Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (44)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Einer der unzähligen Wasserfälle in Island... © Wolfgang Schiffer

Einer der unzähligen Wasserfälle in Island… © Wolfgang Schiffer

Jón Óskar

Du der du horchst

Sag nicht viel,
du der du den Sturm hörst.

Wenn die Völker zugrunde gehen, wer anderer
richtet sie zugrunde als der heulende Wolf?

Du hörst den Sturm.

Höre der Stille zu.

Ohne viel zu sagen
wuchs das Gras über die Wüsten
des Krieges.

Du der du horchst,
höre der Stille zu,
du der du den Sturm hörst.

Dieses Gedicht des isländischen Atomdichters Jón Óskar (den ich hier bereits einige Male vorgestellt habe) fand ich gestern zufällig zwischen einigen weiteren seiner Gedichte, als ich nach einer (auszugsweisen) Übersetzung meines Erstlings Die Befragung des Otto B. ins amerikanische Englisch suchte.

Übersetzt habe ich diese Gedichte wie so manch andere seinerzeit mit meinem Freund Franz Gíslason – und offensichtlich vergessen, wiewohl sie zusammen mit ebenfalls vergessenen Übertragungen von mehreren Gedichten Gyrðir Elíassons Ende der 80er Jahre einmal als Blick zum Nachbarn in einem Jahrbuch der Lyrik veröffentlicht wurden…

Am Meer und anderswo

Einige davon hätte ich doch gerne dem kleinen Auswahlband Am Meer und anderswo, der kürzlich in der Silver Horse Edition erschienen ist, hinzugefügt, insbesondere das hier zitierte, das trotz der Jahre zurückliegenden Zeit des Entstehens seinen leider immer gültigen Anspruch auf Aktualität bewahrt hat.

Nun gut: zum Hinzufügen ist es leider zu spät! Am Meer muss hier und anderswo ohne diese Gedichte auskommen!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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8 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (44)

  1. finbarsgift schreibt:

    Sehr feines Poem des Atomdichters…

    Dankeschön fürs Übersetzen
    und Präsentieren 🙂

    Herzliche Herbstgrüße vom Lu

  2. versspielerin schreibt:

    eindrucksvoll, dieses gedicht. auf subtile weise ganz stark.
    danke!

  3. kutabu schreibt:

    Und dies Gedicht kommt heute ja sehr passend, da in Island heute ein heftiger Sturm bläst… – war das Zufall oder Absicht?? 🙂

    • schifferw schreibt:

      Absicht wohl weniger… Ich weiß natürlich um den Sturm – und um seine metaphorische Bedeutung in dem Gedicht! Aber wer weiß das (insbesondere in die diesen Tagen) nicht?

  4. blaupause schreibt:

    Welch Vollendung von Wort, Bild und Klang; schön, das hier zu lesen!

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