Lidice – Symbol der Grausamkeit

Von den Nationalsozialisten aus Rache zerstört

Blick über das ehemalige Dorf Lidice (hier die Grundmauern der Kirche) auf die heutige Gedenkstätte

Die Landstraße nach Prag führt durch das Dorf Lidice. Es ist ein schöner Sonntagmorgen im Frühling. Die meisten Einwohner ergehen sich draußen. Der älteste Teil des Dorfes umrandet in Winkeln und Ausbuchtungen launisch die Straße, die keine Verbreiterung zuläßt, außer, die alten Häuser, Höfe, Gärten würden abgerissen. An dem einen Ende steht aus Urzeiten die Dorflinde mit weiter Krone und jungem Laub. Die Wiese dahinter ist von Gänsen bevölkert, der Teich, auch ein Gemeindegut, von Enten. Auf den Bänken im Umkreis der Linde sitzen Frauen, die zerarbeiteten Hände liegen im Schoß, die Stimmen sind laut, die Gemüter sonntäglich still. Sie tragen bunte Stoffe. Hell gekleidete, blonde Kinder spielen.

So beginnt Heinrich Mann seinen 1942 in Los Angelos entstandenen und 1943 im Exilverlag Ex Libro Libre in Mexiko veröffentlichen Roman Lidice, in BRD in Lizenz des Aufbau-Verlags laut meiner Ausgabe erstmals veröffentlicht 1985 im Claassen Verlag.

Das Idyll, das er hier noch entwirft, sollte jedoch nicht von langer Dauer sein: das Massaker von Lidice am 10. Juni 1942, die vollständige Liquidierung der Siedlung durch die nationalsozialistischen Okkupanten der damaligen Tschechoslowakei, dessen Nachricht die Welt erschütterte und denin den USA im Exil lebenden Schriftsteller sofort zum Schreiben seines Buches veranlasste, setzte ihm ein grausames Ende. Als Vergeltungsmaßnahme für das von der tschechoslowakischen Exilregierung in Auftrag gegebene Prager Attentat vom 27. Mai, bei dem Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes und Hitlers Statthalter in Prag, so schwer verletzt wurde, dass er am 4. Juni seinen Verletzungen erlag, hatten in der Nacht des 9. Juni deutsche Polizeikräfte (vornehmlich die sogenannte Schutzpolizei) unter dem Kommando von SS-Offizieren das Dorf umstellt und am frühen Morgen des 10. Juni mit der Verschleppung und Ermordung seiner nur wenige Hundert zählenden Einwohnern begonnen, weil diese mit den Attentätern zusammengearbeitet hätten, eine Behauptung, die ersichtlich erfunden war und nur dem Anlass diente, zur weiteren Einschüchterung der Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten.

Im Memoriam. Die Gedenkstätte Lidice

Bei meinem kürzlichen Aufenthalt in Tschechien bin nach Lidice gefahren – die von Heinrich Mann beschriebene Landstraße, die von und nach Prag führte, gibt es so nicht mehr, sie ist längst Teil der Autostraße 7 geworden. Wenn man jedoch von dieser abbiegt und auf die  Gedenkstätte, erbaut auf dem früheren Dorf-Areal,  und auf das in der Nachbarschaft nach dem 2. Weltkrieg neu erbaute Dorf Lidice zufährt, mag man zwischen Hecken und unter Bäumen eine Ahnung von dem bekommen, was der Autor in seiner Fiktion erschaffen hat.

Ich war die etwas mehr als 20 km von Prag dorthin sehr früh in den Morgenstunden gefahren, so früh, dass gar das zur Gedenkstätte dazugehörige Museum noch geschlossen hatte.  Doch auch selbst ohne einen Besuch dieses Museums, allein beim Durchgehen des Geländes, führen einen Hinweistafeln, Skulpturen, Mauerreste und vieles mehr schmerzlich vor Augen, zu welch grauenhaften Verbrechen selbst „normale“ deutsche Schutzpolizisten einst fähig gewesen sind.

So trieben  sie die etwa 200 Frauen und etwa halb so viele Kinder zusammen und karrten sie in Bussen in den Nachbarort Kladno. Von den Kindern wurden einige nach rassischen Kriterien ausgesucht und zur „Germanisierung“ in ein Lebensborn-Heim verbracht. Die verbliebenen 82 wurden in ein Vernichtungslager deportiert und dort vergast. An sie erinnert eine Bronze-Skulptur mit den Figuren von 82 Kindern.

Die Kinder von Lidice – Skulptur von Marie Uchytilová

Die Kinder von Lidice – Detail der Skulptur

Die Frauen wurden überwiegend in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert; viele von ihnen fanden hier oder in anderen Lagern den Tod. An ihr Schicksal und das weiterer Frauen erinnern eine hoch aufgerichtete Skulptur und eine davor im Boden eingelassene Gedenkplatte.

Skulptur und Schriftplatte zum Gedenken an die Frauen von Lidice, die unter dem Terror von Nazi-Deutschland ihr Leben ließen, auf Todesmärschen oder in den Konzentrationslagern von Lublin, Auschwitz und Ravensbrück

Eine weitere, äußerst schlicht gehaltene Gedenkplatte erinnert an die 173 Männer des Dorfes, denen die sofortige Erschießung als Schicksal beschieden war. Sie hatten sich vor dem Erschießungskommando in Zehnerreihen an der Wand eines Gehöftes aufstellen müssen und wurden danach an Ort und Stelle verscharrt.

Mit einer Bronzeplatte gedenkt man der 173 ermordeten Männer von Lidice

Nach dem Massaker wurden die Häuser geplündert und in Brand gesetzt und schließlich das gesamte Gelände durch Kräfte des Reichsarbeitsdienstes eingeebnet, um Lidice so vollständig von der Landkarte zu tilgen. Es ist – zum Glück für uns Nachgeborene – nicht gelungen; im Gegenteil: Lidice wird stets ein Mahnmal gegen barbarische Tyrannei und völkischen Wahn sein und bleiben.

Das wusste auch Heinrich Mann, als er mit seinem Roman begann. Anders lassen sich seine Äußerungen zum Entstehen seines Buches wohl nicht deuten:

Lidice ist ein Dorf, das Entartete vernichtet haben wie tausend andere Dörfer, aber unter dramatischen Sachverhalten. Wenn kein anderes, wird dieses eine Dorf das Andenken einer unmöglichen Schreckensherrschaft verlängern.

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Die Skulptur Mutter mit Kind und Blick auf die Häuser des nach dem 2. Weltkrieg neu erbauten Lidice – alle Fotos: Wolfgang Schiffer

Noch unter dem Eindruck meines „Besuches“ der Gedenkstätte werde ich die nächsten Tage wohl nutzen, um Heinrich Manns Dialogroman, in dem manche auch ein Hohngelächter über den Faschismus sehen, nochmals zu lesen; meine frühere Lektüre liegt zu lange zurück, als dass ich noch eine verlässliche Erinnerung an das Werk hätte.

Ein zweiter Roman steht jedoch auch auf meiner Leseliste; der Besuch beim Buchhändler meines Vertrauens ist schon terminiert. Es handelt sich dabei um den Roman Die Toten schauen zu, den der Engländer Gerald Kersh, wie ich bei meinen Recherchen nun entdeckte, ebenfalls früh nach den Schreckensereignissen verfasst hat, nämlich 1943. Erschienen in deutscher Übersetzung ist er im vergangenen Jahr im Verlag Pulp Master in Berlin.

 

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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8 Antworten zu Lidice – Symbol der Grausamkeit

  1. hajoschneider schreibt:

    Hallo Wolfgang, danke für diese Erinnerung. Vergessen wir doch allzu leicht, wie grausam der Mensch sein kann.

  2. Anne-Marit schreibt:

    Herzlichen Dank für diesen interessanten Beitrag, lieber Wolfgang. Das Buch von Gerald Kersh werde ich mir besorgen, wenn es auch sicher nicht leicht zu lesen ist.

  3. SätzeundSchätze schreibt:

    Danke für diesen eindrücklichen Beitrag. Das Buch von Heinrich Mann kannte ich noch nicht, das werde ich mir auf jeden Fall besorgen.
    Die Fotos geben den Eindruck wieder, dass hier sehr sorgsam über das Thema Gedenkkultur nachgedacht wurde, insbesondere die Skulptur mit den Kindern ist sehr berührend.

  4. versspielerin schreibt:

    sehr bewegend. danke hierfür!

  5. hafenmöwe schreibt:

    ein sehr berührender Beitrag. Ich habe noch nichts vorher von Lidice gehört. Ich nehme an, wenn ich morgen an meinem Arbeitsplatz meine Kolleginnen und Kollegen frage, was Ihnen der Ort Lidice sagt, dass ich häufiger ein Schulterzucken als Antwort bekomme als ein sich-Erinnern an einen Ort, wo Menschen während des Weltkrieges der Willkür und Grausamkeit deutscher Polizeigewalt ausgesetzt waren.
    Was wäre die Gegenwart ohne ein Erinnern an die Vergangenheit?
    Mit Sicherheit kein Ort, an dem ich leben wollte…

    • schifferw schreibt:

      Ja, die Gegenwart wäre vielleicht etwas leichter zu leben, aber irgendwie auch leer! Leider lernt homo sapiens jedoch auch nicht allzu viel aus der Vergangenheit – so jedenfalls will es mir scheinen!

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