Fremdsein – ein Menschheitsgefühl

Maxi Obexer beschwört „Europas längsten Sommer“

Himmel über Berlin – Foto: Wolfgang Schiffer

Ohne es sich genau zu überlegen, ohne es genau zu wissen oder wissen zu wollen, leisten sich die europäischen Länder in ihrem Inneren ein grundsolides nationalistisches Denken.Ein Denken, dem die Logik des Ausschlusses bis in die kleinste Haarspitze hinein einverleibt ist. Das ihren Marginalisierten und Minderheiten fortwährend bescheinigt, dass sie nicht gleichwertiger Teil des gesellschaftlichen Ganzen seien. Aber was dann? Dasselbe System ist ja dafür verantwortlich, dass es „Randständige“ gibt, oder hat Länder annektiert und damit Minderheiten geschaffen. Warum wollte man sie dann überhaupt?

Diese Zeilen stehen in Maxis Obexers Roman Europas längster Sommer, erschienen vor wenigen Monaten im Verbrecher Verlag.

Auf einer Bahnfahrt von Italien nach Berlin sitzt eine junge Frau mit sechs jungen Männern in einem Abteil – sie könnten zu einem Fußballspiel unterwegs sein, wohl eher jedoch sind es Flüchtlinge, die darauf hoffen, auf ihrem Weg nach Deutschland nicht entdeckt zu werden. Dies jedenfalls geht mitfühlend der jungen Frau durch den Kopf – man  hört quasi ihr Aufatmen nach dem Passieren des Brenners, dem ersten Grenzhindernis, das es auf dem illegalen Weg zu überwinden gilt – und zugleich erinnert und reflektiert sie ihr eigenes Fremdsein – als Italienerin aus Südtirol, wo sie nicht als Italienerin galt, später als Ausländerin im deutschen Berlin, wohin sie vor etwa zwanzig Jahren zum Studium ging und blieb und wo sie weder das eine, noch das andere sein durfte, bis ihr die mit der Europäischen Union erteilte Freizügigkeit auch noch die fragile Identität einer Fremden nahm, ohne ihr (da dieses Europa selbst fern einer wahren Identität war und ist) die Identität einer Europäerin zu geben. Und nun hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, und nicht wenige, ob sie liebende Frauen oder Freundinnen und Freunde, fragen sie: warum?

Es war 2006, dass ich Maxi Obexer erstmals bewusst wahrgenommen habe: In einem damals noch „anderen“ Beruf hatte meine Abteilung ihren Text Das Geisterschiff,  der bald auch mehrere Theateraufführungen erfuhr, als Hörspiel realisiert – einen dramatischen Text, der allen vor Augen und Ohren führte, dass die sogenannte Flüchtlingskrise, dass das Sterben im Mittelmeer, keine Erfindung der Zukunft sein sollte, sondern bereits in den letzten Jahren des letzten Jahrhunderts längst begonnen hatte. Damals war vor Lampedusa ein Schiff mit 283 Flüchtlingen gesunken, Fischer hatten ihre Leichen in ihren Netzen gefunden, sie jedoch, als die Küstenwache nichts zu tun gedachte, wieder ins Meer geworfen. Die italienische Regierung hatte das Vorkommnis schlichtweg bestritten und das Schiff zum „Geisterschiff“ erklärt, bis die Zeitung La Repubblica den Skandal aufdeckte – Jahre später.

Derart dramatisch geht es in Maxi Obexers Europas längster Sommer – gemeint ist der Sommer 2015, als sich in Europa für Flüchtlinge einige der Grenzen öffneten – nicht zu und dennoch ist auch diese Arbeit eine in mehrerer Hinsicht denkwürdige. Den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, zu dem die Autorin eingeladen war, konnte sie damit nicht gewinnen – natürlich nicht, dazu ist der Text allein schon zu verstörend.

Europas längster Sommer ist keine literarische Petitesse, formal ist das Roman genannte Buch ein Zwitter, allenfalls semifiktiv, in jedem Fall autobiographisch zu Beginn, dann streckenweise eher essayistisch, fast ein wenig belehrend mit seinen vielen Fragen zu und an Europa (auf die Maxi Obexer selbstredend die Antworten selber weiß…), mit Fragen zu Nationalität, zu Freiheit, zu Menschenrechten und so weiter – das kann in seiner Gehäuftheit schon irritieren, und das tut es auch und das ist gut so, eben weil es irritieren, ja, weil es verstören will. Es ist eine Verstörung, die nach dem Fremdsein als Menschheitsgefühl fragt – seinem Vorhandensein (und das, so paradox es manchem vorkommen mag, häufig genug im eigenen Land) – und nach den Möglichkeiten, dem Notwendigen, um solches Fremdsein zu überwinden.

Auch wenn die Fragen, die Maxi Obexer mit Bitternis und Hoffnung auf eine bessere Zukunft stellt, oftmals rhetorische sind, es sind die Fragen, die sich Politiker wenn überhaupt, so dann nur allzu selten stellen. Ich empfehle daher allen, die für den nächsten Bundestag unseres Landes kandidieren, Maxis Obexers Roman zu lesen, bevor sie – falls die Wählerinnen und Wähler ihnen das Mandat dazu erteilen – auf der Abgeordnetenbank Platz nehmen – und den Wählerinnen und Wählern empfehle ich die Lektüre gerne ebenso: Europas längster Sommer könnte als Entscheidungshilfe bei der Einordnung der Europapolitik der jeweiligen Kandidatinnen und Kandidaten dienen und somit helfen, das Kreuz an der richtigen Stelle zu machen!

Mit dem Sommer 2015 wurde die Festung überwunden, die freiwillige Selbstbegrenzung und Abgrenzung gegen andere.

Es war der Sommer, als wir anfingen, höher und weiter zu denken, über die Grenzen hinaus, in ein Europa hinein.

Es war der erste Sommer von Europa, und es war der längste.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Fremdsein – ein Menschheitsgefühl

  1. ralphbutler schreibt:

    Hat dies auf Blütensthaub rebloggt und kommentierte:
    … Ein Denken, dem die Logik des Ausschlusses bis in die kleinste Haarspitze hinein einverleibt ist…

  2. Angelika schreibt:

    … der längste Sommer mit dem kürzesten Verfallsdatum … Was wir in diesem Sommer 2015 erlebt haben, wurde uns schon Anfang der fünfziger, Ende der sechziger Jahre von Wissenschaftlern, Menschenrechtlern und kirchlichen und nichtkirchlichen Hilfsorganisationen vorausgesagt. Nach einigen Jahren der finanziellen und praktischen Hilfe, in denen es zur Selbstverständlichkeit wurde, seine Karrierepläne hintenan zu stellen und wenigstens eine Zeit lang die ganze Kraft der damals so genannten dritten Welt zur Verfügung zu stellen, – auch in dem Bewusstsein großer Schuld gegenüber den Menschen in den ehemaligen Kolonien, die man nun als gleichberechtigt anerkannte, brachte die Ölkrise Europa wieder den Egoismus zurück, man „vergaß“ seine Verantwortung, und der eigene, zum Teil wieder durch Ausbeutung der ehemaligen Kolonien erworbene Wohlstand wurde zum Hauptthema, – so lange, bis die Vorhersagen wahr wurden. Wir können mit unserem Wahlverhalten wenigstens VERSUCHEN, eine Wende einzuleiten, eine Rückbesinnung und Neuausrichtung, damit es wieder zur Sebstverständlichkeit wird, auch in den Armen und Hilfsbedürftigen den Bruder und die Schwester zu sehen, und zu teilen, nicht zu raffen. – Mich machen Aussagen von Politikern, alles sei so überraschend gekommen, fassungslos. Sie müssten es besser wissen.

  3. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Ohne es sich genau zu überlegen, ohne es genau zu wissen oder wissen zu wollen, leisten sich die europäischen Länder in ihrem Inneren ein grundsolides nationalistisches Denken.Ein Denken, dem die Logik des Ausschlusses bis in die kleinste Haarspitze hinein einverleibt ist. Das ihren Marginalisierten und Minderheiten fortwährend bescheinigt, dass sie nicht gleichwertiger Teil des gesellschaftlichen Ganzen seien. Aber was dann? Dasselbe System ist ja dafür verantwortlich, dass es „Randständige“ gibt, oder hat Länder annektiert und damit Minderheiten geschaffen. Warum wollte man sie dann überhaupt?

  4. Christoph Schmitt schreibt:

    Hat dies auf Bildungsdesign rebloggt und kommentierte:
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