Michail Bulgakow 125

Ein Klassiker der russischen Moderne hat Geburtstag!

Abbildung (Teilansicht) aus dem vorgestellten Buch

Abbildung (Teilansicht) aus dem vorgestellten Buch

Es ist schon eine Weile her, dass ich hier in den „Wortspielen“ meine Begeisterung kundgetan habe ob der Neuübersetzungen, die Alexander Nitzberg dem Werk von Michail Bulgakow hat angedeihen lassen – namentlich seinem von vielen als Schlüsselwerk der russischen Moderne angesehenen Roman Meister und Margarita, der ebenso witzigen wie galligen Satire Die verfluchten Eier und – erschienen zwischen den beiden – Das hündische Herz, dem bitterbösen Abgesang auf den seinerzeit propagierten neuen Sowjetmenschen.

Begeistert hat mich dabei neben der unbestrittenen Primär-Kreativität des Schriftstellers vor allem die Sekundär-Kreativität des Übersetzers – wie es ihm gelingt, Geschehen und Sprache, Struktur, Rhythmus und Poesie der Originale auch in der Übertragung zum Flirren, zum Funkeln und zum Sprühen zu bringen, das lässt meine vorherige Unterscheidung von Kreativitäten zumindest für die deutschsprachigen Fassungen geradezu als ein wenig unfair erscheinen.

Bulgakow_U1_webVeröffentlicht wurden die Neuübersetzungen der genannten Romane seit 2012 im Galiani Verlag. Meister und Margarita fand in der Neuübersetzung und in der Bearbeitung und Regie von Klaus Buhlert bald als 12-teiliges Hörspiel den Weg ins Radio und als CD-Edition in den Münchner Hörverlag, wo sie als solche unter anderem ausgezeichnet wurde vom „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ – Das hündische Herz, so kann man nun verkünden, ist pünktlich zum 125ten Geburtstag des Autors, heute am 15. Mai, in Lizenz noch einmal in der Edition Büchergilde erschienen und das in einer – ich bin geneigt zu sagen – faszinierenden Schmuckausgabe.

Professor Filipp Filippowitsch, eine Koryphäe der Chirurgie, nimmt einen Straßenköter bei sich auf, doch weniger aus Mitleid denn aus experimenteller Leidenschaft: Er packt den Streuner auf den OP-Tisch, tauscht dessen Hunde-Hoden gegen die eines vor wenigen Stunden gestorbenen Menschen aus und die Hirnanhangdrüse gleich dazu. Auf diese Weise erhofft er sich Erkenntnisse darüber, ob und welche Möglichkeiten es zur Verjüngung und Verwandlung des Menschen gibt. Das Experiment gelingt. Gerade einmal zwei Wochen nach der OP spricht der Hund, der bald als Mensch auf den Namen Polygraph Polygraphobitsch Lumpikow hören wird, sein erstes Wort, doch ein Prototyp des zur Entstehungszeit der Erzählung (1925) nicht nur im Sowjetreich politisch gewollten „Neuen Menschen“ wird er damit noch längst nicht. Im Gegenteil: Getreu dem Untertitel der Erzählung, „Eine fürchterliche Geschichte“, ist Lumpi tatsächlich ein wahrer Lump, bösartig und skrupellos.

© Christian Gralingen/Edition Büchergilde

© Christian Gralingen/Edition Büchergilde

© Christian Gralingen/Edition Büchergilde

© Christian Gralingen/Edition Büchergilde

Primär wohl als beißende Kritik am Bolschewismus gedacht (die Erzählung konnte daher erst 1987 in der Sowjetunion erscheinen), wendet sich „Das hündische Herz“ zeitlos gegen jegliche Ideologie, Religion und was auch immer, das sich eine „Verwandlung des Menschen“ auf die Fahne schreibt. Allein schon das macht das Buch noch heute und für alle Zeit wirklich lesenswert. Darüber hinaus jedoch ist seine Verbindung von grotesk Phantastischem und zeitkritisch Realem ein Sprachfeuerwerk der Erzählkunst, wortgewaltig und voller klanglicher Finessen. Es ist wahrlich eine Freude zu lesen, wie Alexander Nitzberg, der seiner Neuübersetzung im Übrigen ein Typoskript letzter Hand zugrunde gelegt hat, der Mehrstimmigkeit des Textes, den Satzrhythmen, den Stab- und Binnenreimen usw. nachspürt und zu Übertragungen findet, die einen glauben machen könnten, das Werk sei original in unserer Sprache geschrieben. Und dass er die Erzählung, wo angebracht, auch noch kommentiert und mit einem Nachwort versehen hat, erhöht den Genuss des Rezipienten.

So versuchte ich 2013 dem Werk gerecht zu werden und lobte dabei aus gutem Grund vor allem die Leistung des Übersetzers. Heute ist dieser eine weitere hinzuzufügen – Sie haben es zweifellos bereits bemerkt – die des Illustrators Christian Gralingen.

Abbildung aus dem vorgestellten Buch © Christian Gralingen/Edition Büchergilde

Abbildung aus dem vorgestellten Buch © Christian Gralingen/Edition Büchergilde

Seine in starker Ornamentik von Vorstellungen künstlicher Intelligenz und technischer Avantgarde der damaligen Zeit geprägten Collagen sowie seine Gesamtgestaltung (Typografie, Layout usw.), die er der Ausgabe in der Edition Büchergilde zukommen lässt, verbinden die Sprachmacht des Romans mit einem eindrucksvollen Bildkunstwerk, in dessen Vielschichtigkeit man sich gerne auf Detailsuche begibt und aufs Anregendste fündig wird – bis hin zum eingehefteten „Passport“ des nun als Polygraph Poligraphowitsch daher kommenden Lumpi Lumpikow – und dabei zugleich auch im Text auf stetig neu aufscheinende Facetten und Ebenen stößt!
Es ist eine wahre Freude!
Eine Doppelseite aus dem vorgestellten Buch © Christian Gralingen/Edition Büchergilde

Eine Doppelseite aus dem vorgestellten Buch © Christian Gralingen/Edition Büchergilde

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Michail Bulgakow 125

  1. Herr Hund schreibt:

    Danke für’s Auf-Die-Finger-Klopfen, das Bitte-Lesen-Zeichen. Da steht wohl was an für mich.
    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

    • schifferw schreibt:

      Lieber Herr Hund,
      solange es nicht weh getan hat, das Klopfen, freut es mich, wenn da Einschlägiges auf Sie zu kommt!
      Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

  2. Wolfgang Koch schreibt:

    Besten Dank für den Lesetipp und die anregende und umfassende Beschreibung!👍👍

  3. finbarsgift schreibt:

    Der Meister und Margerita…immer noch eines der allerbesten Bücher aller Zeiten!!
    Liebe Abendgrüße
    vom Lu

  4. Pingback: Netzalmanach April/Mai 2016 | notizhefte

  5. rotherbaron schreibt:

    Das Wundervolle ist die Verbindung des Realen mit dem Fantastischen. Die Russen sind groß darin. Leider sind wir auf dem Weg zu einer Dichotomie zwischen (z.T. plattem) Realismus und Fantasy.

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