„Motregen“ in Amsterdam

A.F.TH. van der Heijden schreibt seinen Zyklus Die zahnlose Zeit fort…

Foto: Wolfgang Schiffer

Foto: Wolfgang Schiffer

Ulrich Faure, Online-Chefredakteur des Fachmagazins BuchMarkt, Kritiker, Übersetzer und ausgewiesener Kenner der niederländischen Literatur (vor wenigen Monaten erschien in seiner Übersetzung u. a. im Verlag Schöffling & Co. der Roman Stern geht von Thomas Heerma van Voss), ist den Leserinnen und Lesern der „Wortspiele“ vielleicht kein gänzlich Unbekannter mehr. Schon einmal nämlich habe ich die Freude gehabt, ihn hier mit einem Gastbeitrag vorstellen zu können – und zwar mit der Würdigung eines ihm damals nur in der niederländischen Originalfassung zugänglichen Romans, auf dessen deutschsprachige Veröffentlichung er zu Beginn seines heutigen Beitrags nun allerdings hinweisen kann: De helleveeg oder zu Deutsch Das Biest von A.F.TH. van der Heijden.

das-biest

Um den Autor A.F.TH. van der Heijden, einem der ganz „Großen“ der niederländischen Literatur, geht es Ulrich Faure auch heute wieder – und ebenso erneut um einen Roman, auf dessen Lektüre der des Niederländischen nicht kundige Leser noch eine Weile wird warten müssen. Er ist aber herzlich eingeladen, sich bereits einmal der Vorfreude hinzugeben. Ulrich Faure:

„Es war eine literarische Sensation, als 2013 in Amsterdam ein neuer Band des eigentlich längst abgeschlossenen Zyklus Die zahnlose Zeit von A.F.Th. van der Heijden erschien – das Werk kam im vergangenen Jahr – wie auch die vorherigen – bei Suhrkamp unter dem Titel Das Biest in der bewährten Übersetzung von Helga van Beuningen heraus.

Damals hatte sich Adri, wie Freunde und Fans ihn nennen, eine Nebenperson aus seinem Roman Das Gefahrendreieck, die Schwester der Mutter von Adris alter ego Albert Egberts, nämlich Tante Tineke van der Serckt, vorgeknöpft und einen für seine Verhältnisse mit 300 Seiten kleinen Roman geschrieben.

Schon zu dem Zeitpunkt war klar, dass van der Heijden seine Trilogie in sieben Büchern noch viel weiter führen würde: Jetzt – Ende 2016 – ist bei Bezige Bij der nächste Band erschienen, der in den Niederlanden sofort zum wichtigsten Buch des Jahres ausgerufen wurde: der 1300 Seiten starke Thriller Kwaadschiks (der von Helga van Beuningen vorgeschlagene deutsche Titel lautet: … dann eben im Bösen).

Ein Buch, das es in sich hat: Leider werden allein aufgrund des Umfangs die deutschen Leser aber noch ein Weilchen darauf warten müssen.

van-der-heijden

Der Plot des neuen Buches, mit dem van der Heijden den Zyklus Die zahnlose Zeit auf das neue Jahrhundert ausdehnt (die Handlung spielt im Juli 2008, der Epilog im Jahr 2015), lässt sich zwar in Klappentextlänge wiedergegeben, soll aber in solcher Kurzform hier nicht verraten werden.

Worum geht’s also? Nico Dorlas, Werbeprofi in einer Agentur, sitzt völlig verkatert im Büro und wird von seinem Chef zur Ordnung gerufen. Um auszunüchtern, soll er nach Hause fahren, was er auch tut, nur dass er unterwegs zwei Pullen Schnaps kauft und die erste gleich, am Steuer sitzend, vor den Augen der Polizei an den Hals kriegt. Natürlich endet das alles auf der Wache, wo Dorlas beim Alkoholtest alle Rekorde bricht; Führerschein und Auto werden einbehalten. Generös auf Kosten der Polizei darf er im Taxi nach Hause fahren. Da wartet weiteres Ungemach: Seine viel jüngere Freundin/Frau Desy hat ihre Sachen gepackt: Sie hat den dauerbesoffenen Dorlas, der nicht nur verbal ausfällig, sondern auch gern mal handgreiflich wird (während er im Büro an einer Kampagne über „Lockere Hände anbinden“ sitzt), gründlich satt und will mit ihrem neuen Lover und Sohn Hemmo aus erster Ehe das Weite suchen.

Natürlich rastet Dorlas nun völlig aus. Man mag nicht mitzählen, wieviel Wodka er im Laufe des Buches in sich hineinschüttet: Friedlicher und besonnener macht ihn das nicht. Mit List und Tücke holt er sich Auto und Führerschein zurück, schnappt sich seine beiden Pistolen, die er (illegal) besitzt und läuft (bzw. fährt) Amok, um Desy zu finden. Vor der Wohnung seiner Schwiegereltern a. D. ballert er rum – da trifft es aber nur die Katze des Hauses. Kurz bevor er sich in Desys Zweitwohnung verschanzt, schießt er noch einmal, diesmal trifft er besser…

Nun zieht der Autor, der auf ein wirkliches Geschehnis zurückgreift, alle Register, denn jetzt schreitet die Polizei ein und versucht, des Täters habhaft zu werden. Das Ganze spielt – wie gesagt – an einem trüben Sommertag im Jahr 2008, es nieselt die ganze Zeit, wie es nur in Amsterdam nieseln kann (man merkt es nicht wirklich, ist aber auf einmal patschnass – die Niederländer haben den schönen Ausdruck „motregen“ dafür). Minutiös kann man in der Polizeistabsstelle verfolgen, wie dort das Vorgehen geplant wird, und man verpasst auch keine Minute von Dorlas in Desys Wohnung.

der-anwalt-der-haehne-2Zwei alten Bekannten begegnet man in den Kwaadschiks wieder. Albert Egbert natürlich – und seinem Freund Ernst Quispel, dem Anwalt der Hähne. Der ist inzwischen trockener Alkoholiker, hat sich zu einem berühmten Fernseh-Anwalt gemausert und ist vornehmlich im Ferrari unterwegs. Wegen einer alten Geschichte ist er dem durchgeknallten Dorlas anwaltlich verbunden – und soll nun als Unterhändler die Kohlen aus dem Feuer holen.

Dass der Autor für seine Erzählung 1300 Seiten braucht (und in Interviews mit der niederländischen Presse versichert hat, dass kein einziges Wort zu viel im Buch stehe), scheint nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Im Gewande eines Thrillers liefert van der Heijden nicht mehr und nicht weniger als das genaue Psychogramm eines Psychopathen. Innere Monologe und Selbstgespräche Dorlas’ geben Einblick in das kranke und schwer alkoholisierte Hirn dieses Maniaks, diese Erzählperspektive und die „neutrale“ Perspektive des Erzählers sorgen für einen ungeheuren Spannungsbogen. Nicht im Sinne eines Whodunit – was passiert ist, darüber ist der Leser eigentlich immer im Bilde, auch wenn es dem Autor gelingt, die letzte Gewissheit bis zum Schluss offenzulassen.

Wie vielfach gebrochen die ganze Geschichte ist, zeigt sich daran, dass Antiheld Dorlas, dieser ausgemachte Widerling, bei seinem hirnrissigen Tun „offiziell“ auf der Suche nach der absoluten Stille ist. Man könnte die Romanhandlung nämlich auch in folgendem Satz zusammenfassen: Dorlas tut alles, um seine Freundin zurückzugewinnen, um ihr fürderhin in Stille verbunden zu sein. Wer hier ein Tristan- und Isolde-Motiv vermutet, liegt nicht falsch.

die-movo-tapesWas Dorlas anrichtet, gewinnt aber die Ausmaße einer antiken Tragödie. Dass genau dies die Intention des Autors ist (erinnert sei nur daran, wie van der Heijden z. B. in Treibsand urbar machen aus seinem Zyklus Homo duplex mit Sophokles’ Antigone spielt oder, deutlicher noch, wie in Movo-Tapes, dem Startband dieses zweiten großen Zyklus, ein unheilvolles delphisches Orakel die Handlung in Gang setzt), zeigt sich allein an den „Requisiten“, die van der Heijden benutzt.

Dorlas, eine „theatralische Persönlichkeit mit narzisstischen Zügen“, leidet (wie der Autor selbst) unter Apnoe und braucht deshalb zum Schlafen eine Atemmaske. Wie kunstvoll dieses Maskenmotiv (und dass attische Schauspieler in ihren blutigen Tragödien im Altertum Masken benutzten, darauf gibt es auf S. 986 einen dezidierten Hinweis) in die Handlung integriert, trotz vielfacher Gebrochenheit aber mühelos zu entschlüsseln ist, kann hier nicht im Einzelnen dargelegt werden – das soll der Literaturwissenschaft vorbehalten bleiben, wenn sie die Poetik dieses Autors untersucht: Hingewiesen werden muss trotzdem darauf, denn letztlich ist das Maskenmotiv der Strang, an dem alles hängt.

Dass es A.F.Th. van der Heijden in seinem ungeheuren Erzählfuror gelingt, Spannung bis zur letzten Seite aufzubauen, versteht sich bei diesem Autor von selbst. Und es wird weitergehen mit der Zahnlosen Zeit: Zwei weitere Bände, so verrät der Klappentext, sind in Arbeit. Ein Foto in einem Interview mit der Zeitung Volkskrant anlässlich des Erscheinens der Kwaadschiks zeigt eine Reihe von Aktenordnern mit der Aufschrift MH17 – der nächste Band des Zyklus. Neun Aktenordner sind zu sehen, was die Hoffnung weckt, dass das neue Buch ähnlich umfangreich werden wird. Denn, wie sagte Albert Vigoleis Thelen: `Geschichten sind doch nicht dazu da, dass sie schnell zu Ende gehen.´ Wie wahr!

Natürlich, lieber Ulrich Faure: Vigoleis, der alte Schelm, hat selbstverständlich recht! Bei solcher Länge freuen wir uns nur umso mehr auf ein hoffentlich nicht allzu fernes Erscheinen!  Danke!

Advertisements

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Bücher, Belletristik, Literatur, Rezension, Wortspiele abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s