Ljóðbréf – Poesiebriefe aus Island

Kleine Kostbarkeiten aus dem Mond Verlag

Poesiebriefe im Ausschnitt

Ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll: Ich liebe sie einfach, diese Poesiebriefe, die der Tunglið forlag, der Mond Verlag, in Reykjavík zweimal jährlich verschickt!

Ein zwanzigseitiges Leporello, mit Fadenverschluss und Wachssiegel – und vor allem mit schönster Poesie: aus meiner Sicht ein M u s s  für jede Isländerin und jeden Isländer ebenso wie für alle Nicht-Isländer, die sich für die Literatur, insbesondere für die Lyrik des Landes interessieren und der Sprache der Insel ausreichend mächtig sind oder Freunde haben, denen es ein Vergnügen bereitet, die Texte für sie zu übersetzen!

Den ersten Poesiebrief erhielt ich völlig unaufgefordert in den ersten Tagen des Monats seiner Ausgabe, des Februars dieses Jahres – eine freundliche Geste des Verlagsleiters Ragnar Helgi Ólafsson, so sagte ich mir – mit ihm war ich in Kontakt gekommen, weil ich zu der Zeit gemeinsam mit meinem Freund, dem Maler Jón Thor Gíslason, an der Übersetzung seines ersten Gedichtbands saß. Wer den Blog hier verfolgt, weiß, dass es sich dabei um den Band Denen zum Trost, die sich in ihrer Wirklichkeit nicht finden können handelt, inzwischen erfolgreich veröffentlicht im Elif Verlag – und, wie beispielhaft eine der ersten Reaktionen belegen mag, gemocht.

Ljóðbréf N° 1, 10. Februar 2017

Von der zweiten Ausgabe und der grundsätzlichen Möglichkeit, ein Abonnement für diese Reihe abzuschließen, erfuhr ich sodann durch  Facebook – und während meine Anfrage, wie ich ein solches Abonnement und zu welchen Konditionen für das Ausland bewerkstelligen könne, noch auf dem Weg nach Island war, brachte mir der Postbote den neuen Brief bereits. Auf eine Antwort zu meiner Anfrage warte ich übrigens immer noch; ich hoffe, sie kommt, denn ansonsten muss ich – um den weiteren Erhalt dieser Kostbarkeit gewährleistet zu sehen – mahnen.

Ljóðbréf N° 1 enthielt auf seinen 20 Seiten neue Gedichte von mehreren Lyrikerinnen und Lyrikern des Landes, von Fríða Ísberg, Bragi Ólafsson, Elin Edda, Valgerður Þóroddsdóttir Helgi Hjartarson, Sigurbjörg Þrastardóttir, Kristinn Árnason Dagur Hjartarson, Sjón, Kristín Ómarsdóttir, um nur einige zu nennen – auch einige wenige neue Texte von Ragnar Helgi Ólafsson selbst, diesem musikalischen, bildnerischen und schreibenden Multitalent, finden sich darin, ja, sogar ein paar ins Isländische übersetzte Gedichte – von Frank O´Hara zum Beispiel oder von Miróslav Holúb – eine wahre Fundgrube voller Poesie, voller Stimmen und Tonalitäten ist er also, dieser Poesiebrief, und das in einer so ansprechenen Aufmachung, dass man ihn wirklich nicht missen will.

Ljóðbréf N° 2, 5. Oktober 2017

Eine nicht minder reiche Fundgrube  ist Ljóðbréf N° 2, wiewohl er – oder weil er – nur einem einzigen Dichter gewidmet ist: dem (ich berichtete darüber) vor wenigen Wochen gestorbenen Schriftsteller Sigurður Pálsson.

In großer Ehrerbietung enthält dieser Poesiebrief Beispiele aus so gut wie all seinen Gedichtbänden, aus Ljóð vega salt ( in etwa: Gedichte in der Waage), dem ersten Band 1975, bis hin zu seinem letzten: Ljóð muna rödd (in etwa: Gedichte erinnern sich an eine Stimme). Aus letztem enthält der neue Poesiebrief auch das Gedicht, das auf der Rückseite des Buchcovers abgedruckt ist, ein Gedicht, aus dem das Wissen des Dichters um den bedrohlichen Ernst seiner Krankheit spricht – aber auch ein großes Vertrauen in die Kraft der Poesie. Und – so wissen wir heute – eine bittere Vorahnung, die leider Wirklichkeit werden sollte: Das Licht des Augusts hat Sigurður Pálsson zwar noch erlebt, am 19. September dieses Jahres jedoch erlosch sein Leben.

Orð og draumar

Orð og draumar
hafa alltaf farið saman
í lífi mínu
Lengur en ég man

Nú bíður hann færis
þessi sem ég vil ekki nefna
bíður færis ég finn það

Kemst ekki nær mér
meðan ágústbirtan

breytir draumum
í orð

breytir orðum
í drauma

 

Wörter und Träume

Wörter und Träume
gehörten in meinem Leben
stets zusammen
Länger als ich denken kann

Nun wartet er auf seine Chance
den ich nicht beim Namen nennen will
wartet auf seine Chance, das spüre ich

Er kommt aber nicht an mich heran
so lange das Licht des Augusts

Träume
in Wörter verwandelt

Wörter verwandelt
in Träume

(Aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer)

Wenn ich am Ende bei aller Begeisterung für diese Poesiebriefe doch noch ein kleines Bedauern anmerken darf, so geschieht dies mit Blick auf den Leser außerhalb Islands: Es gibt in ihnen nicht die geringste biografische Angabe zu den Autorinnen und Autoren, deren Texte sie vorstellen. In Island mag das auch nicht nötig sein – in einem traditionell literaturbesessenen Land mit etwa 340.000 Einwohnern (die Literatur galt lange Zeit – und ist es für  manche heute immer noch – als d i e Kunstform; alles andere sind Nebenkünste…), da kennt man seiner Dichterinnen und Dichter – hierzulande aber vermisst man eine solche Angabe doch ein wenig!

Und ein zweites Bedauern, das ich trotz des ersten anmerken möchte: Ich kenne nichts Vergleichbares für die Literaturszene hier – und wünschte es mir doch so sehr!

Und sollte es dergleichen doch geben, das nur meiner Kenntnis bisher entgangen ist, so bin ich dankbar für jeden Hinweis!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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9 Antworten zu Ljóðbréf – Poesiebriefe aus Island

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Der frühe Vogel beschäftigt sich mit Poesie 🙂

  2. SätzeundSchätze schreibt:

    Was für ein besonderes Land dies sein muss, in dem die Literatur so einen Stellenwert hat! Und was für poetische Post!

    • schifferw schreibt:

      Ja, es ist ein besonderes Land, in vielfacher Hinsicht! Doch muss man derzeit auch Nachrichten lesen, dass der Buchverkauf rückläufig sei! Leider!

  3. Stefan Heidsiek schreibt:

    Das ist in der Tat eine Kostbarkeit. Solche Post möchte wohl jeder Bibliophile gerne in seinem Briefkasten vorfinden. Das Leporello wird wohl einen besonderen Platz in Deinem Regal bekommen.

    • schifferw schreibt:

      So wird es sein! Und natürlich hoffe ich, dass noch so manche dazu kommen werden!

      • Stefan Heidsiek schreibt:

        Der Weg ist das Ziel. Und er ist ansteckend, denn seit ich Deinen Blog entdeckt habe, wächst mein Interesse an der isländischen Literatur, die ich bisher nur durch das Genre Kriminalroman kannte. Aber bei diesem schönen Hobby erweitert man den Horizont doch gern. Beste Grüße und noch ne schöne Woche, Stefan

      • schifferw schreibt:

        Eine solche Wirkung freut mich natürlich, lieber Stefan! Und ich denke, es gibt in diesem recht wenig bevölkerten Land in der Tat viel zu entdecken – nicht nur gute Fußballspieler und einen vorbildlichen Teamgeist! Man stelle sich das einmal vor: so eine Stadt wie Bielefeld oder Bonn nimmt an der Fußball-WM teil! Frábært!

  4. Philipp Elph schreibt:

    Vom Aussehen her ist der Brief eine bibliophile Kostbarkeit. Inhaltlich sicher auch. Leider fehlt mir der Zugang zur Sprache.

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