Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (50)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Island

Ich bin sicher, es wird niemanden verwundern, dass ich die fünfzigste Station meiner kleinen Folge, die der Poesie aus Island gewidmet ist – sei es in eigenen, in Zusammenarbeit mit isländischen Freunden entstandenen Übertragungen oder in Fassungen anderer Übersetzerinnen und Übersetzer – einem meiner höchst bewunderten Dichter widme, dem den Atomdichtern Islands zugehörigen Stefán Hörður Grímsson.

Mehrfach bereits habe ich hier in den „Wortspielen“ Texte von ihm zitiert, so dass ich zur Vorstellung seiner Person und zur Rolle, welche die Atomdichter für die Modernisierung der isländischen Dichtkunst gespielt haben, heute nur auf den Gastbeitrag Geahnter Flügelschlag von Bernhild Vögel und auf das frühere „Rauchzeichen“ Der Schock der Moderne verweisen möchte. Und zitieren will ich heute als erstes ein Gedicht, dessen Titel auch zum Titel eines 2011 erschienenen Lese- und Materialienbandes der Zeitschrift die horen wurde, der darüber hinaus Interessierten eine umfassende Darstellung der Atomdichtung Islands bietet: Bei betagten Schiffen  – Islands Atomdichter.

Bei betagten Schiffen

Bei betagten Schiffen
wartete ich auf Überfahrt
mit der Brandung Wunder-
lied im Ohr
und sah Wind
den Sand in die Augen
eines jeden Tages tragen.

Vom roten Wagen
stieg der Abend
auf den kalten Sand
nackt, bleich.

Und die Nacht trug
schwarze Schuhe
und die Nach tanzte

in schwarzen Schuhen
in meinem roten Herzen.

Hjá hrumum skipum

Hjá hrumum skipum
beið ég fars
með brimsins furðu-
lag í hlust
og leit er vindur
sandinn bar
í augu sérhvers dags.

Frá rauðum vagni
kvöldið gekk
á sandinn kaldan
nakið, fölt.

Og nóttin var með
svarta skó
og dansinn nóttin steig

í rauðu hjarta mínu
á sværtum skóm.

Island

Die fünfzigste Station meiner Reise durch die isländische Poesie ist auch eine schöne Gelegenheit, Dank zu sagen – Dank für die vielen Kommentare, die die Reihe bisher erfahren hat, für die Ermunterungen, vor allem aber auch für Anregungen und Kritik.

Gerade bei eigenen Übertragungen ist es ja nicht selten so, dass es sich hier im Blog um Erstveröffentlichungen handelt, Fassungen also, die zuvor noch kein kritischer Leser oder gar Lektor gesehen hat. Da ist jede Anmerkung willkommen und (angesichts aller kreativen Herausforderungen, die die Übersetzung eines Gedichts aus einer Sprache in eine andere grundsätzlich beinhaltet) häufig auch hilfreich für einen zweiten Blick und gelegentlich sogar für eine gänzlich neue oder zumindest alternative Fassung.

Am MeerDas oben zitierte Gedicht habe ich vor vielen Jahren zusammen mit meinen verstorbenen Freund Franz Gíslason übersetzt; es ist bereits mehrfach veröffentlicht worden – zuletzt in der kleinen Anthologie isländischer Lyrik und Kurzprosa Am Meer und anderswo in der Silver Horse Edition – und dennoch hat mich ein jetziges Wiederlesen des Originals (ganz im Sinne des vorherigen Absatzes) verleitet, zumindest den letzten Zeilen eine zweite Fassung beiseite zu stellen, auch wenn ich diese nicht mehr mit Franz Gíslason abstimmen kann.

 

Og nóttin var með
svarta skó
og dansinn nóttin steig

í rauðu hjarta mínu
á sværtum skóm.

 

Und die Nacht trug
schwarze Schuhe
und tanzend stieg die Nacht

in mein rotes Herz
in schwarzen Schuhen.

Zum Abschluss des heutigen Beitrags will ich nun noch mit einer der eher seltenen poetischen Prosaskizzen (zu einem typisch isländischen Phänomen) in dem schmalen Werk des Dichters Stefán Hörður Grímsson bekannt machen. Ihre Übertragung ist ebenfalls zusammen mit Franz Gíslason entstanden, auch sie ist zuvor zuletzt in der Anthologie Am Meer und anderswo erschienen.

 

Untersuchung

Vogelbeobachtern gebührt hohe Anerkennung dafür, dass sie sich in ihrer knapp bemessenen Freizeit zu Gruppen zusammenschließen und scharenweise alle möglichen Länder bereisen, um ihrem Interesse nachzugehen. Bezahlt erhalten dies nur diejenigen, die eine Abschlussprüfung auf ihrem Türschild und einen entsprechenden Telefoneintrag nachweisen können, die meisten jedoch tun es heimlich und für fast weniger als nichts. Auch wenn Vogelbeobachter manchmal den einen oder anderen Vogel von seinen Eiern verscheuchen, so ist dies doch von großem Nutzen für Kuckucksfrauen. Aber jetzt heißt es, dass man bereits damit begonnen habe, Interessenvereine zu gründen, um Vogelbeobachter zu beobachten, und einige meinen wohl, es müssten schon recht komisch Vögel sein, die dies betreiben. Und man ist schon dabei, sich zusammenzuschließen, um sie zu durchleuchten.

 

Rannsókn

Fuglaskoðendur eiga heiður skilinn fyrir að flokka sig í stopulum frístundum og ferðarst í hópum vítt um lönd til að sinna þessu áhugamáli sínu. Þeir einir fá kaup sem hafa útskrift upp á hurðarskjæld og síma til þess arna, og þeir eru oftast að pukrast við þetta einir fyrir lítið sem ekkert. Enda þótt fuglaskoðendur styggi stundum fugl og fugl af eggjum, er það til mikils hagræðis fyrir gaukynjur. En nú kvað vera farið að stofna áhugumannafélög til þess að skoða fuglaskoðendur, og finnst víst sumum að það hljóti nú að vera nokkuð undarlegir fuglar sem það stunda. Og menn eru þegar byrjaðir að flokka sig til þess að skyggna þá.

Fotos: Wolfgang Schiffer

Fotos: Wolfgang Schiffer

 

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (50)

  1. kutabu schreibt:

    Der Prosatext ist super! Hat mich sehr amüsiert. Und dann dies schöne Bild zum Schluss! Danke dafür!

  2. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (51) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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