Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (41)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Island - Spiegelung

Island – Spiegelung und Bläue

Die Rückkehr aus meiner Blog-Pause wollte ich eigentlich mit einem Rückblick beginnen, und zwar auf meinen Besuch der Frankfurter Buchmesse, den ich noch vor meiner Abreise nach Prag unternehmen konnte – doch dann habe ich mir gedacht, dass dies schon derart lange her sei, dass es (kaum mehr als ein paar schlank kommentierte Fotos aus den Messehallen…) auch noch ein wenig länger warten könne.

Kurzum: zum Post-Blog-Pausen-Auftakt reise ich nun erst einmal wieder durch Island. Und weil die 14te Station auf dieser Reise dem isländischen Dichter Hannes Sigfússon gewidmet war, will ich auf der (zahlengedrehten) 41ten ebenfalls bei ihm Halt machen. Logisch ist dies wahrscheinlich nicht, aber was soll´s: Dichtung hat ja auch ihre ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten…

Ein wenig, so meine ich, kann man dies auch aus dem heutigen Gedicht herauslesen, einem der zahlreichen, die Hannes Sigfússon im Laufe seines Lebens geschrieben und veröffentlicht hat. Geboren 1922, ging er nach Abbruch seiner Ausbildung mit 15 Jahren in Island zunächst verschiedenen Tätigkeiten nach (so war er u. a. auch Leuchtturmwärterassistent), übersiedelte 1961 dann nach Norwegen, wo er als Bibliothekar arbeitete und von wo er erst Anfang der 90er Jahre nach Island zurückkehrte. Er starb 1997 in Akranes, einer Stadt im Westen Islands, etwas nördlich von dessen Hauptstadt Reykjavík.

Hannes Sigfússon wird den Modernisten der isländischen Lyrik, den sogenannten Atomdichtern zugerechnet. Dieser Status, zur damaligen Zeit ein Schmähwort für Lyriker, die aus Sicht der überwiegend konservativen isländischen Gesellschaft nicht dichten konnten, weil sie ihre Poeme nicht in den festgeschriebenen Versmaßen und vor allem ohne den obligatorischen Stabreim verfassten – dieser Status wurde ihm bereits mit seinem ersten Gedichtband zuteil, dem 1949 veröffentlichten lyrischen Zyklus Dymbilvaka / Karwache.

Der Schriftsteller und Übersetzer Kristof Magnusson hat dieses Langgedicht 2011 vollständig ins Deutsche übertragen, veröffentlicht ist es in dem Band Bei betagten Schiffen, der von der Kritik hierzulande als Standardwerk zu Islands Atomdichtern und der durch sie erfolgten Modernisierung der isländischen Dichtkunst nach dem Zweiten Weltkrieg gesehen wird.

Das heutige Gedicht, hier allein in deutschsprachiger Übertragung vorgestellt, ist aus einer deutlich späteren Zeit des Dichters Hannes Sigfússon; entnommen ist es einer erst vor wenigen Wochen erschienenen kleinen Anthologie in der Silver Horse Edition, die eine Auswahl der von mir vornehmlich mit meinem Freund Franz Gíslason erarbeiteten, verstreut publizierten Übersetzungen verschiedener isländischer Lyrikerinnen und Lyriker bündelt: Am Meer und anderswo.

Im Hafen von Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Im Hafen von Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Schönwetter

Das Meer ist ein Spiegel
Und plötzlich verwandeln sich die Häuser am Strand in eine Zahnreihe
die eine Zahnreihe küsst
in einem weiß gewordenen Biss

Und augenblicklich schießt
ein verblüffter Fabrikschlot
einen schmalen schnurgeraden Pfeiler unter die Bläue
die sich wölbt und wölbt aus aller
irdischen Nähe in den siebenten
Himmel

Ich nehme den Hut ab und bete
dass es gelingt

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (41)

  1. Hafenmuse schreibt:

    Es freut mich sehr, von Hannes Sigfússon und Franz Gìslason zu hören und das eine Gedicht zu lesen, bald hoffentlich auch die anderen.
    Dieser Blog ist ja voller Schätze und es gibt dementsprechend viel zu entdecken. – … I’ll follow vou… – . takk fyri den Reisebericht, der mir zumindestens alle Reiselust wieder geweckt hat.

    • schifferw schreibt:

      Danke für die schöne Rückmeldung und – nichts wie los! Haben Sie womöglich einen der beiden Genannten ebenfalls persönlich gekannt? Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

      • Hafenmuse schreibt:

        Guten Abend,
        nein, ich kannte diese beiden Dichter nicht, aber ich hatte eine Freundin, die ein Jahr lang zu Fuß durch Island unterwegs war.Sie hatte mir schon einiges erzählt von diesem Land. Mir persönlich sind als lebende Dichter/innen bisher nur r e l a t i v wenige Menschen begegnet; aber zum Glück doch einige.
        Ums so mehr freut mich der Hinweis auf die Genannten.

      • ©Hafenmuse schreibt:

        Es freut mich, dass Sie meinem Blog bis jetzt gefolgt sind und ich bin beglückt, was ich in den letzten Tagen an neuem und besonderem auf Ihrem Blog entdecken konnte.
        Mir gefiel es, die Gedichte erst in ihrer Sprache zu sehen, bevor die Übersetzung kommt.

  2. finbarsgift schreibt:

    Ich liebe deine isländischen Posts!

    Atomdichter, was für ein zauberhaftes Wort 🙂

    Liebe Herbstregengrüße vom Lu

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