Jón úr Vör 100

Einem Modernisierer der isländischen Dichtkunst zu Ehren

Patreksfjörður, isländische Westfjorde, by Zairon, commons.wikimedia.org, Ausschnitt

Patreksfjörður, Fjord und Dorf, by Zairon, Wikimedia Commons, Ausschnitt

Kleine Schale

Kleine Schale
auf kleinem Meer.

Du denkst vielleicht, dass deine Pfütze das Meer sei,
du denkst vielleicht, alle Wellen brächen sich
am Strande kleiner Seen,

und wenn eine kleine Schale in eine kleine Tiefe sinkt
mit voller Mannschaft – sechs Kieselsteine –
dass es kein anderes Meer gäbe
das große Meer
das Meer des Todes.

Und dein Vater küsst dich, wenn er zum Schiff geht,
und nimmt den schwarzen Seesack nicht vom Rücken.

Das ewige Meer
ist vielleicht
eine kleine Pfütze.

Eines Tages sagt der Tod zum Leben:
Oh, gib mir deine Schale, Bruder.

 

Lítil skel

Lítil skel
á litlu hafi.

Þú heldur kannske, að pollurinn þinn sé hafið.
Þú heldur kannske, að allar bárur brotni
við strönd lítilla sæva,

að þegar lítil skel sekkur í lítið djúp
með allri áhöfn – sex malarsteinum –
sé ekki til annað haf
hafið mikla
haf dauðans.

Og faðir þinn kyssir þig, er hann fer til skips,
og tekur ekki af baki sér svartan sjómannspokann.

Eilífðarhafið
er kannski
lítill pollur.

Einn dag segir dauðinn við lífið:
Ó, ljá mér skel þína, bróðir.

Das traditionsreiche Kaffee Mokka: hier wird auch Jón úr Vör während seiner Aufenthalte in Reykjavík gewesen sein... © Wolfgang Schiffer

Das traditionsreiche Kaffee Mokka: hier wird auch Jón úr Vör während seiner Aufenthalte in Reykjavík gewesen sein… © Wolfgang Schiffer

Jón úr Vör, der Autor des zitierten Gedichts, das ich gemeinsam mit meinem Freund Jón Thor Gíslason aus dem Isländischen übertragen habe, wurde am 21. Januar 1907 auf dem Hof Vatneyri am Patreksfjörður im Nordwesten Islands geboren; auf der Insel und vor allem in dem am Fjord gelegenen Ort gleichen Namens, wo er aufwuchs, begeht man in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag.

Entnommen ist das Gedicht dem Band Þorpið, zu Deutsch Das Dorf, der in Island zu den bekanntesten poetischen Zyklen des 20. Jahrhunderts zählt. Das belegt allein schon die Vielzahl der Ausgaben: Erstveröffentlicht 1946, erschien eine weitere, überarbeitete Ausgabe in 1956, es folgten, nunmehr mit Zeichnungen von Kjartan Guðjónsson illustrierte Veröffentlichungen in 1979 und 1988, und schließlich eine in 1999, die alle Gedichte der ersten und zweiten Ausgabe wieder zusammenführte. Dieser folgt die Übersetzung, die ich 2014 zusammen mit Sigrún Valbergsdóttir, aber, wie soeben gezeigt, bei einzelnen Gedichten auch mit Jón Thor Gíslason für den Queich Verlag machen durfte und von diesem in einem zweisprachigen Band publiziert wurde. Leider musste der Verlag später seine Tätigkeit einstellen, so dass die Publikation öffentlich nicht mehr zu erhalten ist; selbst ich verfüge nur noch über einige wenige Restexemplare.

Das Dorf

In meinem Nachwort zu der seinerzeitigen Publikation habe ich mich auch mit der Frage beschäftigt, was die Bedeutung dieser Gedichte ausgemacht haben könnte, dass sie zu einer derart anhaltenden Wertschätzung des Werks führte und notabene seines Autors, nach dem nicht zuletzt einer der angesehensten isländischen Literaturpreise für Poesie benannt ist. Auf der Suche nach einer Antwort schienen mir einige Vorbemerkungen sinnvoll, die der Islandkundige vielleicht als überflüssig erachten mag, allen anderen jedoch, die insbesondere mit der Geschichte und Entwicklung der isländischen Literatur nicht so vertraut sind, für die Einordnung meiner Einschätzung hilfreich sein könnten. Da anderweitig nicht mehr zugänglich, erlaube ich mir heute, aus Anlass des 100. Geburtstags des Dichters das damalige Nachwort weitgehend zu zitieren.

Island, die heute etwa 320.000 Einwohner zählende Republik im Nordwesten des Atlantik, auf der Kontinentalspalte zwischen Europa und Amerika gelegen, entwickelte schon unmittelbar nach der dauerhaften Besiedlung der Insel um 870 durch norwegische Wikinger, die, nach Unabhängigkeit strebend, der feudalen Entwicklung ihres Heimatlandes zu entkommen suchten, eine in der Welt einzigartige literarische Kultur. Zunächst mündlich überliefert und im späten Mittelalter aufgezeichnet, verdanken wir dieser nicht nur die Edda, die das Weltbild der nordischen Mythologie bewahrt, sondern auch eine Vielzahl von Sagas, die erstmals in Europa in Form realistischer weltlicher Prosa unter anderem von der nunmehr weit über 1000 Jahre zurückliegenden Landnahme und der späteren Christianisierung erzählen, von der Errichtung eines bereits im Jahr 930 etablierten Freistaats und der Wirkweise des Althings, einer gesetzgebenden und rechtsprechenden Versammlung freier Bauern, als dessen höchster Instanz. Und sie berichten vom Untergang dieser frühen parlamentarischen Strukturen durch bürgerkriegsähnliche Fehden der mächtigsten Clans, die 1262 schließlich zum Verlust der Unabhängigkeit führten und die Insel zunächst unter norwegische und wenig mehr als 100 Jahre später mit Norwegen unter dänische Herrschaft brachten.

Neben dem epischen Erzählen und den eddischen Liedern pflegten die Isländer insbesondere jedoch die in der altnordischen Literatur verbreitete Skalden-Dichtung und erreichten damit im gesamten ehemaligen Skandinavien höchsten Ruhm ob der Kunstfertigkeit, die sie hierin entwickelten. Denn auch wenn die Skalden-Dichtung der Stegreif-Dichtung nahesteht, so zeichnet sie sich nicht gerade durch strukturelle Einfachheit aus. Im Gegenteil: sie ist in Metrik und Stil durch ein hoch komplexes System verschiedener Regelwerke bestimmt, deren strikte Einhaltung den Wert der häufig vielstrophigen Gedichte ausmacht. Hierzu zählen u. a. Stab- und Binnenreim, ein durch  Silbenzählung festgelegter Rhythmus usw. und die Kenningar, meist mehrgliedrige poetische Umschreibungen einfacher Begriffe (z. B. „Schiff“ = „Pferd der Woge“), deren Bildung und Entschlüsselung nicht selten die genaue Kenntnis der nordischen Mythologie voraussetzt.

Den Hausberg Esja vor Reykjavík hat auch der Dichter gesehen… © Wolfgang Schiffer

Den Hausberg Esja vor Reykjavík hat auch der Dichter gesehen… © Wolfgang Schiffer

Diese Hoch-Zeit der isländischen Literatur fand in Folge der Fremdherrschaft jedoch bald ein Ende. Für viele Jahrhunderte geriet das Land in eine erzwungene Isolation, die es von den politischen und kulturellen Entwicklungen des Kontinents abschnitt. Das rigide Handelsmonopol der Dänen erschwerte jeden wirtschaftlichen Kontakt, die daraus resultierende ökonomische Misere wurde insbesondere im 17. und 18. Jahrhundert verschärft durch Naturkatastrophen mit Seuchen und Hungersnöten. Die Bevölkerung, insbesondere durch den folgenschweren Ausbruch des Vulkans Laki im Jahre 1783 deutlich auf unter 40.000 Menschen reduziert, existierte buchstäblich nur noch am Rand des Überlebens, Dänemark zog sogar eine teilweise Evakuierung der Insel und die Umsiedlung etwa der Hälfte der Bewohner nach Westjütland in Erwägung. Und dennoch, selbst in diesen Zeiten schlimmsten Elends, stagnierte die kulturelle Tätigkeit nicht völlig, unter anderem wurde bis zum Ende der sogenannten „dunklen Jahrhunderte“ die allgemeine Schriftkundigkeit erreicht.

In der Folge erinnerte sich Island im vom Freiheitsgedanken der französischen Revolution geprägten 19. Jahrhundert mehr als zuvor wieder der literarischen Schätze seiner Vergangenheit, des „Goldenen Zeitalters“, und eine jetzt wiedererblühende Dichtung, gleichermaßen beeinflusst von den romantischen wie insbesondere nationalen Ideen des Festlands, die manch ein in Kopenhagen lernender Student zurück nach Hause trug, pries fest verankert in den Formtraditionen der Edda- und der Skaldendichtung die Schönheiten des Landes und die Reinheit der auf der Insel bewahrten eigenen Sprache und verkündete ein neues Zeitalter, das politische Autonomie und nationale Identität versprach. Kurzum, das kulturelle Erbe der Literatur und mit ihm das weitgehende Festhalten an den Gesetzmäßigkeiten der traditionellen Dichtung wurden nach innen und außen zu einer der stärksten Waffen im Kampf der Isländer um ihre erneute Unabhängigkeit, die nach einer sukzessiven politischen Ablösung von Dänemark auf der Basis einer vorherigen Volksabstimmung am 17. Juni 1944 durch die Verkündung der Republik Island endgültig besiegelt wurde.

Jón úr Vör war zu diesem Zeitpunkt sechsundzwanzig Jahre alt. Geboren als Jón Jónsson (er nannte sich später nach dem Namen der Seebude, in der er als Kind gelebt und den er dieser gegeben hatte ) wuchs er, von seinen leiblichen Eltern in die Obhut von Zieheltern gegeben, ein im damaligen Island und auch später noch verbreitetes System des Beistands und der Entlastung unbemittelter Familien, in äußerst ärmlichen Verhältnissen auf. Er besuchte die Volksschule in Patreksfjörður, danach die Bezirksschule in Núpur, ging anschließend für einen Winter auf die Abendschule in Reykjavík, schließlich 1938 nach Schweden und mit Hilfe eines Stipendiums bis zum Sommer 1939 auf die Nordische Volkshochschule im schweizerischen Genf. Zurück in Island, übte er verschiedene Tätigkeiten und Berufe aus, er arbeitete u. a. als Antiquar, Redakteur, Herausgeber und Bibliothekar; 1953 wurde er schließlich zum Direktor der von ihm mit initiierten Bibliothek von Kópavogur ernannt, einem Vorort von Reykjavík, in dem er seit 1952 lebte und am 4. März 2000 starb. Jüngere Isländer, die ihn in seiner bis 1977 andauernden Tätigkeit als Direktor dieser Bibliothek erleben konnten, sagen, dass der Geist seines Wirkens noch heute durch die dortigen Räumlichkeiten weht.

Das Gebiet Rauðhólar, unweit von Kópavogur… © Wolfgang Schiffer

Das Gebiet Rauðhólar, unweit von Kópavogur… © Wolfgang Schiffer

Seine große Leidenschaft, bei allem anderen Engagement für das Buchwesen, jedoch galt der Poesie. Bereits als Zwanzigjähriger veröffentlichte er mit Ég ber að dyrum (Ich klopfe an die Tür) einen ersten Gedichtband im Selbstverlag, dem 1942 Stund milli stríða (Feuerpause) folgte. 1946 erschien dann, wie bereits erwähnt, die erste Ausgabe des hier vorgelegten Zyklus Þorpið (Das Dorf), der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass mit Með hljóðstaf (Mit Stabreim), Með örvalausum boga (Mit Bogen ohne Pfeil), Vetrarmávar (Wintermöven), Maurildaskógur (Ein schillernder Wald), Mjallhvítarkistan (Der Schneewittchensarg), Vinarhús (Haus eines Freundes), Altarisbergið (Der Altarberg), Regnbogastígur  (Regenbogensteg) und Gott er að lifa (Es ist gut zu leben) bis 1984 neun weitere viel beachtete Gedichtbände aus seiner Feder publiziert wurden. Sein Ruhm als Dichter beruht jedoch vor allem auf sein Werk Das Dorf.

Der erste der hierfür meines Erachtens zwei maßgeblichen Gründe liegt in dem formal-ästhetischen Wagemut, den Jón úr Vör mit diesem Zyklus an den Tag legt. Auch wenn er in seinen früheren Jahren zweifellos in den von mir zuvor skizzierten, nach wie vor weitgehend gültigen Traditionslinien der isländischen Dichtung literarisch sozialisiert worden war, so muss er bald ein großes Unbehagen an der das Gedicht fesselnder Strenge empfunden haben; mit Das Dorf jedenfalls vollzieht er eine völlige Abkehr davon und legt, erstmals in Island, eine Gedichtsammlung in durchgängig freien, ungebundenen Versen vor. Mit dieser, zur damaligen Zeit in ihrer Radikalität nicht zu unterschätzenden Entscheidung, beschreitet er einen Weg, dem bald vor allem die sogenannten „Atomdichter“ folgen sollten, und dies in einer Konsequenz, die zu einem heftigen, von allen gesellschaftlichen Kreisen ausgetragenen Kulturstreit zwischen Traditionalisten und Befürwortern einer Modernisierung der isländischen Dichtung führte. (s. z.B. den Band Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter, 424 S., die horen, Bd. 242, Bremerhaven 2011)

Auch dieses Schiff, gesehen aus der Kongress- und Konzerthalle Harpa, ist nur ein Küstenwachschiff… © Wolfgang Schiffer

Auch dieses Schiff, gesehen aus der Kongress- und Konzerthalle Harpa, ist nur ein Küstenwachschiff… © Wolfgang Schiffer

Was war geschehen? Island, selbst ohne Militär, war unter Verletzung seiner Neutralität 1940 zunächst von den Briten und etwa ein Jahr später von den Amerikanern besetzt worden. Dies verwickelte die Insel nicht nur in die Geschehnisse des 2. Weltkriegs, es brachte auch ihre weitgehende Isolation zu einem abrupten und nicht von allen akzeptierten, wie es manchmal heißt, „segensreichen“ Ende. In jedem Fall bedeutete es für das Land einen Einschnitt, der einerseits zur Öffnung kultureller Grenzen und zu größerem Wohlstand führte, andererseits in durchgreifender Weise auch die bisherige Lebensform veränderte: innerhalb kürzester Zeit vollzog das Land den Sprung von einer primär bäuerlichen Gesellschaft auf die Stufe einer zunehmend urbanisierten Industriegesellschaft mit, insbesondere nach der wiedergewonnenen Souveränität, allen international-politischen Implikationen und Konsequenzen. Besonders umstritten in der Bevölkerung waren der Gründungsbeitritt Islands zur Nato und das spätere Einverständnis der damaligen Regierung zur Stationierung amerikanischer Truppen, die die Insel zu einem wichtigen militärstrategischen Punkt im nordatlantischen Raum machte. Vor allem Schriftsteller und Intellektuelle bezogen in dieser Auseinandersetzung aktiv Stellung, so der isländische Literatur-Nobelpreisträger Halldór Laxness mit seinem Roman Atomstation. Aus diesem stammt auch der zunächst als Schmähwort gedachte Begriff „Atomdichter“, mit dem eine junge Dichtergeneration belegt wurde, die, ausgelöst durch die existentielle Erfahrung des Kriegs, die neuen sozio-kulturellen Bedingungen und die mit beidem einhergehenden Veränderungen der Wahrnehmung und des Bewusstseins vehement den Anspruch der Moderne anmeldete.

Zum Kern der „Atomdichter“ zählt man heute Stefán Hörður Grímsson, Sigfús Daðason, Jón Óskar, Hannes Sigfússon und Einar Bragi; sie alle veröffentlichten ihre Debüts in den Jahren 1946 bis 1953 und konfrontierten das noch überwiegend konservative Publikum mit einer Ästhetik, die sich entschieden von der normativen, eben durch Edda- und Skaldendichtung beeinflussten Formtradition, welche die isländische Poesie ihrer Meinung nach in Stagnation gefesselt hielt, lossagte. Ihre kritische Reform lyrischer Traditionen war dabei allerdings keine willkürliche, allein durch ausländische Moden beeinflusste Entscheidung, wie manche ihrer Kritiker ihnen vorwarfen, sondern entsprach allein einer tiefen persönlichen Notwendigkeit, neue dichterische Mittel und Wege zu finden, um ihre Visionen in einer veränderten politischen und sozialen Realität adäquat zum Ausdruck bringen zu können. Und trotz aller anfänglichen Kritik und Schmähung: die weitere Entwicklung sollte ihnen recht geben; heute hat sich das Land natürlich längst mit seinen „Atomdichtern“ versöhnt und weiß ihre geradezu revolutionäre Bedeutung für die grundsätzliche Erneuerung der isländischen Poesie hin zu einer auch international anerkannten literarischen Vielfalt, wie sie u. a. beim Auftritt Islands als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2011 zu bestaunen war, zu würdigen.

Zurück zu Jón úr Vör: auch wenn er selbst nicht den „Atomdichtern“ zugerechnet wird, so zählt er doch zu ihren geistigen Wegbereitern und markiert mit seinem Zyklus Das Dorf zugleich den eigentlichen Beginn moderner Dichtung in Island. Ihm kommt damit eine mindestens gleichwertige Stellung zu wie Steinn Steinarr, dem vor allem durch seinen, in deutscher Übersetzung leider vergriffenen Gedicht-Zyklus Tíminn og vatnið (Die Zeit und das Wasser, 1948) bekannten zweiten großen Lyriker Islands des 20. Jahrhunderts, der sich leidenschaftlich für die Modernisierung des isländischen Dichtkunst eingesetzt hat und bereits 1950, in einem Interview zu den „Atomdichtern“ befragt, konstatierte: „Die traditionelle Gedichtform ist nun endlich tot…“

Doch nicht nur die Form betreffend war die traditionelle Dichtung „…endlich tot“, die neue Dichtung unterschied sich auch deutlich in den Themen, denen sie sich zuwandte, und in den Stilmitteln, die sie für deren Umsetzung fand. Und auch hierbei geht Jón úr Vör in der Gedichtsammlung Das Dorf, und damit komme ich auf den zweiten aus meiner Sicht ausschlaggebenden Grund für deren Bedeutung und anhaltende Wertschätzung zu sprechen, konsequent einen eigenen, neuen Weg. Gegenstand seiner poetischen Betrachtung sind nicht länger die klassischen Topoi der traditionellen Dichtung, er wählt geradezu das Extrem: das alltägliche Leben in einem alltäglichen Fischerdorf in der Zeit zwischen den Kriegen bis in die Anfänge des 2. Weltkriegs hinein. Sorgfältig komponiert aus den Erinnerungen an seine eigene Kindheit und Jugend in Patreksfjörður und aus den Erinnerungen an Menschen, die ihm nahe standen und wohl ihre Erlebnisse und Erfahrungen anvertrauten, zeichnet er ein komplexes Bild der Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen der dort beheimateten einfachen Menschen. Es ist eine harte, entbehrungsreiche Zeit, eine Zeit, in der gar das Überleben nicht selten allein abhängig ist von der Gewalt von Eis und Schnee, von der Willkür des Windes und vom Fisch, dem es mal beliebt, bis in den Fjord zu schwimmen, mal weit draußen im offenen Meer zu verharren.

Eis – nur Eis… © Wolfgang Schiffer

Eis – nur Eis… © Wolfgang Schiffer

Jón úr Vör begnügt sich jedoch nicht mit der Abbildung dieses von häufiger Arbeitslosigkeit, von Not und Mühe geprägten täglichen Existenzkampfes, mit der Evokation von Armut, Verlust und Trauer, er webt auch Bilder der gegenseitigen Fürsorge und Hoffnung in seinen Zyklus ein; er zeichnet die Menschen in ihrer großen natürlichen Würde. Die anhaltende Verbundenheit, die der Autor hierbei mit den Menschen des Dorfes empfindet, seine große Empathie für sie, ist offensichtlich, doch auch wenn diese ihn gelegentlich zu einer einem pathetischen Gestus nahestehenden Zeile verleiten, so bleibt sein poetischer Grundton eher lakonisch, ohne Bitterkeit oder Anklage. Nah an den Menschen selbst, dem Geschehen und den Situationen beschreibt, konstatiert er; selbst in der Gegenüberstellung der in der geschilderten Zeit aufflammenden Ideen von Sozialismus und Klassenkampf auf der einen und einer lange eingeübten, geradezu schicksalshaft ergebenen Gläubigkeit auf der anderen Seite, die eine emotionale Parteinahme des Autors wecken könnte, bleibt er „objektiv“. So erweist sich Das Dorf über weite Strecken als eine Art Sozialreportage in Versen, die sich gleichermaßen durch ihre literarische Kunstfertigkeit auszeichnet wie durch ihre hohe Authentizität. Getragen wird diese zweifache Qualität nicht zuletzt von den einfachen Stilmitteln, mit denen der Autor sein Treuebekenntnis zu „seinem“ Dorf zum Ausdruck bringt; seine Sprache ist ohne übertriebene Metaphorik, sie ist schlicht, klar und von jedermann zu verstehen – und öffnet gerade hierdurch selbst in den kleinen Details, die sie schildert, den Blick für das, was über deren bloße Wiedergabe hinausweist: die Fragen nach den grundlegenden Bedingungen menschlicher Existenz.

 

 

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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8 Antworten zu Jón úr Vör 100

  1. versspielerin schreibt:

    ein wunderbarer beitrag – danke!

  2. sugar4all schreibt:

    Wie schön dieses Gedicht doch ist <3. Vielen Dank für diesen so interessanten Beitrag. Es zeigt mir noch mehr, dieses Land unbedingt bald besuchen zu müssen.
    Lieben Gruß aus Wien – Karin

    • schifferw schreibt:

      Danke, liebe Karin! Und – ich verstehe den Reisewunsch sehr gut, zieht es mich selber doch auch schon wieder… Liebe Grüße zurück aus Köln, Wolfgang

  3. SätzeundSchätze schreibt:

    Danke für diesen informativen Beitrag mit seinen Hintergründen zu Geschichte des Landes und der Literatur. Wie wenig ich doch über Island weiß, ist mir da wieder einmal aufgefallen, vor allem über die Literatur – klar Laxness ein Begriff, aber schon die Bezeichnung „Atomdichter“ hätte ich jetzt vor allem nur mit ihm und mit der politischen Situation dieser Jahre in Zusammenhang gebracht. Herzlichen Dank für diesen „Grundeinführungskurs“ – der bekommt ein Lesezeichen zur Wiederlektüre…
    Viele Grüße, Birgit

    • schifferw schreibt:

      Liebe Birgit, Dein Kommentar freut mich sehr! Der gute Laxness wäre übrigens mein #MeinKlassiker-Kandidat… ist das noch relevant, selbst wenn es noch ein Weilchen bräuchte? Gute Grüße, Wolfgang

      • SätzeundSchätze schreibt:

        Lieber Wolfgang, klar ist das noch relevant – ich wäre hocherfreut! Die Serie wird jetzt zwar nicht mehr in der hohen Anfangstaktung kommen, aber ich hoffe doch, dass sie ein Dauerbrenner wird. Also, wann immer Du dazu kommst, etwas über Laxness zu schreiben – mir wäre das eine Ehre! Einen schönen Abend noch, Birgit

  4. Pingback: Jón úr Vör 100 – zum Zweiten | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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