Das Comeback (m)eines ersten Romans

Über Nichtglauben und Glaubenszweifel …

Natürlich steht sie so, wie oben gezeigt, nicht immer im Bücherregal, meine erste, kleine Prosa, veröffentlicht 1974 im Claassen Verlag.

Ich habe sie erst jetzt – quasi aus Nostalgie und zur Feier des Tages zugleich – so da hinein gestellt. Ich wollte sie wohl noch einmal so richtig vor Augen haben, bevor ihre analoge Aufmachung möglicher Weise mehr und mehr, wenn nicht für immer verschwindet. Denn obwohl ich vor wenigen Tagen, als ich auf Einladung eines Lesekreises ein wenig über mein bisheriges Tun, Literatur betreffend, berichten sollte, noch ein paar Zeilen aus diesem haptischen Buchstaben- und Wörterkonvolut gelesen habe, könnte es nun bald vorbei sei mit Anfassen und Blättern. Jedenfalls die herkömmliche Weise betreffend…

Die Befragung des Otto B., so ihr Titel, hat nämlich eine Umwandlung erfahren, ja, eine Wiedergeburt geradezu – als E-Book in der Edition Elektrobibliothek des Berliner Verbrecher Verlags. Ab sofort ist sie, so die Auskunft des Verlags, der das Werk nun bei vollkommener Corporate Identity in einem ihm gemäßen (virtuellen) Cover-Layout gestaltet hat (das heißt, ähnlich wie all die wunderbaren Bücher, die er auch als Hardcover herausgibt, wie zum Beispiel die siebenbändige Ausgabe Das Büro von J.J. Voskuil oder Fürsorge von Anke Stelling oder Still halten von Jovana Reisinger oder Europas längster Sommer von Maxi Obexer und und und …) – sie ist ab sofort in allen einschlägigen Stores erhältlich.

Der Beginn des Buches, damals wie heute, ist schnell zitiert:

Befragt, wie er heiße, antwortet er: Otto B., irgendwer habe ihm diesen Namen zugeordnet, damals, als er sich noch im embryonalen Zustand befunden habe, direkt jedoch erst nach dem Datum seiner Geburt, da sei wieder irgendwer gewesen, habe gesagt, er werde nun so gerufen, habe gerufen, rief: ich rufe dich: Otto B. Damit habe es angefangen, und nach Verlauf einiger Geburts­daten­wieder­holungen sei es ihm sicher geworden, dass eine Erwähnung des benannten Namens sich auf ihn beziehe; Gegenwehr nutzlos, jetzt höre er drauf.

Was er von der Nummerierung halte? Sei ihm gleichgültig, mache keinen Unterschied, wer höre, gehöre auch …

Und im jetzt neuen Klappentext dazu heißt es:

Für Otto B. sind die Zwänge von Herkommen, Ausbildung und Zukunft Sackgassen. Doch seinem Aufbäumen gegen die gesellschaftlichen Zwänge, dem Entwurf einer lebenswerten Utopie, setzt der normale Kreislauf der Produktionsgewalten Idee und Mensch zerschlagende Gesetze entgegen. Und so sieht sich Otto B. bald vor Gericht stehen und hochnotpeinlich zu seinem Leben befragt werden …

„Ein Band über die Kälte in den Köpfen der Kleinbürger und Bürokraten, für den man sich erwärmen kann.“ So urteilte der Kritiker Klaus Antes vor mehr als 40 Jahren über das Erstlingswerk des heutigen Schriftstellers und Übersetzers Wolfgang Schiffer. Mehr als 40 Jahre später blickt dieser in einer Nachbemerkung anlässlich der Neuauflage in der Edition Elektrobibliothek des Verbrecher Verlags selber noch einmal auf seinen Erstling zurück und fragt dabei auch nach den gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten heute.

Die erwähnte Nachbemerkung beginnt wie folgt:

An Wiedergeburt habe ich nie geglaubt. Selbst damals nicht, als so manche der mich zu der Zeit umgebenden Zeitgenossen sie trotz eifriger Besuche marxistischer Seminare doch tatsächlich wenigstens dem einen gewünscht haben, mit dem die Mär einer Auferstehung von den Toten nebst späterer Wiederkunft überhaupt erst so richtig in die Welt gekommen war. Schließlich sahen so manche der inzwischen zur Revolution konvertierten Jungchristen in ihm – dem quasi ersten Wutbürger – doch einen der ihrigen, ja, sogar ein Vorbild, das ausreichend Potential zur Identifikation bot – nicht nur das äußere Erscheinungsbild betreffend.

Und so geht es dann erstmal weiter:

An Revolutionen und deren Nachhaltigkeit glaube ich inzwischen übrigens auch immer noch nicht so richtig. Ich suche immer noch nach der einen, in deren Verlauf und Folgen nicht einige gewichtige Herrschaften (zumeist männlichen Geschlechts) sich ihrer Ideen und Ideale in einer Weise (und nicht selten zum eigenen Vorteil) bemächtigt hätten, dass sie der darauf gründenden Gesellschaft allmählich kaum noch zu der damit zunächst doch hoffnungsfroh verbundenen Lebensform verholfen hätten. Selbst der Französischen Revolution gegenüber, der wir als folgenreichstes Ereignis der neuzeitlichen europäischen Geschichte trotz zeitweise legalisierten Terrors und eines daraus hervorgegangenen usurpatorischen Napoleon Bonaparte, der sich als selbstgekrönter Kaiser bald ganz Europa untertan zu machen suchte, unbestritten unsere heutige westliche freiheitliche Gesellschaftsordnung verdanken, will meine Skepsis gerade im Blick auf dieses Heute nicht geringer werden. Schauen wir uns nämlich einmal an, wie es um ihren Anspruch »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« tatsächlich bestellt ist, so müssen wir feststellen, dass wir hiervon immer noch weit entfernt sind, ja, uns derzeit sogar beschleunigt weiter davon entfernen.

Mehr wird hier (die interessierte Leserin / der interessierte Leser weiß, warum …) nicht zum Einlesen angeboten, doch will ich zum Schluss noch den Verlag kurz selbst zu seiner Edition Elektrobibliothek zu Wort kommen lassen, einer Idee, die auf den russischen Konstruktivisten El Lissitzky zurückgeht, jedoch nie verwirklicht wurde.

Der Verbrecher Verlag hat sich dieses Wort nun entliehen und plant, basierend auf Lissitzkys Vision, wenigstens eine elektronische Buchedition zu schaffen, in der, ich zitiere, gute Texte in guter Gestaltung in die Gegenwart eingreifen.

Und weiter heißt es:

Für die Edition Elektrobibliothek gilt:

In der Edition Elektrobibliothek im Verbrecher Verlag erscheinen nur Texte von lebenden Autorinnen und Autoren. Es geht um Gegenwart.

In der Edition Elektrobibliothek werden ausschließlich Romane, Erzählungen und weitere epische Formen sowie Essais veröffentlicht.

In der Edition Elektrobibliothek erscheinen ausschließlich auf Deutsch verfasste Texte, was nicht heißen muss, dass die Autorin oder der Autor seine Staatsbürgerschaft nachweisen muss. Hat die Autorin oder der Autor an einer Übersetzung maßgeblich mitgewirkt, so gilt das hier gleichfalls als deutschsprachiger Originaltext.

Jeder in der Edition Elektrobibliothek erscheinende Text ist nie zuvor als E-Book erhältlich gewesen, auch nicht in einer früheren Fassung.

Texte, die im Verbrecher Verlag bereits in einer Druckfassung vorliegen, werden nicht in der Edition Elektrobibliothek erscheinen.

Alle in der Edition Elektrobibliothek erscheinenden Texte, die bereits in einer Druckfassung erschienen sind, wurden für die Ausgabe in der Edition Elektrobibliothek durchgesehen oder überarbeitet.

Es geht um Autorschaft.

Es geht um Literatur.

Es geht um Gegenwart.

Ich denke, man darf neugierig sein und bleiben, was hier in Zukunft noch alles zu lesen sein wird! Dies und mehr ist zu erfahren auf den Seiten des Verlags und die finden sich mit einem Klick auf das Wörtchen hier.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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5 Antworten zu Das Comeback (m)eines ersten Romans

  1. Anton Goldberg schreibt:

    Der Anfang Deiner Erzählung klingt interessant – ein bisschen kafkaesk.
    Lieben Gruß
    Anton

  2. schifferw schreibt:

    Freut mich, dass Du ihn so liest! Gute Grüße zurück, Wolfgang

  3. rotherbaron schreibt:

    Klingt sehr interessant und eigen. Erschreckend ist, dass das, was in den 70er Jahren gedacht und analysiert wurde, heute von einer schon schmerzlichen Aktualität ist. Damals durfte und sollte Literatur noch gesellschaftlich querdenken. Ich weiß nicht, ob mein Eindruck trügt: Der Literatur-Mainstream ist heute eher bürgerliche Innerlichkeit: Man beschäftigt sich hingebungsvoll mit seinen Genitalien (Charlotte Roche) oder mit seinen Beziehungen, der Familie, der Herkunft oder dem Provinziellen (Heimatkrimis) …….Vielleicht zu pauschal?

  4. schifferw schreibt:

    Herzlichen Dank für diesen Kommentar! Ja, die 70er waren etwas anders aufgestellt, natürlich, aber so ganz zustimmen will / kann ich dennoch nicht. Aktuell denke ich dabei an Juli Zehs Arbeiten, zuletzt „Leere Herzen“ – sie denkt schon sehr politisch und quer.

  5. rotherbaron schreibt:

    Stimmt. Juli Zeh schätze ich auch sehr!

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