Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (46)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Grótta - auf Reykjavíks Halbinsel Seltjarnarnes

Grótta – auf Reykjavíks Halbinsel Seltjarnarnes

Nein, das ist nicht das Ende meiner angekündigten Blog-Pause, sondern nur ein kleines Intermezzo, das meinem nur wenige Tage zurückliegenden Aufenthalt in Island geschuldet ist.

Und wiewohl ich weiß, dass man nach den aktuellen Enthüllungen durch die Panama Papers (durch meine Zeit auf der Insel in den letzten Tagen war dies, Island betreffend, nicht mehr ganz so überraschend für mich…) vielleicht anderes schreiben sollte als ein Gedicht – vielleicht sogar gar nichts, sonders sich allein Thors Hammer wünschen – tue ich es dennoch!

Der Grund: ich habe (endlich) die Ruhestätte eines meiner isländischen Lieblingsdichter besucht, Snorri Hjartarson. Beerdigt ist er im Familiengrab auf dem Hólavallakirkjugarður, dem alten Friedhof im Zentrum von Reykjavík, nur wenige Meter oberhalb des Stadtteichs, des Tjörnin gelegen.

Die Ruhestätte von Snorri Hjartarsons Familie

Die Ruhestätte von Snorri Hjartarsons Familie

Hier ruht der Dichter unter den raren Bäumen von Islands Hauptstadt in der Nachbarschaft anderer isländischer Größen – wie Jón Sigurðsson (1811 – 1879), dem unermüdlichen Kämpfer für Islands Unabhängigkeit von Dänemark, und Hannes Hafstein (1861 – 1922), dem ersten isländischen Premierminister – der, das darf und muss man sagen, dem Land zweifellos mehr zur Ehre gereicht hat als jener ehemalige Offshore-Unternehmer tut, der seine Hälfte an der Briefkastenfirma gerade noch rechtzeitig für 1 $ an seine Gattin verkaufte und derzeit (noch) regiert.

Das Grabmal von Jón Sigurðsson

Das Grabmal von Jón Sigurðsson

Die Grabstätte der Familie Hafstein

Die Grabstätte der Familie Hafstein

Island HólavallakirkjugarðurMerkwürdig bewegt hat mich bei all dem eine Besonderheit des Grabsteins von Snorri Hjartarson, dem Dichter. Betrachtet man ihn von oben, so scheint darauf ein kleines menschliches Wesen zu ruhen, ja zu schwimmen – wie in einem kleinen See aus blauer Tinte.

Ein Gedicht von Snorri Hjartarson, das dieses Bild aufgreifen würde, kenne ich nicht, wohl aber eins, dem zu entnehmen ist, wie sehr der Autor sein Land in Farben gesehen hat – und seine Menschen – wie wohl überall auf der Welt – gut oder böse.

Wer mehr zum Autor erfahren möchte, den bitte ich, meine 38. Station der Reise durch die isländische Poesie aufzurufen; hier folgt jetzt ein weiteres Gedicht, abermals entnommen dem 1997 im Buchkunstverlag Kleinheinrich erschienenen, von Franz Gíslason und mir übersetzten Auswahlband Snorri Hjartarson Brunnin flýgur álft / Brennend fliegt ein Schwan.

Á Gnitaheið

Sá ég ei fyr svo fagur-
fjöllitan dag: nýr
snjór í grænu grasi, rauð
og gul lauf í snjónum,
fellið rís úr ryðbrúnum trjánum mjall-
rekið og blátt, stál-
gljátt og silfurhvítt: söng-run
á sverð-tungu. Myrknættið skríður
úr höll hins glóðrauða gulls. Hver
gengur til vígs í slóð þess? dagur, ó líf!

Auf der Gnitaheide

Nie früher sah ich so viel-
schönfarbigen Tag: neuer
Schnee in grünem Gras, rot
und gelb das Laub im Schnee,
der Berg erwächst aus rostigroten Bäumen
blau und schneebeschlagen, stahl-
glänzend und wie Silber weiß: Gesangs-Rune
auf Schwert-Zunge. Das Nachtdunkel kriecht
aus dem Palast des glühendroten Goldes. Wer
geht zum Töten in seiner Spur? Tag, oh Leben!

Sie wachsen wieder, Islands Hochhäuser…Doch hoffentlich nicht wieder zu hoch hinaus! – Fotos: © Wolfgang Schiffer

Sie wachsen wieder, Islands Hochhäuser…Doch hoffentlich nicht wieder zu hoch hinaus! – Fotos: © Wolfgang Schiffer

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (46)

  1. Angelika Schramm schreibt:

    Wie sprechend ist das, wie eindringend:: „Gesangs-Rune
    auf Schwert-Zunge. Das Nachtdunkel kriecht
    aus dem Palast des glühendroten Goldes. Wer
    geht zum Töten in seiner Spur? Tag, oh Leben!“

    Wie immer herzlichen Dank!

  2. guddysmith schreibt:

    Sehr beeindruckende Bilder vom den Ruhestätten der Dicher / Schriftsteller!
    Ich hoffe ja, dass ich in den nächsten Jahren auch mal nach Island komme – diesen Friedhof möchte ich auf jeden Fall auch mal besuchen.
    Das Gedicht von Snorri Hjartarson gefällt mir sehr gut.
    Dass die Hochhäuser (speziell das östlichste) ander Skúlagata nicht zu hoch werden, hoffe ich auch!
    Sie nehmen den Bewohner im Bereich unterhalb von Grettisgata und Njálsgata ja doch sehr die freie SIcht.
    Schon vor 2-3 Jahren hatten sich Architekten und Anwohner sehr beklagt, dass teilweise keine Möglichkeit war, vom Einspruchsrecht als Nachbar Gebrauch zu machen.
    Die Höhe der Gebäude ermöglicht es ja z.B. in die Innenhöfe sämtlicher Altbauten den Gegend hineinzuschauen.

    • schifferw schreibt:

      Ja, und nicht nur das und ins Besondere Letzteres: der Spirit, der dahinter steht, tut ebenfalls vielen weh! Die Panama Reports kommen ja nicht von ungefähr!

  3. finbarsgift schreibt:

    …zauberschöner „Zwischenbericht“…

    liebe Frühlingsgrüße vom Lu

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