Karel Hynek Mácha – Der Romantiker aus Tschechien

Zu seinem 180ten Todestag

Blick über die Moldau durch die Sonnenbrille der Liebsten © Wolfgang Schiffer Blick über die Moldau durch die Sonnenbrille der Liebsten © Wolfgang Schiffer Blick über die Moldau durch die Sonnenbrille der Liebsten © Wolfgang Schiffer

Blick über die Moldau durch die Sonnenbrille der Liebsten © Wolfgang Schiffer

Es hat ein paar Jahre gedauert, bis der 1810 in Prag geborene Dichter Karel Hynek Mácha bei seinen Landsleuten beliebt wurde, sein Hauptwerk, das von Liebe und Tod handelnde Versepos Máj / Mai, musste er 1836 noch im Eigenverlag publizieren, nur wenige Monate vor seinem frühen Tod am 5. November (einige Quellen nennen auch den 6. November) desselben Jahres.

Erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sah man in ihm den wichtigsten Vertreter der tschechischen Romantik – eine Wertschätzung, die ungebrochen anhält bis auf den heutigen Tag. Vielleicht ist Mai, dieses lyrische Drama über einen zum Tode Verurteilten, dessen Vergehen darin besteht, die Verführung seiner Liebsten gerächt zu haben, das bekannteste Gedicht in Tschechien überhaupt. Besonders unter Künstlern löste es einen wahren Mácha-Kult aus und auch darüber hinaus kennt ein jeder zumindest seine ersten Zeilen – Byl pozdní večer – první máj – večerní máj – byl lásky čas. / Spätabend war’s – es war der erste Mai – Ein Abendmai – es war der Minne Zeit. Und immer noch spazieren Jahr für Jahr an diesem 1. Mai die Liebespaare auf den Petřín, den bewaldeten Hügel im westlichen Teil von Tschechiens Hauptstadt Prag, um sich hier vor dem Denkmal des Dichters zu küssen und sich ihrer Liebe zu versichern.

Das Denkmal zu Ehren von Karel Hynek Mácha, geschaffen in den Jahren 1910 bis 1912 von dem Bildhauer Josef Václav Myslbek und dem Architekten  Antonín Balšánek © Wolfgang Schiffer

Das Denkmal zu Ehren von Karel Hynek Mácha, geschaffen in den Jahren 1910 bis 1912 von dem Bildhauer Josef Václav Myslbek und dem Architekten Antonín Balšánek © Wolfgang Schiffer

Im Folgenden sind nun die ersten Verse des mehrteiligen Epos zu lesen, im Original und in einer Übertragung ins Deutsche von Alfred Waldau, die wohl 1862 entstanden ist.

Máj

Byl pozdní večer – první máj –
večerní máj – byl lásky čas.
Hrdliččin zval ku lásce hlas,
kde borový zaváněl háj.
O lásce šeptal tichý mech;
květoucí strom lhal lásky žel,
svou lásku slavík růži pěl,
růžinu jevil vonný vzdech.
Jezero hladké v křovích stinných
zvučelo temně tajný bol,
břeh je objímal kol a kol;
a slunce jasná světů jiných
bloudila blankytnými pásky,
planoucí tam co slzy lásky.

I světy jich v oblohu skvoucí
co ve chrám věčné lásky vzešly;
až se – milostí k sobě vroucí
změnivše se v jiskry hasnoucí –
bloudící co milenci sešly.
Ouplné lůny krásná tvář –
tak bledě jasná, jasně bledá,
jak milence milenka hledá –
ve růžovou vzplanula zář;
na vodách obrazy své zřela
a sama k sobě láskou mřela.
Dál blyštil bledý dvorů stín,
jenž k sobě šly vzdy blíž a blíž,
jak v objetí by níž a níž
se vinuly v soumraku klín,
až posléze šerem v jedno splynou.
S nimi se stromy k stromům vinou. –
Nejzáze stíní šero hor,
tam bříza k boru, k bříze bor
se kloní. Vlna za vlnou
potokem spěchá. Vře plnou –
v čas lásky – láskou každý tvor. –

 

Mai

Spätabend war’s – es war der erste Mai –
Ein Abendmai – es war der Minne Zeit.
Die Turteltaube lockt’ zur Seligkeit
Im duft’gen Kieferhain, so traut und treu.
Von Liebe flüsterten die stillen Moose,
Und Liebeswehe log der Blütenbaum,
Von Liebe sang die Nachtigall der Rose,
Der Abendwind verriet den Rosentraum.
Im tiefgeheimen Schmerze seufzte leise
Der glatte See, und leise seufzte auch
Das kühle Strandgebüsch im Abendhauch,
Indes die Strahlensonnen and’rer Kreise
Still irrten durch die blaukristall’nen Sphären
Und glühten dort wie heiße Liebeszähren.

Auch ihre Welten, hoch im Äther blühend
Wie in dem Dom der ew’gen Liebe, standen
Einander näher stets, in Liebe glühend,
Bis sie zuletzt, nur noch als Funken sprühend,
Wie ein verirrtes Paar sich wiederfanden.
Des Vollmonds wunderschönes Angesicht,
So lieblich hell und so entzückend bleich,
Der Jungfrau, die den Liebsten suchet, gleich,
Umfloss ein süßes, rosenfarb’nes Licht.
Er sah sein Bild die Wässer glühend färben,
Und wollt’ in Liebe zu sich selbst hinsterben.
Dort sieh’ der Höfe bleiche Schatten blinken,
Wie sie sich immer tiefer, tiefer neigen,
Als wollten sie, sich im traumhaften Schweigen
Umarmend, in der Dämm’rung Schoß versinken,
Bis sie in Eins verschmelzen, sichtbar kaum,
Mit ihnen neigt und schmiegt sich Baum zu Baum. –
Am fernsten Rande graut der Berge Schiefer,
Die Kiefer neigt zur Birke und zur Kiefer
Die Birke sich. Die Well’ im Bache zieht
Die Welle nach. Und was Geschöpf heißt, glüht
Zur Minnezeit in Minne tief und tiefer. –
 

Natürlich lässt sich in den hier deutschsprachig zitierten Versen bereits die Bildmächtigkeit und Wortgewalt des jungen Dichters erkennen – neugierig bin ich nun jedoch auf eine zeitgenössische Übertragung durch den tschechisch-österreichischen Autor und Übersetzer Ondrej Cikán, die 2012 zweisprachig im Wiener Laborverlag erschienen und laut Verlagsangabe auch elegant illustriert ist, und zwar von dem tschechischen Zeichner und Bühnenbildner Antonín Silar.

Das Buch ist bestellt – ich bin gespannt!

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