Im Gedenken an Ingibjörg Haraldsdóttir

Anstelle eines Nachrufs

Spuren isländischer Naturgewalt

Spuren isländischer Naturgewalt

Ingibjörg Haraldsdóttir, eine der großen Stimmen der isländischen Poesie, ist tot. Wie ich der isländischen Presse entnehmen konnte, verstarb sie am gestrigen Tag, dem 8. November.

Geboren wurde Ingibjörg 1942 in Reykjavík, studierte jedoch an der staatlichen Filmschule in Moskau, welche sie 1969 mit dem Regiediplom abschloss. Danach lebte und arbeitete sie für einige Jahre in Havanna. Während ihrer Zeit in der UdSSR und Kuba arbeitete sie auch als Journalistin und Übersetzerin für die isländische Zeitung Volkswille, bei der sie nach ihrer Rückkehr nach Reykjavík im Jahre 1975 weiterhin als Journalistin und Filmkritikerin tätig war.

Seit 1981 allerdings ist sie freie Schriftstellerin und Übersetzerin. Seit ihrem ersten Gedichtband, Þangað vil ég fljúga / Dorthin will ich fliegen (1974), hat sie zahlreiche weitere Gedichtbände veröffentlicht und sich auch als Übersetzerin aus dem Spanischen und Russischen (u. a. von Werken Dostojewskis und Bulgakows) einen Namen gemacht. Für Ihre literarische und übersetzerische Arbeit wurde sie mit verschiedenen Ehrungen bedacht, so mit dem Guðmundur-Böðvarsson-Poesiepreis und dem Isländischen Literaturpreis.

Meinem Freund Franz Gíslason (gest. 2006) und mir, die wir gemeinsam manche ihrer Gedichte ins Deutsche übertragen haben, war sie stets eine gute Freundin. Jetzt ist auch sie gegangen – ihre Gedichte bleiben!

Die Dichterin die verschwand

Hatte sie sich schlafen gelegt
zwischen den weißen Blumen?

War sie eine flüsternde Quelle,
war sie ein Vögelchen auf einem Zweig?

War sie verloren gegangen im Wald
der kursiv gedruckten Wörter?

War sie vielleicht zu einem
Gedicht geworden, dort draußen im Wald?

Ingibjörg Haraldsdóttir im Kreis von Kollegen und Freunden 2004. (v. l. n. r.: Thor Vilhjálmsson (†), Eysteinn Þorvaldsson, ich, Ingibjörg, Franz Gíslason (†), Baldur Óskarsson (†)

Ingibjörg Haraldsdóttir im Kreis von Kollegen und Freunden 2004. (v. l. n. r.: Thor Vilhjálmsson (†), Eysteinn Þorvaldsson, ich, Ingibjörg, Franz Gíslason (†), Baldur Óskarsson (†)

 

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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10 Antworten zu Im Gedenken an Ingibjörg Haraldsdóttir

  1. versspielerin schreibt:

    das tut mir leid.
    das gedicht ist wunderschön! so wie dein gesamter beitrag.
    … so gehen sie/ wir nach und nach…
    alles liebe,
    diana

  2. wildgans schreibt:

    Schön, Beitrag und Foto. Lange hier verweilt.
    Ach, würde doch jemand auch ein so feines Gedicht über mich schreiben. Nun, wer weiß.
    Danke auf jeden Fall!

    • schifferw schreibt:

      Nein, nein – dies ist ein Gedicht von Ingibjörg Haraldsdóttir! Mein Freund Franz und ich sind nur die Übersetzer!

  3. Angelika Schramm schreibt:

    Ihr Tod muss Dich sehr schmerzen, lieber Wolfgang, sicher auch besonders, weil Du davon aus der Ferne erfahren hast. Aber es gab ein letztes Wiedersehen, ein letztes Gespräch, – wenn Ihr es vielleicht auch nicht wusstet.
    Schwer ist es, dass es keine weiteren Begegnungen, Gespräche mehr geben kann.
    Aber Du wirst sie, auf andere Weise, immer wieder finden zwischen Blumen, als Quelle, als Vögelchen auf dem Zweig, als Gedicht im Wald.
    Wie isländisch erscheinen mir Deine Sehnsuchtsverse! Die Transformation dorthin, woher wir gekommen sind.
    Ich bin traurig mit Dir.

  4. Sigrún Valbergsdóttir schreibt:

    Danke, lieber Wolfgang, für dieses schöne Gedicht von Ingibjörg. Wie schön ihre Gedanken in eine andere Sprache zu übersetzen. Ich denke an die unzähligen Schätze aus fremden Sprachen die sie mit ihren Übersetzungen uns Isländern zugänglich gemacht hat. Wir vermissen sie sehr, aber ihre Gedichte leben. Und wie!!!

    • Angelika Schramm schreibt:

      Ich wusste nicht, dass es ein Gedicht der verstorbenen Ingibjörg ist, – ich dachte, dass Wolfgang es geschrieben hat. Da ist „das Isländische“, so wie ich es empfinde, ja nicht verwunderlich. Es ist aber auch ein wunderbarer Nachruf auf sie selbst.

      • schifferw schreibt:

        Liebe Angelika, es tut mir leid, dass ich dieses Missverständnis hervorgerufen habe! Doch wer so über sich selbst zu schreiben weiß, braucht keine Verse eines anderen!

    • schifferw schreibt:

      Ja, liebe Sigrún – so ist es und wird es bleiben! Ihre Gedichte leben für immer!

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