Aus Glut geschnitzt

Neue Gedichte von Dinçer Güçyeter

Ausschnitt einer Seite aus dem vorgestellten Buch

Mit Aus Glut geschnitzt legt der Lyriker, Theatermacher und –darsteller sowie Verleger Dinçer Güçyeter nach den Bänden ein glas leben und anatolien blues aus dem Jahr 2012 seinen dritten Gedichtband vor.

Ihn bewertend vorzustellen, verbietet sich mir, da ich die einzelnen Gedichte darin schon früh kennen lernen und bis zu ihrer Drucklegung begleiten durfte – kritisch, wie man so sagt – doch, das kann ich immerhin anmerken, ich hätte dies zweifellos nicht getan, wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre von dem, was der Dichter hier zu Papier gebracht hatte.

Auch wenn ich mir eine Besprechung also versagen muss, so erlaube ich mir doch zumindest einen Hinweis auf dieses Buch, das seinen Lektor in der äußeren Gestalt, die es inzwischen angenommen hat, nun einmal mehr für sich einzunehmen weiß: Hardcover mit Lesebändchen, typografisch feinst gestaltet vom Layouter Ümit Kuzoluk und vom Umschlag bis in die einzelne Abschnitte trennenden Innenseiten hinein komplettiert mit dezenten Collagen aus Ornamentik, Handschrift und Fotos, nicht zuletzt aus dem familiären Umfeld des Autors.

sei Schnitt, sei Schlitz, sei Wunde / heile dich mit eigenen Liedern / in der Röte des Morgenlichts, heißt es, aus einem Gedicht zitierend, auf der Innerseite des Umschlags, und weiter: die neuen Gedichte von Dincer Gücyeter, erfüllen diesen Anspruch, den der in Deutschland geborene Lyriker mit anatolischen Wurzeln in seinen Texten und an seine Texte stellt, in jeder Zeile. Ganz gleich, ob er sich der Heimat seiner Eltern erinnert, der sprachlosen Ankunft in einem neuen Land, ob er im Leid der Mutter die Chronik der Geschichte einer Arbeitsmigrantin evoziert, sich mit dem schweren Schatten des Vaters auseinandersetzt, Eros, aber auch sexuelle und politische Gewalt thematisiert, seine Gedichte, bildstark, mal zart, mal grob, doch immer sprachgewaltig Tradiertes mit der heutigen Lebenswelt verbindend, lassen das Sehnen der Liebenden, den Schmerz der Hoffnung, Trauer, Wut und Einsamkeit geradezu physisch mitempfinden. Und zugleich sind sie poetische Dokumente des Miteinanders, der Leidenschaft und der Lebenslust.

Ein Urteil, ob der Dichter in seinen Texten dem zitierten Anspruch tatsächlich gerecht wird, sei natürlich jeder Leserin / jedem Leser selber überlassen – zum Schönsten der Poesie zählte ja so wie so, dass man das gelesene Gedicht in und für sich selbst fort- und oftmals neu schreibt. Damit dies aber geschehen kann, ohne gleich den Gedichtband erstehen oder zumindest entleihen zu müssen (was ich dem Autor natürlich dennoch von Herzen wünsche …), sei hier beispielhaft ein Gedicht zitiert. Es ist einem Abschnitt des Bandes entnommen, der den Untertitel trägt: alle Welt wollte Frieden und schickte die Welt in die Flucht …

gestrandete Kinderschuhe

ein Bund Himmel

hab ich dir unter den Nacken geschoben
wo flattern jetzt die Schmetterlinge?
wo fliegen die feurigen Vögel
die einst die dunklen Höhlen
der Berge mit Licht besangen?

in meiner Faust
dein vom Südwind gekämmter Atem
wo verstummen nun die Wiegenlieder?
die Stimmen: die Flammensprösslinge
auf Feldwegen
die den Gaumen in Brand steckten?

das Salz zwischen deinen Zehen
enthüllt die Lügen der Zeit
wohin fließen nun die Tränen
wo heilt man die Brandflecke auf den Lidern?
und die nassen Knoten deiner Schuhe
die Zeugen tausender Untaten
wohin damit …

Eine Seite aus dem vorgestellten Buch

Der Gedichtband Aus Glut geschnitzt ist erschienen im Elif Verlag und bei Interesse über dessen Shop ebenso zu beziehen wie im Buchhandel.

 

 

 

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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