Einst zu Gast im Gunnarshús

Der Lyriker Thorsten Trelenberg und die Vulkaninsel am Polarkreis…

Island - Foto: Lorena Zils

Island – Foto: Lorena Zils

Wer seine Bewerbung um einen Gastaufenthalt im Haus des berühmten isländischen Schriftstellers Gunnar Gunnarsson, zu dem das Miðstöð Íslenskra Bókmennta, das Isländische Literaturzentrum und der Isländische Schriftstellerverband regelmäßig einladen, nicht spätestens gestern per Email auf den Weg gebracht hat, der hat diesmal wohl wenig Aussicht, demnächst zwei bis vier Wochen auf der Insel im äußeren Nordwesten Europas verbringen zu können – jedenfalls nicht als „Guest in Residence“ – der 1. Oktober war diesmal die Deadline.

Jemand, der eine solche Deadline offensichtlich nicht verpasst hat, ist der Lyriker, Kinderbuchautor und Flusspoet Thorsten Trelenberg aus der südöstlich von Dortmund an der Ruhr gelegenen Stadt Schwerte. Er hatte das Vergnügen, vor etwa drei Jahren, von Dezember 2012 bis weit in den Januar 2013 hinein, in der letzten Wohnstätte des 1975 gestorbenen Klassikers der isländischen Literatur, die heute dem Rithöfundasamband Íslands, dem Isländischen Schriftstellerverband eben, als Domizil dient, zu Gast zu sein.

In einem kleinen Erlebnisbericht zu diesem Aufenthalt, veröffentlicht im April 2014 in der Online Zeitschrift Iceland Review, beschreibt der Autor die Motivlage für seine Bewerbung und vor allem – was ihre Umsetzung in ihm ausgelöst hat.

Aus einer Laune heraus bewarb ich mich Mitte Dezember 2012 um einen Gastaufenthalt beim Isländischen Schriftstellerverband. Genauer gesagt war es keine Laune im eigentlichen Sinn. Ich war von einem Verlangen getrieben, dass wir alle umgangssprachlich nur als Sehnsucht kennen. Doch tief in mir war mehr, viel mehr. Da brodelte in meinem Herzen die Sehnsuchtsmagma. Was hatte dieses Brodeln ausgelöst?
In den Jahren 2009 bis 2012 besuchte ich mit meiner Freundin mehrmals die Insel, die so abgeschieden im Atlantik und gleichzeitig doch so zentral zwischen den Kontinenten liegt. Schon nach unserer ersten Reise wurde uns schnell klar, dass Island unsere Insel ist.

Und nach der Schilderung so mancher Eindrücke und Erfahrungen, die er bei seinem diesmaligen Aufenthalt gemacht hat, spricht der Autor am Ende von dem, was mit ihm als Schriftsteller, als Lyriker geschehen ist.

Was aber macht so ein Aufenthalt mit mir als Dichter? Auch diese Frage will beantwortet sein. Nach ein paar Tagen löste sich der Knoten im Kopf. Es war jener Knoten, in dem alle Wörter und jenes schon beschriebene unstillbare Verlangen nach der Insel aus Feuer und Eis gefangen waren. Und so brach sie endlich aus, meine Sehnsuchtsmagma. Täglich schrieb ich Gedichte und Kurzgeschichten. Notierte mir ohne Unterlass stichpunktartig Eindrücke und Erlebtes, um diese später literarisch zu verarbeiten.

Thorsten TrelenbergUnd das ist inzwischen natürlich längst geschehen. Als Gast im Gunnarshús hatte Thorsten Trelenberg nach seiner Rückkehr das Verlangen gepackt, mehr über diesen Autor zu erfahren, alles zu lesen, was für ihn in deutschsprachiger Übersetzung erhältlich war. Woche um Woche vertiefte er sich nach eigener Aussage begeistert in die Romane, Kurzgeschichten und Novellen des Isländers (z. B. Strand des Lebens, Sieben Tage Finsternis, Jon Arason, Die Eidbrüder, Schiffe am Himmel, Vivivaki usw.) – und schließlich antwortete er ihm auf die einem Lyriker eigene Art: mit Gedichten.

Zu lesen ist eine Auswahl daraus in einer 2014 erschienenen, auf 100 Stück limitierten und signierten Sonderausgabe mit dem Titel Himmelssegler. Ein Beispiel daraus macht sofort deutlich, dass es für den Leser keineswegs die Kenntnis von Gunnar Gunnarssons Werk braucht, um sich von den poetischen Bildern, die diese Gedichte entwerfen, gefangen nehmen zu lassen – um wie viel größer noch (wenn wahrscheinlich auch anders) muss da das Vergnügen sein, das jemand erfährt, der die Zeilen des Gedichtes nach und nach in Bezug zu setzen weiß mit der Prosa des isländischen Literaturklassikers.

Himmelssegler

Verlassen liegen die Wolken
Inseln gleich

Im Blau des Himmels
Vor Anker

Keine Spur von den so
Sehnsüchtig erwarteten
Himmelsseglern

Geduldig schließt der Junge
Die Augen

Nur hier
Im Gras liegend
Berührt der Himmel
Sein Gesicht

(Gunnarsson, Schiffe am Himmel)

Thorsten Trelenberg EislandVor Himmelssegler bereits hatte Thorsten Trelenberg 2013 jedoch eine andere kleine Gedichtauswahl publiziert, die noch unmittelbarer auf seinen Gastaufenthalt in Island zurückverweist: Eisland.

Mit diesen ebenfalls in einer limitierten und signierten Ausgabe erschienenen Gedichten will er den Leser das Land, dessen Landschaft wie kaum eine andere durch die Mächte der Natur, durch Gletscher und Gletscherflüsse, durch Vulkanberge und ihr Gestein, durch unzählige Wasserfälle und die in tiefe Fjorde einpeitschende See geprägt ist, geradezu spüren lassen – oftmals mit der Kraft von Metaphern, welche die so oft behauptete „Größe“ unserer Existenz sehr klein erscheinen lässt. Auch hieraus soll an dieser Stelle ein Beispiel zu lesen sein.

Meerwärts

Nebelschwaden
Die ihre Rücken
An den Bergen
Reiben

Gletscher
Lecken ihre Zungen
Meerwärts

Längs
Der Straße ödes
Land

Hier
Zermahlt Ewigkeit
Die Zeit
Zu
Feinem Staub

Der Wirkung, die Gedichte wie diese entfalten, fallen zweifellos nicht nur eingefleischte Island-Liebhaber anheim – gesteigert ist sie seit kurzem nun noch einmal durch ein Projekt, dass die Gedichte dank einer Komposition von Michael Bereckis mit Musik vereint: das Trelenberg-Bereckis-Projekt Eisland. Auch wenn die CD hierzu erst Ende des Jahres erhältlich sein soll – hören kann man größtenteils bereits, was geschieht, wenn Poesie auf Musik trifft. Und zu „sehen“ ist sie auch – dank der „Verformungen“ mittels Fotografien von Birgitta Nicolas…

Ich wünsche viel Vergnügen!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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12 Antworten zu Einst zu Gast im Gunnarshús

  1. Graugans schreibt:

    Herzlichen Dank für diesen Hinweis, freue mich auf die CD, Du wirst sie hoffentlich hier nochmal ankündigen! Musik und Poesie, oft versucht, selten gelingt es wirklich, daß beide ihre eigene Geschichte erzählen dürfen, ohne ständig zu meinen, das jeweilige andere unterstützen zu müssen, sondern nebeneinander herzugehen und in den wundersamen Glücksmomenten ein Sich kreuzen zuzulassen…ich träume lange schon davon, nur wenige scheint es unter den MusikerInnen zu geben, die den Mut zur Improvisation haben…einmal habe ich was gelesen und parallel dazu hat eine Sängerin Lieder gesungen, das Publikum war teilweise sehr verstört und die Sängerin wollte dieses Projekt auch nicht mehr weiterführen, hatte Angst, sich zu verlieren…Vielen Dank für den „Himmelssegler“, berührt mein Herz! Liebe Grüsse

    • schifferw schreibt:

      Freut mich! Danke für den intensiven Kommentar! Und nicht vergessen: Die Grágás (zu Deutsch Graugans) ist ein altisländisches Rechtsbuch, In ihm das Recht des isländischen Freistaates vor 1263 niedergeschrieben, also bevor Island an die Norweger fiel… Ein schönes Wochenende wünscht Wolfgang..

  2. kulervo schreibt:

    Mentale Überdüngung 👏🏻

    • schifferw schreibt:

      Ich denke nach, was da so alles gemeint sein könnte in dem Kommentar! Dank für ihn in jedem Fall!

      • kulervo schreibt:

        Na, das ist doch eines der Gedichte – ganz mein Gesamteindruck von Island. Hoffentlich kommt die CD vor Weihnachten raus. 😬

      • schifferw schreibt:

        Pardon! Momentanes Aufdemschlauchstehen! Die CD aber ist zum Ende des Jahres ja angekündigt – da bleibt nur das Beste zu hoffen!

  3. finbarsgift schreibt:

    Wundervoll mich berührendes Poem vom Gunnarsson…
    liebe Abendgrüße vom Lu

    • schifferw schreibt:

      Danke! Wird den Autor freuen, das zu lesen / zu hören! Der ist nämlich Thorsten Trelenberg, angeregt durch eine Textstelle in Gunnar Gunnarssons “ Schiffe am Himmel“… War vielleicht etwas missverständlich von mir ausgedrückt! Gute Grüße, Wolfgang

  4. Pingback: Als artist-in-residence in Skriðuklaustur | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  5. Madame Filigran schreibt:

    Zwar war ich nie auf Island, doch wenn ich deine Beiträge lese… und die Gedichte… dann ist mir, als fühle man dort anders, tiefer, und die Gedanken würden klarer. Ist das so?
    Herzliche Grüße

    • schifferw schreibt:

      Oh, das kann ich schwerlich beantworten… Das Lebensgefühl ist zweifellos ein anderes, und von mir kann ich sagen, dass ich den Eindruck habe, in meinen Gedanken, um bei der vorgegebenen Wortwahl zu bleiben, tiefer und klarer zu sein, wenn ich dort bin – aber ich mag mich auch irren! Und selbst wenn es zuträfe, ob es für alle gilt? das weiß ich nicht!

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