Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (43)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Noch ist am Bergs Esja von einer Störung nichts zu sehen... © Wolfgang Schiffer

Noch ist am Bergs Esja von einer Störung nichts zu sehen… © Wolfgang Schiffer

Mit einer der oftmals surrealen Prosa-Skizzen des Autors Óskar Árni Óskarsson, den ich hier bereits vorgestellt habe, verweist meine heutige Station auch noch einmal auf die kleine Anthologie Am Meer und anderswo, die ich vor wenigen Wochen in der Silver Horse Edition herausgeben konnte. Diesem Band nämlich, der auf etwa 150 Seiten Lyrik und Kurzprosa von 22 isländischen Autoren in deutscher Übersetzung vorstellt, ist der Text des 1950 geboren Schriftstellers und Übersetzers entnommen, zu dessen Publikationen auch drei Bände mit Übertragungen japanischer Haikus zählen.

Am Meer.5

Die Übersetzung des folgenden Textes ist – wie die meisten der in der Anthologie veröffentlichten Beispiele – in Zusammenarbeit mit meinem Freund Franz Gíslason entstanden.

Störungen in der Galaxie

Neulich hat man Störungen in der Galaxie entdeckt, irgendeine Unregelmäßigkeit des Strahlungsvolumens im Kosmos; Himmelskörper sind aus ihrer Bahn geraten. Ich verstehe mich nicht sehr darauf, aber man hat wochenlang keinen klaren Himmel gesehen, nur dieses ewige Grau über dem Berg Esja von morgens bis abends. Ich glaube, die Leute sind inzwischen müde vom Warten darauf, dass es wieder anders wird. Die Farben verblassen ständig, ganze Viertel sind schon verblichen. Den Leuten fällt es bereits schwer, den Weg zu sich nach Hause zu finden, und einige riskieren gar nicht mehr auszugehen, aus Angst davor, verloren zu gehen. In der gestrigen Zeitung wurde berichtet, dass im Nordland ein ganzes Dorf verschwunden sei. Laut einem Busfahrer, der dort vor kurzem durchgefahren war, seien die Häuser im Dorf inzwischen ziemlich ausgebleicht, er habe durch einige von ihnen hindurchblicken können und es sei ihm so vorgekommen, als hätten die Leute aufgehört, sich zu grüßen, ganz so als könnten sie einander nicht mehr sehen. Wenn ich zum Fenster hinaus schaue, sehe ich, dass die Schornsteine auf den umliegenden Häusern fast völlig verschwunden sind, man kann nur noch ihre Konturen erkennen. Und die Vegetation in den Gärten ist ganz welk und weiß, so als ob Winter wäre. Etwas muss bald geschehen. So kann es nicht weitergehen.

Erste Anzeichen? Der Berg Esja © Wolfgang Schiffer

Erste Anzeichen? Der Berg Esja © Wolfgang Schiffer

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (43)

  1. finbarsgift schreibt:

    ach, schön, lieber Wolfgang, dieses Buch, von dir herausgegeben hätte ich gerne…

    magst du mir kurz schreiben, wie ich es am besten bekommen kann?!

    Liebe Abendgrüße vom Lu

    • schifferw schreibt:

      Danke für Dein Interesse! Den Band zu bekommen ist einfach: Jede Buchhandlung sollte ihn bestellen können, der Verlag liefert auch, Online-Buchhandel, wenn man das mag, hat ihn sowieso – oder ich bekomme Post-Name und -Adresse und schicke im Vertrauen auf eine Erwähnung quasi ein Rezensionsexemplar. Jetzt auswählen! Liebe Grüße, Wolfgang

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