Istanbul, zusehends

Barbara Köhler erforscht eine Stadt…

Bettina Fischer, Leiterin des Literaturhauses Köln, bei der Begrüßung der Gäste  © Wolfgang Schiffer

Bettina Fischer, Leiterin des Literaturhauses Köln, bei der Begrüßung der Gäste © Wolfgang Schiffer

Kann man nach einem nur fünfwöchigen Aufenthalt in Istanbul ein überzeugendes Buch über die Metropole am Bosporus schreiben? Ja, man kann – zumindest wenn man die Lyrikerin Barbara Köhler ist.

Davon überzeugen lassen konnten sich gestern alle, die im Literaturhaus Köln einer Veranstaltung beiwohnten, bei der die Dichterin im Gespräch mit dem Autor und Islamwissenschaftler Stefan Weidner ihr Buch Istanbul, zusehends vorstellte.

Cover ISTANBUL ZUSEHENDS v Barbara Köhler_Lilienfeld Verlag 2015
„Schreiben“ ist bei dieser Publikation allerdings zu eng gefasst, denn das als Band 6 der Schriftenreihe Literatur der Kunststiftung NRW im Düsseldorfer Lilienfeld Verlag erschienene, schönst-aufwändig gestaltete Buch enthält neben gut zwanzig Gedichten vor allem Fotos, die Barbara Köhler bei ihren Streifzügen durch die Stadt gemacht hat, mit einer kleinen Digitalkamera, einer besseren Knipse, wie sie in ihrer Nachbetrachtung zu dem Band sagt…

Istanbul, zusehends
Die Nachbetrachtung, von der Autorin bei ihrer Präsentation sinnvoll vorangestellt, überhaupt ist es, die dem Projekt über das einem Kaleidoskop ähnliche Zusammenspiel von Wort und Bild hinaus eine zusätzliche Einordung des Projekts ermöglicht, was nicht zuletzt hilfreich für die zeitliche Verortung ist.

Als Stipendiatin der Kunststiftung NRW, die seit 2009 ein Artist-in-Residence-Programm in Istanbul für Künstlerinnen und Künstler aller Sparten unterhält, verbrachte Barbara Köhler ihre fünf Wochen dort im Frühjahr 2014, mitten im touristischen Zentrum der Stadt, in der Nähe des Taksim-Platzes, auf dem 2013 die Proteste gegen die Regierung Erdoğan blutige Folgen gezeitigt hatten. Und auch jetzt ist die Situation in der Stadt alles andere als ruhig. Man ist mitten im Wahlkampf zu den bevorstehenden Kommunalwahlen, und wieder bestimmen Groß-Aufgebote an Polizei das Bild der Straßen, Wasserwerfer und Tränengas das Leben in ihnen.

Istanbul, zusehends
Es muss Barbara Köhler eine gehörige Portion Kraft gekostet haben, sich von diesem Klima nicht paralysieren oder zur Aufgabe des notwendigen Maßes an Distanz verführen zu lassen, welches Literatur haben muss, um zu einer solchen zu werden – wie auch immer, es gelingt ihr, die Stadt unverstellt in den Blick zu nehmen, in Standbilder des Alltags zu verwandeln, die von der Allgegenwart Ata Türks ebenso zeugen wie von der der Teegläser, der Graffitis, des Nippes in den Basaren und den unzähligen Augen der Überwachungskameras.

Istanbul, zusehends
Nehmen allein schon diese Kameraaugen das gesellschaftliche, das politische Klima mit in den Blick, so tun es ausdrücklich auch manche der Gedichte, so z. B. jenes Zahlen: 11. – 13.03.2014 genannte, das an Berkin Elvan erinnert, der im Umfeld der Gezi-Proteste im Juni 2013 durch eine Tränengaskartusche aus nächster Nähe am Kopf verletzt wurde, als er morgens auf dem Weg zum Bäcker war, und nun am 11. März 2014 an den Folgen dieser Verletzung starb.

Ausschnitt einer Doppelseite aus dem besprochenen Buch

Ausschnitt einer Doppelseite aus dem besprochenen Buch

In ihren Anmerkungen zu den Gedichten schreibt Barbara Köhler zu diesem weiter: In den Tagen nach seinem Tod wurde das ekmek, einfaches türkisches Weißbrot, zu einem Zeichen stillen Protests. Premier Erdoğan bezeichnete den jungen in einer Rede zu dieser Zeit als Terroristen.

Über ein solch politisches Aufmerken hinaus, zu dem der Abend im Literaturhaus Köln anhielt, wurde das Publikum insbesondere jedoch Zeuge einer Bild-Text-Ton-Perfomance auf der Basis eben dieses Buches Istanbul, zusehends. Bild und Text sind in der Publikation enthalten, der Ton, den gab die Stimme der Autorin, mit der sie unter einer stetig ihre Bildmotive wechselnden Projektion ihre Gedichte vortrug: je nach ihrer Struktur mal in lyrischer Verschleppung, mal zum Stakkato beschleunigt, mal rhythmisch moduliert, mal ruhig bis zur Stille…

Alles Fotos, falls nicht anders notiert, aus der Veranstaltung © Wolfgang Schiffer

Alles Fotos, falls nicht anders notiert, aus der Veranstaltung © Wolfgang Schiffer

Ein Abend, der in Erinnerung bleibt – ein Buch, das zu schön ist, um es in den Regalen der Buchhandlungen stehen zu lassen!

Advertisements

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Belletristik, Gedichte, Lesung, Literaturhaus Köln, Lyrik, Wortspiele abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Istanbul, zusehends

  1. Martina Ramsauer schreibt:

    Ich habe unbeschwerte Tage in der Türkei und Istanbul verbracht und hoffe, dass diese Zeit wieder kommen wird!

  2. Silvia schreibt:

    Sehr schöner Bericht über diese Veranstaltung! Auch ich gehe sehr gerne in das Kölner Literaturhaus.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s