Scherengeräusch und Wintergespött

Glücksmomente in Sachen Literatur (2)

Teilabbildung aus dem nachfolgend erwähnten Gedicht

Vor einiger Zeit schrieb ich am Beispiel der Würdigung der isländischen Lyrikerin Linda Vilhjálmsdóttir als „Europäischer Dichter der Freiheit“ über das besondere Glücksempfinden, das einem ein Leben mit Literatur von Zeit zu Zeit gar über das Normale hinaus gewährt.

Ich versprach zum Schluss, von einem zweiten solcher Momente zu berichten, die mir in den vergangenen Wochen zuteilwurden.  Hier ist mein kleiner Bericht.

Seit vielen Jahren bereits veröffentlich die San Marco Handpresse des Bildhauers und Zeichners Peter Marggraf – neben einer Vielzahl anderer liebevoll gestalteter Bücher (z. B. die kleine Reihe i libri bianchi) in loser Folge Einzeleditionen von Sammlungen ausgewählter Gedichte,  lektoriert und herausgegeben von Hans Georg Bulla.

i libri bianchi

Dies geschieht, wie es sich für eine Handpresse geziemt, natürlich in kleinster Auflage, in feinstem Satz auf feinstem Papier und auf einem Handtiegel gedruckt – und erfährt zumeist noch eine besondere Aufwertung darüber hinaus: eine beigelegte Radierung des Künstlers und Handpressen-Buchdruckers selbst.

Das kennt man doch, denken jetzt vielleicht so manche, woran soll sich denn hier ein derart außergewöhnlicher Glücksmoment entzünden, dass darüber – wenn überhaupt – etwas über eine normale Besprechung hinaus zu sagen wäre?

Nun, sagen wir mal, ich habe neben einer mich wirklich verblüffenden Besonderheit mehrere persönliche Gründe!

Die verblüffende Besonderheit besteht darin, dass das Werk, dessen Cover ich wegen der Größe der Publikation und meiner fehlenden Aufnahmetechnik hier nur in einem Ausschnitt andeuten kann, laut Impressum erst im Winter dieses Jahres gedruckt wird. Und doch habe ich kein Vorab-Exemplar, sondern die Nummer 10 der vom Dichter und Künstler 24 hergestellten und signierten Exemplare.

Den Künstler habe ich schon genannt: Peter Marggraf. Der Dichter steht für den ersten persönlichen Grund. Es ist Johann P. Tammen, neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller für viele Jahre engagierter und unermüdlicher Herausgeber der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik die horen. Mit ihm verbindet mich nicht nur die Erinnerung an so manch intensive Zusammenarbeit, sondern vor allem das Vergnügen und die Ehre einer tiefen Freundschaft.

Mit Scherengeräusch und Wintergespött legt Johann P. Tammen nun fünfzehn seiner lyrischen Dedikationen vor. Seine Zueignungen gelten Künstlern wie Schriftstellern, zum Beispiel Franz Radziwill oder Robert Walser, sie gelten dem niederländischen Dichter Frans Budé, dem tschuwaschischen Poeten Gennadij Ajgi, dem Isländer Baldur Óskarsson, den deutschen Autorinnen und Autoren Elke Erb, Richard Pietraß, Hugo Dittberner oder Brigitte Struzyk.

Aus den veröffentlichten Gedichten ergibt sich nun auch der zweite persönliche Grund für den außergewöhnlichen Glücksmoment – denn eines von ihnen ist mir zugeeignet.

Neben der großen Freude, zwischen den „großen Namen“ in dieser so feinst gemachten Publikation selber auch einen Platz erhalten zu haben, evoziert das Gedicht H. K. L. – der seinen Namen schrieb als wir ihm gegenüber saßen, welches die obige Fotografie in Teilen zeigt, noch ein weiteres Glücksgefühl – und damit einen weiteren persönlichen Grund, Scherengeräusch und Wintergespött hier mit einer gewissen Euphorie vorzustellen: Das Gedicht erinnert an einen gemeinsamen Besuch von Johann P. Tammen und mir beim großen isländischen Schriftsteller Halldór Kilian Laxness. Der Besuch des von uns Beiden gleichermaßen verehrten Literatur-Nobelpreisträgers liegt zwar schon viele Jahre zurück – mir aber ruft das Gedicht die Begegnung wieder ins Bewusstsein, als habe sie in den ersten Monaten dieses Jahres stattgefunden.

Der alte Mann in dem weißen

Haus am Rand des Mondes nascht den

Zucker in seine Faust gleich Brocken

des Ruhms der über ihn kam

Kreischend

stürzen Möwen meerwärts durch Himmel.

 

Halldór Laxness wurde am 23. April 1902, dem diesjährigen Welttag des Buches, geboren; er starb am 8. Februar 1998.

Die Radierung des Künstlers Peter Marggraf, die der Publikation Scherengeräusch und Wintergespött in der San Marco Handpresse beiliegt, trägt den Titel Horchender am Stein. Natürlich setze ich diesen Titel sofort in Beziehung zum poetischen Schürfen des Urhebers der Texte, zu dem Dichter Johann P. Tammen, doch angesichts des Werks von Halldór Laxness will mir scheinen, als wäre es nicht ganz falsch, dabei auch an ihn zu denken.

Horchender am Stein, Radierung von Peter Marggraf, vernis mou und aquatinta 2018

 

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Scherengeräusch und Wintergespött

  1. finbarsgift schreibt:

    Wenn irgendwo etwas neues über Halldor Laxness steht, lieber Wolfgang, dann werde ich immer sofort ganz neugierig…
    Dankeschön für’s Zeigen und Präsentieren!
    Liebe Grüße vom Lu

  2. versspielerin schreibt:

    … ach, wie ist das toll und freut mich ganz riesig für dich, lieber wolfgang!
    ich habe das gefühl, dass du ein mensch bist, dem man gerne so etwas widmet.
    das ist sind wirklich glücksmomente pur, perlen im leben. 🙂
    … und ein wunderbares buch. danke fürs zeigen und herzliche grüße!
    diana

  3. wildgans schreibt:

    „die horen“ hatte ich jahrelang abonniert. Die wegzuwerfen im Rahmen meiner Aufräumaktionen habe ich noch nicht übers Herz gebracht…
    Und: wie wunderbar ich es finde, dass es diese Interessen, diese ganz besonderen poetischen, überhaupt „noch“ gibt…
    Gruß von Sonja

  4. schifferw schreibt:

    Ich danke Dir für‘ s Gucken, lieber Lu!

  5. schifferw schreibt:

    Hab Du herzlichen Dank für‘ s Gucken! Und noch mehr für‘ s liebe Kommentieren!

  6. schifferw schreibt:

    Nicht wegwerfen, bitte! Nie! Hab Dank für’s Aufmerken!

  7. finbarsgift schreibt:

    Sehr gerne, lieber Wolfgang ⭐

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