Zwei Gedichte …

… aus eigener und fremder Feder

Auf dem Gardasee © Wolfgang Schiffer

Auf dem Gardasee © Wolfgang Schiffer

So manche Anfragen zu meinem persönlichen und sonstigen „Status“ (für die ich an dieser Stelle herzlichst danken will…) lassen es geboten erscheinen, ebenfalls an dieser Stelle doch wieder einmal ein kurzes „Rauchzeichen“ zu senden.

Schließlich möchte ich nicht, dass sich irgendwer Sorgen macht um den Fortbestand der „Wortspiele“ – oder womöglich sogar um mich! Daher eine kurze Statusmeldung.

A) Mir geht es recht gut.

B) Dies ist nicht die regelmäßige Wiederaufnahme meiner Blog-Aktivität – sie wird aber (hoffentlich) demnächst wieder erfolgen können.

C) Der Grund hierfür: Die in meiner Begründung vom März für eine Auszeit angedeuteten Projekte haben mir nicht nur einen kurzen, damit verbundenen Arbeitsaufenthalt in Island gestattet und zusammen mit meiner Liebsten sogar einen schnellen erholsamen Abstecher an den Gardasee, nein, sie entwickeln sich auch nach der Rückkehr von dort recht zügig weiter (zu dem umfangreichsten gibt es sogar bereits einen Cover- respektive kompletten Vorschau-Entwurf des Verlags…). Allerdings erfordern sie immer noch ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, die ich nicht durch allzu große Konzentration auf andere Dinge stören möchte.

Mein heutiges „Rauchzeichen“ (quasi ein Lebenszeichen nur…) besteht daher auch nur aus zwei Gedichten. Das erste ist von Ragnar Helgi Ólafsson aus Island, erschienen 2015 in seinem Gedichtband TIL HUGHREYSTINGAR ÞEIM SEM FINNA SIG EKKI Í SAMTÍMA SÍNUM / EIN TROST FÜR DIEJENIGEN DIE SICH IN IHRER GEGENWART SELBST NICHT FINDEN KÖNNEN – die Übertragung ins Deutsche stammt einmal mehr aus der gemeinsamen Übersetzerwerkstatt meines Malerfreundes Jón Thor Gíslason und mir.

EINSETULÖGMÁLIĐ

Tárin eru rúðupiss sálarinnar
Maður sér örlítið betur út
og hinn
inn

Þegar tveir horfast í augu
sem báðir hafa grátið
sjá
þeir


milli sjónhimnunar og ljósopsins
er
stjörnuþoka í raunstærð.

Ein í hverju auga.

DAS EINSIEDLERPRINZIP

Die Tränen sind das Scheibenwaschmittel der Seele.
Man sieht ein bisschen besser hinaus
und der andere
hinein.

Wenn zwei die geweint haben
sich in die Augen schauen
sehen
sie

dass
zwischen der Netzhaut und der Pupille
Galaxien sind
in realistischer Größe.

Eine in jedem Auge.

Island, Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Island, Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Zum Abschluss dieses „Rauchzeichens“ nun noch ein kurzes Gedicht aus eigener Feder, entnommen dem 2014 erschienenen Mitlesebuch 120 des Aphaia Verlags, einer kleinen Auswahl meiner Gedichte unter dem Titel Die Saison geht zu Ende.

Man muss die Aussage dieses Textes nicht teilen – sie ist aber eine mögliche Erklärung für die Einschränkung unter A).

Warum soll ich lächeln, mein Herr?

Die Welt erstickt in ihrer Plastikhaut.
Wir liegen hinter blinden Fensteraugen,
zerteilen mit Messer und Gabel
das Leid der Anderen.

Frühmorgens, wenn die Straßen noch leer,
fliegt krächzend eine verirrte Dohle davon.

Wir bleiben und kommen nirgendwo an,
ohne dass Vögel fliehn.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Belletristik, Gedichte, Island, Literatur, Lyrik, Wortspiele abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu Zwei Gedichte …

  1. Graugans schreibt:

    Wunderbar, einfach wunderbar, diese beiden Gedichte…“ohne dass Vögel fliehn“…ja, Du sagst es.
    Es muß ein gutes Feuer brennen irgendwo, von dem solche Rauchzeichen aufsteigen können, hab Dank!

  2. Lieben Dank für das „Rauchzeichen“. Schön, was von Dir zu lesen. Besten Dank.

  3. hildegard schreibt:

    oh la la – ´liegen´ wir hinter ´blinden´ Fensteraugen? das war einmal – oder denkst Du an europäische Altersheime, wo Deine Dohle kein Goldstück mehr findet?

  4. SätzeundSchätze schreibt:

    Ich wünsche weiterhin eine kreative Pause. Und danke für das wunderbare Einsiedler-Rauchzeichen: Was für ein schönes Gedicht!

    • schifferw schreibt:

      Herzlichen Dank für die Ermunterung zur kreativen Pause! Und über die Einschätzung des Rauchzeichens freuen sich jetzt einfavch mal alle daran Beteiligten – in Island und hier, wo es derzeit ja auch nicht gerade viel wärmer ist! Liebe Grüße!

  5. sugar4all schreibt:

    Einfach WUNDERBAR!!!
    Lieben Gruß – Karin

  6. suzy schreibt:

    Gefällt mir gut! Aber auch in der Paltikhaut gibt es kleine Gucklöcher 🙂

  7. suzy schreibt:

    sorry, das sollte natürlich Plastikhaut heißen 😦

  8. wederwill schreibt:

    Danke für die wunderschönen Gedichte als Rauchzeichen! Und jedes der beiden ist auf seine Weise beeindruckend und berührend. Und „Am Meer und anderswo“ werde ich mir einfach mal so schenken. Zwischendurch. Ohne Geburtstag. Doch an dieser Stelle nachträglich die besten und herzlichsten Geburtsgrüße und guten Wünsche,
    Marlis

  9. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (47) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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