Am Meer und anderswo – Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (40)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Island - Foto: Peter Ettl

Island – Foto: Peter Ettl

Der heutige Beitrag ist nicht nur der vierzigste meiner kleinen Reise durch die Lyrik Islands, er ist auch ein wenig anders getitelt als alle vorherigen und mit Sicherheit derjenige, der am eindeutigsten – ich sage es gleich zu Beginn – „in eigener Sache“ spricht.

Gab es früher vielleicht einmal einen Hinweis auf meine Tätigkeit als Mit-Übersetzer an dem ein oder anderen der verstreut in diversen Literaturzeitschriften oder einzelnen Auswahlbänden isländischer Dichter publizierten Texte, so geht es heute um ein ganzes Buch mit solchen, noch dazu um eins, das soeben frisch erschienen ist.

Bei meiner letzten Station – einem Gedicht von Jónas E. Svafár – habe ich es, noch von der Sichtung des Konvoluts an Texten sprechend, bereits angedeutet: ein Verlag hat mir angeboten, eine Auswahl meiner Übersetzungen aus dem Isländischen, die ich in den vergangenen Jahren zusammen mit meinem Freund Franz Gíslason erarbeitet habe – und nach dessen Tod mit den isländischen Freunden Jón Thor Gíslason und Sigrún Valbergsdóttir– erstmals als eine kleine, kompakte Anthologie zu veröffentlichen.

Heute kann und will ich den Verlag und auch den Titel des Buches nennen, denn schneller, als ich je vermutet hätte, halte ich es nämlich bereits in Händen: Am Meer und anderswo – Isländische Autoren in deutscher Übersetzung – Lyrik und Kurzprosa, erschienen in der Silver Horse Edition.

Am Meer.5

Illustriert mit sechs s/w-Fotografien macht die Auswahl auf 156 Seiten mit Texten von zweiundzwanzig Autorinnen und Autoren bekannt, und auch wenn ihr Spektrum, trotz aller Breite der poetischen Farben und Klänge, nicht den Anspruch auf repräsentative Vollständigkeit der zeitgenössischen Poesieszene Islands erheben kann, so erzählt das Buch dennoch natürlich auch von der Entwicklungsgeschichte der jüngeren isländischen Dichtkunst – von einer metaphorisch geladenen Naturdichtung über die Modernisten, den sogenannten Atomdichtern und deren Auseinandersetzung mit der strengen Formtradition, welche die isländische Lyrik über Jahrhunderte „gefesselt“ hat, bis hin zum freien Vers über das heutige Miteinander und den Alltag.

Vor allem aber will Am Meer und anderswo ein kleines, lebendiges Lesebuch sein, in dem viel vom Atem der isländischen Poesie zu spüren ist…

Mir nun in schönster Weise vorstellend, wie die geneigte Leserin, der geneigte Leser meines heutigen „Rauchzeichens“ Das Meer und anderswo vielleicht bald schon in Gänze lesen wird – (Werbepause: Egal, ob man das Buch direkt beim Verlag, über den benachbarten Buchhändler oder den einschlägigen Online-Handel bezieht, dank der Buchpreisbindung hierzulande bleibt der Preis von 16,80 € stets derselbe…) – möchte ich vorab dennoch gerne mit zwei Beispielen daraus bekannt machen.

Das erste ist eines der im Band veröffentlichten Gedichte von Sigurbjörg Þrastardóttir, einer 1973 geborenen Literaturwissenschaftlerin und Journalistin – sie hat bis heute mehrere Gedichtbände, Theaterstücke und Romane veröffentlicht und auch bereits mehrere Preise und Auszeichnungen erhalten, u. a. 2008 den isländischen Frauenliteraturpreis.

Eiszeit

Der Schnee taut nie
in den Gehörgängen der Riesen
die in den Bergen überrascht wurden
vom Tag

Flüsse fließen
Löwenzahnhänge blühen
aber altes Eis glüht
in Felsenohren
auf Ewigkeit

und selig sind die Riesen
denn sie wissen nicht
was sie versäumen

haben nie gehört
von Hardrock-Bands
Luftkissen
elektrischen Dosenöffnern

s/w Foto aus dem vorgestellten Buch

s/w Foto aus dem vorgestellten Buch

Mein zweites Beispiel heute ist eins der kurzen Prosastücke, mit denen sich in der Anthologie der Autor Óskar Árni Óskarsson vorstellt. Er ist 1950 geboren, veröffentlichte mehrere Gedicht- und Erzählungsbände und arbeitet als Übersetzer – u. a. gab er als solcher auch drei Bände mit japanischen Haikus heraus.

Eine Frau und ein Vogel

Eine Frau sitzt an einem Tisch in einem Straßenrestaurant. Sie hat gerade den Kellner um einen Kaffee gebeten. Sie nimmt eine Puderdose und einen kleinen Spiegel aus der Handtasche. Während sie sich pudert, setzt sich ein Star zu ihr auf den Tisch und spricht sie auf Deutsch an. Es fällt ihr offensichtlich schwer zu verstehen, was er sagt, sie scheint aber aufmerksam zuzuhören. Die Frau hat eine Wasserpistole in der Handtasche. Der Star wird sich noch wundern!

So – und nun wünsche ich mir natürlich nichts mehr, als dass es mir nicht so ergehen möge wie wohl in Kürze dem Vogel in dem kleinen Text – und in der Hoffnung, dem damit vorbeugen zu können, bedanke ich mich bereits einmal schnell und herzlich für Ihre und Eure Aufmerksamkeit!

Zugleich bitte ich um Verständnis, dass es hier in den „Wortspielen“ für eine Weile deutlich unregelmäßiger, ja geradezu geruhsam zugehen wird: Nicht Flucht vor möglichen Reaktionen auf den heutigen Beitrag ist der Grund, es sind allein familiäre Angelegenheiten, die mich bald zu einem diesmal sogar etwas längeren und (hoffentlich) weitgehend netztfreien Prag-Aufenthalt „zwingen“.
Ob ich mich freue? Und ob!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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13 Antworten zu Am Meer und anderswo – Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (40)

  1. versspielerin schreibt:

    gratulation! das sieht richtig gut aus. 🙂
    … hab eine gute zeit, lieber wolfgang!
    poetische grüße
    von diana

  2. Constanze Matthes schreibt:

    Respekt und den Hut gezogen, wie wunderbar du immer das Interesse für die isländische Literatur weckst. Dafür solltest du einen Preis vom isländischen Literaturverband (gibt es so einen?) bekommen… Ich liebe selbst die Literatur des Nordens, weil sie auch so Natur verbunden ist und auf eine besondere Art und Weise vom Leben und den Menschen erzählt. Allerdings führt sie leider noch immer ein Nischendasein, die Krimi-Literatur mal ausgenommen, was ich schade finde.

    • schifferw schreibt:

      Danke! Und natürlich hast du recht – vor allem die Lyrik hat es schwer! Aber das hat sie eigentlich in und aus einer jeden Sprache; ich weigere mich, mir das schön zu reden, wie es einige andere derzeit manchmal tun! Und wenn man bedenkt, dass früher einmal sogar Nachrichten in Gedichtform übermittelt wurden, ist diese distanzierte Haltung zur Poesie wirklich schade!

  3. Sigrún Valbergsdóttir schreibt:

    Til hamingju! Herzlichen Glückwunsch und danke für die feinen Geschmacksproben. Und das Photo auf der Vorderseite! Mannomann. Ein sagenhafter Blickwinkel durch den Wasserschleier des Seljalandsfoss.

    • schifferw schreibt:

      Danke, liebe Sigrún! Das Buch ist auch bereits unterwegs zu Dir, denn einige Texte darin würde es ohne Dich ja gar nicht geben! Das Foto: aufgenommen seinerzeit, ohne nass zu werden! Das war die eigentliche Leistung!

  4. kutabu schreibt:

    Glückwünsche! Das Titelbild mit dem wunderschönen Seljalandsfoss macht ja ein richtiges Schmuckstück aus dem Buch… (das ich mir unbedingt besorgen muss)

    • schifferw schreibt:

      Danke! Und ich freue mich natürlich, wenn nach dem Cover der eine oder andere Text auch zusagt! Vielleicht gibt es ja eine Rückmeldung? Fände ich toll! Gute Grüße, Wolfgang

  5. Pingback: Ohne Worte… | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  6. Madame Filigran schreibt:

    Lieber Wolfgang,

    erst einmal bin ich mit isländischer Literatur in Berührung gekommen, durch Óskar Árni Óskarssons isländischem Familienportrait „Das Glitzern der Heringsschuppe in der Stirnlocke.“ Der klare, unaufgeregte Stil hat mich angesprochen, und ich freue mich, hier einem Übersetzer zu begegnen, der aus dem Isländischen übersetzt.

    Deine Arbeiten beeindrucken mich enorm. In Deinem Blog gibt es noch viel für mich zu lesen und zu entdecken. Ich freu mich drauf.

    Herzliche Grüße!

    • schifferw schreibt:

      Liebe Madame Filigran,
      das freut mich natürlich sehr! Also wünsche ich noch eine gute Reise durch die „Wortspiele“ und dabei hoffentlich noch manch eine Entdeckung von Neuem, vielleicht nicht nur zu und aus Island – wiewohl der dortigen Kultur und insbesondere Literatur natürlich (auch) mein Hauptinteresse gilt…
      „Das Glitzern der Heringsschuppe…“ mag ich übrigens auch sehr!
      Gute Grüße, Wolfgang

  7. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (43) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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