Dada allerorten…

Viel Lärm gegen das Nichts

Ausschnitt von einer Seite des Buches „dada Almanach“

Ausschnitt von einer Seite des Buches „dada Almanach“

Wer verbringt nicht gerne einen vergnüglichen Abend mit schönster literarischer Sättigung?

Einen solchen durfte ich zusammen mit vielen anderen gestern auf einer Veranstaltung des Literaturhauses Köln am Großen Griechenmarkt erleben, deren Besuch ich mir als Abwechslung zu den mich derzeit zeitlich recht fordernden eigenen Arbeiten „gegönnt“ hatte.

Sein Thema hundert Jahre nach seiner Geburt: Dada! Und auf dem Podium zwei Kenner seines zwar kurzlebigen, aber bis heute nachwirkenden Universums: Martin Mittelmeier der eine, Autor des soeben im Siedler Verlag erschienenen Buches DADA – Eine Jahrhundertgeschichte, Thomas von Steinaecker der andere – er realisierte schon im letzten Jahr für 3sat die Filmreihe Von Dada bis Gaga – 100 Jahre Performance-Kunst.

Das war schon großartig, wie die beiden sich ihre speziellen Kenntnisse und das Wissen um so manche Anekdote (z. B. wie der Name Dada entstand…) Bällen gleich zuwarfen und dem Publikum ein höchst amüsantes, auch miteinander um das vermeintlich größere Wissen konkurrierendes Spiel boten – einschließlich eines hohen Informationstransfers.

So erfuhr man von den Voraussetzungen und Anfängen von Dada, dieser von vielen als Speerspitze der internationalen Avantgarde gesehenen Bewegung, die sodann mit der Gründung des Cabaret Voltaire durch Hugo Ball und Emmy Hennings am 5. Februar 1906 – nur wenige Meter vom damaligen Wohnsitz Lenins in Zürich entfernt – ihre eigentliche Geburtsstunde erfuhr, von ihrem Charakter als Reaktion einerseits auf die Gräuel des 1. Weltkriegs und den Bankrott der bürgerlichen Kultur, andererseits auf die damals enorme Beschleunigung des modernen Lebens, nicht zuletzt durch viele wissenschaftliche und technische Neuerungen, die selbst den gewöhnlichen Alltag bestimmten und bei den Menschen einen Zustand der Überforderung, Entfremdung und Leere auslösten – eine Parallelität zu heute, die kaum zu übersehen ist.

Martin Mittelmeier (l) und Thomas von Steinaecker im voll besetzten Saal des Literaturhauses Köln - Foto: Wolfgang Schiffer

Martin Mittelmeier (l) und Thomas von Steinaecker im voll besetzten Saal des Literaturhauses Köln – Foto: Wolfgang Schiffer

Natürlich wurden auch einzelne Protagonisten der Dada-Bewegung ein weniger näher beleuchtet, Hugo Ball natürlich, dessen Auftritt im kubistischen Kostüm, der einzig erhaltenen Fotografie, zur Ikone des Dadaismus werden sollte, Richard Huelsenbeck, von dem Martin Mittermeier zu berichten weiß, dass „man ihn nicht auf die Bühne tragen musste“, Hans Arp, Tristan Tzara und manch andere. Auch erfuhr man, wie sie, die zumeist als Flüchtlinge nach Zürich gekommen waren, wo ihnen Ball und Hennings ihr Cabaret als Bühne boten, bald wieder ausschwärmten, um Dada in die Welt zu tragen – nach Berlin, nach Paris und so weiter, und natürlich wurde auch kräftig zitiert, aus Manifesten und Gedichten, u. a. das Gadji beri bimba, das mit den berühmten Zeilen endet: gaga di bling blong gaga blung.

Strittig war man sich nun bei der Frage, ob Zeilen wie diese von Hugo Ball purer Unsinn seien oder nicht doch zumindest einen semantischen Assoziationsrahmen herstellen wollten, ob das Programm der Dadaisten also wie proklamiert in der Tat nur darin bestünde, eben kein Programm zu haben, oder – vielleicht sogar unbeabsichtigt – doch?

Ebenso interessant wie der aus meiner Sicht unentschieden zu wertende Austausch über diese Frage war sodann jedoch die Ausleuchtung der Folgen von Dada, insbesondere nach dem 2. Weltkrieg. Diese zeigten sich allerdings zunächst weniger in Europa, sondern erfuhren über die Fluxus-Bewegung und vor allem über das Wirken von John Cage allenfalls eine Art Re-Import und gingen schließlich in Jugendbewegungen wie Punk und in eine weltweite Populärkultur à la Lady Gaga ein, womit sie, so Thomas von Steinaecker, zugleich ihren Charakter als Avantgarde verloren.

DADA Eine Jahrhundertgeschichte

Das meiste hiervon und noch vieles mehr ist nachzulesen in dem bereits erwähnten Buch von Martin Mittelmeier DADA – Eine Jahrhundertgeschichte, das bestens erzählt das gesamte Spektrum der künstlerischen Experimente, der Beziehungen und Bezüge ausbreitet, sehr gründlich, sehr dicht – absolut lesenswert!

Als zwingend notwendige Ergänzung zu dieser Lektüre will ich zum Abschluss jedoch ein weiteres Buch empfehlen, den dada Almanach mit dem Untertitel Vom Aberwitz ästhetischer Contradiction, herausgegeben von Andreas Puff-Trojan und H.M. Compagnon und erschienen im Manesse Verlag in Zürich.

dada Almanach

Dieses Buch, schon von seiner künstlerischen Gestaltung her eine Augenweide, ermöglicht uns mit seiner Auswahl aus dem originären Schaffen der Dada-Künstler noch einmal einen sinnlichen Blick in die Dada-Welten. Schon das farbig geprägte Cover verspricht, was der Inhalt dann hält: Textbilder, Lautgedichte, Manifeste…

Das Inhaltsverzeichnis

Das Inhaltsverzeichnis

Hier finden sich wohl sortiert Gedichte, die uns – wie Hugo Balls Karawane oder Kurt Schwitters An Anna Blume – schon immer begleitet haben, ebenso wie unbekanntere, die es zu erinnern oder gänzlich neu zu entdecken gilt – ergänzt um kurze Biografien der als „Dada-Leader“ bezeichneten Künstler und um Abrisse ihrer Wirkweisen, innerhalb der Gruppe der Dadaisten und an den Orten, wohin so manche von ihnen Dada getragen haben…

Ein buntes, abwechslungsreiches und überzeugendes Lesebuch zur Dada-Bewegung, in dem zu blättern und zu lesen wahrlich ein Genuss ist!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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8 Antworten zu Dada allerorten…

  1. marinabuettner schreibt:

    Ja, der dada-Almanach ist schon ein Kunstwerk …

  2. Angelika Schramm schreibt:

    Danke, lieber Wolfgang, – man spürt noch das Anregende und Spannende dieses Abends durch die Dichte Deiner Schilderung.

  3. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Das klingt nach einer tollen Veranstaltung, lieber Wolfgang, schön, dass ich durch dich ein bisschen dabei sein konnte. Und dieser Dada-Almanach … seeeehr reizvoll!

  4. rotherbaron schreibt:

    Dada hat mich über viele Jahre meines Literaturlebens begleitet, meine Frau hat sogar Stotterer erfolgreich mit Hugo Balls Gedichten behandelt und nun habe ich mich daran gemacht, den Spuren von Surrealismus und Dada in der deutschsprachigen Literatur nachzuspüren: http://rotherbaron.com/2016/02/14/andre-breton-der-zuericher-dadaismus-und-die-deutschsprachige-literatur-eine-spurensuche/

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