nichts dem bereits veröffentlichten Werk nach.

Wie auch immer: Dass wir das kleine Meisterwerk nun sowohl im spanischen Original wie auch in deutscher Übersetzung lesen können – und das in ein und demselben Buch – verdanken wir vor allem der Kunststiftung NRW. Sie nämlich ist es gewesen, die im Rahmen ihrer seit Jahren bestehenden Förderung literarischer Übersetzung (sie verleiht u.a. den Straelener Übersetzerpreis) mit diesem Buch erstmals ein Tandem-Projekt verwirklicht hat, das junge Übersetzerinnen und Übersetzer, die noch am Anfang stehen, mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zusammenbringt und in enger Zusammenarbeit ein literarisch bedeutenden Werk der internationalen Literatur, das bislang noch nicht ins Deutsche übersetzt ist, übertragen lässt.

Das Projekt ist Teil der Schriftenreihe Literatur der Kunststiftung NRW, deren Ergebnisse – wie auch dieses zweisprachig edierte Buch – im Düsseldorfer Lilienfeld Verlag, Träger des erstmals vergebenen Verlagspreises NRW, erscheinen.

Das erste Tandem bildeten Henriette Terpe und der erfahrene Übersetzer Frank Henseleit. Beigegeben haben sie der Erzählung auch noch ein Nachwort, das den Text u.a. in das Gesamtwerk Julio Cortázars einordnet. Das Ergebnis in der Summe liest sich ganz großartig und wird von mir gerne empfohlen. Und Neugier weckt es auch: Aufs Wiederlesen weiterer Werke des Autors – und auf das nächste Tandem und dessen Wahl!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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4 Antworten zu Die Katzen

  1. finbarsgift schreibt:

    Na da bin ich aber gespannt, denn ich bin ein großer Fan von Cortazar!
    Obwohl nicht gerade einer von Katzen… 😁
    Dankeschön für’s Zeigen und Präsentieren, lieber Wolfgang!
    Herzliche Frühlingsgrüße vom Lu

  2. schifferw schreibt:

    Herzlichen Dank, lieber Lu! Und mach Dir bitte keine Sorgen wegen der Katzen – sie dienen nur einem Vergleich in dieser Familienkonstallation! Hab ein schönes Wochenende, Wolfgang

  3. buchuhu schreibt:

    O wie großartig, es gibt noch einmal Neues von Cortázar! Danke für diesen Hinweis!

  4. finbarsgift schreibt:

    Dann ist ja alles gut… *lächel *
    Liebe Grüße zur Nacht vom Lu

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