Das Ding drehn

Hans Schefczyk erzählt eine durchaus mögliche Geschichte…

„Es ist völlig ausgeschlossen, dass wir illegale Handlungen gleich welcher Art dulden. Oder gar Folter. Wir sind hier nicht in Amerika.“

„Sie müssen nichts dulden. Sie müssen mich nur über den Stand der Ermittlungen informieren. Wer verdächtig ist, wo er sich aufhält und so weiter. Um den Rest kümmern wir uns.“

„Sie meinen Morlock, Wahls und Lasker?“

„Wenn wir die Verdächtigen nach modernsten psychologischen Erkenntnissen verhören könnten, würden wir ganz gewiss polizeitaktisch verwertbare Aussagen bekommen. Vielleicht sogar gerichtsfeste Aussagen.“

Benz verbeugte sich im Sitzen. Es sah aus wie ein auf Hüfthöhe beginnendes Ganzkörpernicken. „Wir wissen  nicht, wo sich die Verdächtigen aufhalten. Morlock suchen wir seit fünfzehn Jahren erfolglos. Und Wahls und Lasker sind vor zwei Jahren spurlos untergetaucht.“ Und weil Klier enttäuscht ins Leere starrte, fügte er zum Trost an: „Aber wir haben noch ein Eisen im Feuer. Verhöre werden gar nicht nötig sein.“

Das „Eisen im Feuer“, das der Verfassungsschützer Armin Benz hier gegenüber Gerd Klier, seinerseits Security-Chef des Billigtextilien-Herstellers Jansen & Peters, erwähnt, ist ein ehrgeiziger Absolvent der Bundesverwaltungsschule, der in die Rolle eines gestorbenen Kriminellen namens Lutz Trede schlüpft und als solcher auf Beate Seiler, alias Ronja, angesetzt ist.

Ronja steht im Verdacht, eine der führenden Köpfe einer Anarchistischen Zelle zu sein, in der Vergangenheit verantwortlich für viele terroristische Anschläge, und in Kontakt zu stehen mit den in dem Gespräch genannten weiteren Mitgliedern.

Und in der Tat: Trede, der mit Ronja eine zunächst lockere, dann aus seiner Sicht jedoch ernster werdende Liebebeziehung eingeht, muss bald erkennen, dass Ronja nicht der bürgerlichen Fassade entspricht, in der zu leben sie vorgibt.

Immer häufiger verschwindet sie für mehrere Tage, taucht dann, ohne Lutz Trede auch nur den Ansatz einer Erklärung zu geben, wieder auf – der Leser allerdings bleibt nicht im Dunkeln über das, was geschieht; er erfährt von der Erpressung der Firma Jansen & Peters, die Ronja zusammen mit den Untergetauchten als Komplizen plant.

Politisch sind die Motive der meisten von ihnen aber längst nicht mehr. Wolfgang Morlock, der seit vielen mit falscher Identität in Barcelona lebte, ist aufgeflogen und hat alles, das ihm seine Existenz gesichert hat, verloren. Jetzt geht es für ihn ums nackte Überleben, und auch Erik Lasker, der frühere Geliebte von Ronja, und seiner jetzigen Partnerin Nele Wahls geht im Untergrund allmählich das Geld aus. Überhaupt: die Anarchisten Zellen haben längst ihre Auflösung beschlossen – allein Ronja hängt noch den politischen Idealen nach und scheint auch vor einem bewaffneten Kampf nicht zurückzuschrecken.

Was Hans Schefczyk vor dem Hintergrund dieser Konstellation in seinem knapp 200seitigen Roman, jüngst erschienen im Transit Verlag, erzählt, mit Barcelona, Köln, Toulouse, Madrid, Lissabon und schließlich Paris als wechselnde Schauplätze quer durch Europa, wie sich Lutz Trede, der Undercover-Mann, zunehmend tiefer in die Sache verstrickt, mit welchen Mitteln die Erpresser die geforderte Summe stetig in die Höhe treiben und das Ding drehn, welche Strategien dagegen der Verfassungsschutz und vor allem die von Jansen & Peters engagierten privaten Jagdkommandos entwickeln – das alles fasziniert durch stimmige Charaktere, Einfallsreichtum, Tempo, Spannung und Genauigkeit.

Insbesondere das polare Denken von anarchistischen Tätern und Sicherheitsbehörden wie privaten Securities ist bestens antizipiert – hätte es diese Tat, die Erpressung, ihre Vorgeschichte und ihren dramatischen Ausgang  in der Realität der 70er und 90er Jahre (das sind die zeitlichen Koordinaten des Geschehens) wirklich gegeben, es hätte alles so ablaufen können.

Wie gesagt, ein fulminantes Ende, das hier natürlich nicht verraten wird, setzt der Autor zum Schluss obendrauf!

Kurzum, ich habe mich durch die Lektüre bestens unterhalten gesehen – und, da Trede und Ronja vorwiegend in Köln mit einander zu tun haben, auch ein wenig erinnert: an die Anfänge der Zeitschrift Stadtrevue (für die  Hans Schefczyk selber gearbeitet hat), an das Billardcafé Schneider, die Zeitung Ana Bela, einem anarchistischen Untergrundblatt, an ein Klima in dieser Stadt zu einer Zeit, in der sich die Anarchos noch regelmäßig auch in einer Kneipe trafen, die zur Tarnung den Namen „Kneipe ohne Namen“ trug!  Und natürlich frage ich mich, ob ich hier dem Autor nicht schon einmal begegnet bin – damals vor so vielen Jahren…

 

 

 

 

 

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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