Worüber ich schreiben wollte…

3 x zu Island

Am Ende meines letzten Beitrags hier in den „Wortspielen“ habe ich es bereits gesagt: das Glück, mich auf eine neue Übersetzung und wieder einmal auf einen eigenen literarischen Versuch konzentrieren zu können und zu wollen, lässt die Frequenz meiner Rauchzeichen in meinem Blog deutlich niedriger werden. Natürlich heißt dies nicht, dass ich nicht weiterhin in andere Bücher schaue, sie anlese oder gänzlich lese – nur mag und kann ich derzeit nicht in dem Umfang und mit der subjektiv wertenden Genauigkeit über sie schreiben, wie ich es mir abverlangte, wäre da nicht dieses andere Tun.

Darauf hinweisen, vielleicht sogar zumindest mit ein paar Worten empfehlen, was mir so auf den eh schon überbordenden Tisch kommt und mein Interesse oder sofortige Begeisterung auslöst, das will ich allerdings – jetzt und auch in den weiteren Wochen meines Rückzugs in andere Dinge.

Da ist zunächst das Buch Pater Jón Sveinsson – Nonni von Gunnar F. Guðmundsson, 2012 im Verlag meines Freundes Sigurður Svavarsson, dem Verlag Bókaútgáfan Opna erschienen und seinerzeit als bestes Sachbuch mit dem Isländischen Literaturpreis ausgezeichnet.

Jetzt liegt diese großartige Biografie, die weithin als Standardwerk zu dem berühmten, 1944 in Köln gestorbenen und auf dem dortigen Melaten Friedhof beerdigten Pater und mit seinen „Nonni“- und „Nonni und Manni“-Romanen weltberühmt gewordenen Kinderbuchautor gilt, endlich auch in deutschsprachiger Übersetzung vor – auf etwa 500 Seiten mit zusätzlichen 100 Seiten Anmerkungen und Personenregisterdaten und mit zahlreichen illustrierenden Fotografien aus allen Teilen der Welt, die Jón Sveinsson gesehen und bereist hat – nur nach Island, seiner Heimat, die er 1870 mit nur 12 Jahren zur Ausbildung verlassen hat, ist er nie zurückgekehrt.

Abb. aus dem genannten Buch mit Geburtsort und -datum von Jón Sveinnsson

Aus dem Isländischen übertragen hat diese einzigartige, von dem Archivar und Historiker Gunnar F. Guðmundsson gründlichst recherchierte, in vielen Jahren erarbeitete Biografie Gert Kreutzer, langjähriger Direktor des Instituts für Nordische Philologie an der Universität Köln. In den Schriften deren Bibliothek, der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, ist die vortrefflich gearbeitete, vom Isländischen Literaturcenter geförderte Übersetzung auch erschienen; sie ist dort auch direkt zu beziehen  – und natürlich über jede Buchhandlung.

Abb. aus dem genannten Buch

Führen uns die Lebensbeschreibung von Jón Sveinsson alias Nonni sowie die Kinderbücher, die ihm seinen „Künstlernamen“ gaben, mit zur Literatur gewordenen Sprache auch in die Vergangenheit Islands zurück, so tut dies auf gänzlich andere, doch nicht minder beeindruckende Weise ein jüngst erschienenes Foto-Kunst-Buch der Fotografin Sabine Schirdewahn: of love and care, publiziert mit Unterstützung der Stiftung Kunstfonds bei Revolver Publishing in Berlin.

Ausgehend von der Frage nach dem Island des letzten Jahrhunderts, dem „alten“ Island, hat die Künstlerin in den Jahren 2010 und 2012 in  und um Siglufjörður im Nordwesten Islands Häuser und deren Innenräume fotografiert, die selbst nach dem Tod ihrer Bewohner von den Nachkommen oftmals in völlig unverändertem Zustand belassen, zu „verborgenen Orten der Erinnerung“ wurden.

Ein Gespräch zwischen einem solchen Nachkommen – Örlygur Kristfinnson – und der Fotografin über Hintergründe und Motivation für ein solches Verhalten sowie eine „Befragung“ der Künstlerin selbst zu ihrem Kunstprojekt und den dabei gemachten Erfahrungen ergänzen das Kaleidoskop eindrücklicher, hier naturgemäß nur unzureichend wiedergegebener Fotografien – ein in der Summe bis hin zu dem schlichten, matt-grünen Leinen-Einband wunderschönes Buch, das einfach in jede Island-Bibliothek gehört!

Abb. aus dem genannten Buch

Mit einer ebenso ausdrücklichen Empfehlung will ich nun kurz auch noch auf ein weiteres Buch isländischer Provenienz hinweisen, auf einen neuen Roman der uns mit ihrem bei Supposé erschienenen Hörbuch Leben im Fisch sowie ihre bei C.H. Beck bereits veröffentlichten Romane Eigene Wege und Im Schatten des Vogels bestens bekannte Schriftstellerin Kristín Steinsdóttir.

In ihrem jetzigen, ebenfalls bei C.H. Beck publizierten Roman Hoffnungsland, vorzüglich übersetzt und mit einem kleinen hilfreichen Glossar zu Ortsnamen und kulturellen Referenzen versehen von Anika Wolff, führt Kristín Steinsdóttir den Leser zurück in das Island zu Anfang der 1870er Jahre. Reykjavík, die Hauptstadt, zählt gerade einmal 2000 Einwohner, bei Regen verwandeln sich ihre Straßen zu Schlamm, bei Schnee und Frost zu Eis, das ein Fortkommen ebenso unmöglich macht. Dennoch ist die Hauptstadt, regiert von einem Landvogt von Dänemarks, der Kolonialmacht Gnaden, für viele ein Sehnsuchtsort, vor allem für junge, hart arbeitende Mädchen vom Land, die hier von einer Anstellung in einem feinen Haushalt träumen. So auch Guðfinna und Stefanía, zwei Mägde auf dem Hof Hvammur.

Was die Autorin uns im Verlauf ihres Romans erzählt, geht auf eine wahre Begebenheit zurück, doch ist es nicht historisch in dem Sinne, dass etwa Daten und Fakten aneinandergereiht würden – nein, in ihrer einfachen und hiermit umso eindrücklicheren Sprache erzählt Kristín Steinsdóttir uns von den Lebens-, den Überlebensbedingungen der Menschen zu dieser Zeit, von der Härte der Arbeit beim Entladen der Kohleschiffe, dem Los der Wasserträgerinnen und den Gefahren, denen die Waschfrauen und deren Kinder an den heißen Quellen ausgesetzt sind, den unzureichenden, lebensbedrohenden Unterkünften und der Arroganz der Bessergestellten – doch sie erzählt uns auch von Hilfsbereitschaft, von Liebe und einer unbändigen Kraft, die den Menschen innewohnt in ihrem Denken an ihr Hoffnungsland.

Ein schnörkellos erzähltes Sittenbild aus Islands vergangenen Zeiten, das zu lesen lohnt!

 

 

 

 

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Worüber ich schreiben wollte…

  1. marinabuettner schreibt:

    Danke für den Hinweis auf das Hörbuch bei supposé. Das werde ich gleich mal aus der Bibliothek holen … da gibt es übrigens auch die „Bilanz“ 🙂

  2. finbarsgift schreibt:

    Dankeschön, lieber Wolfgang, für all deine feinen Tipps!
    Eigene Arbeiten gehen nun einmal vor, da musst du dich nicht entschuldigen…
    Liebe Frühlingsgrüße
    vom Lu

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