Das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium 2015

Feierliche Übergabe im Literaturhaus Köln

Der Niederrhein - hier geht auch der Stipendiat schon einmal lang... © Wolfgang Schiffer

Der Niederrhein – hier geht auch der Stipendiat schon einmal lang…
© Wolfgang Schiffer

Gestern Abend habe ich endlich wieder einmal die Zeit gefunden, der Übergabe des Förderstipendiums für Literatur beizuwohnen, das die Stadt Köln zusammen mit vier weiteren Stipendien – Bildende Kunst, Medienkunst, Musik und, aus privaten Fördermitteln, Jazz/Improvisierte Musik – seit Beginn der 70er Jahre vergibt; den Namen des großen Rolf Dieter Brinkmann, der 1975, vor 40 Jahren also und selber gerade 35 Jahre alt, unter tragischen Umständen in London den Tod fand, trägt das Stipendium jedoch erst seit 1990.

JungeZuerkannt wurde das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium in diesem Jahr dem 1982 in Mönchengladbach geborenen Autor Sebastian Polmans. Ich gestehe, er war mir bis zum gestrigen Abend als Autor nicht bekannt, wiewohl er bereits 2011 im Suhrkamp Verlag den Roman Junge veröffentlicht hat, der ganz offensichtlich viel und gute Beachtung fand, und aktuell mit einem im Radius Verlag verlegten Gedichtband zu lesen ist: Unser Tattoo.

Unser TattooHinzu kommen so manche Auszeichnungen und Preise, die mich auf Sebastian Polmans hätten aufmerksam machen können, ja müssen – ist darunter neben dem Publikumspreis beim open mike-Wettbewerb 2010 in Berlin, dem Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung, dem Moerser Literaturpreis u. a anderen doch auch der Nettetaler Literaturpreis. Und den und dessen Trägerinnen und Träger sollte ich nun wirklich kennen, bin ich Nettetal doch aufs Innigste durch Geburt, Kindheit und Jugend verbunden…

Sebastian Polmans reiht sich mit der jetzigen Auszeichnung ein in eine gute Liste bisheriger Stipendiaten. Liane Dirks ist darunter, der verstorbene Thomas Kling (ich erinnere mich, dass ich bei der Sitzung der Jury, der ich damals angehören durfte – es muss 1989 oder 1990 gewesen sein – von einem Jurymitglied der Stadt gefragt worden bin, ob der Autor womöglich Legastheniker sei…), Norbert Hummelt, Marcel Beyer, Dieter M. Gräf, Ulla Lenze, Adrian Kasnitz, Marie T. Martin und viele mehr…

Auch ich selbst (ohne mich damit in die obige Reihe einordnen zu wollen) habe dieses Stipendium Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erhalten, und damit beinah eine Dekade vor dem Zeitpunkt, an dem es neben der finanziellen Freiheit, die es einem für eine bestimmt Projekt-Zeit gab, durch den Namen des berühmten Schriftsteller-Kollegen Brinkmann eine zusätzliche Aufwertung erfuhr.

Dr. Ulrich Wackerhagen

Dr. Ulrich Wackerhagen

Und auch das Zeremoniell der Übergabe des Stipendiums war damals noch weit von dem entfernt, was einem Preisträger heute zuteilwird. Fand es damals, wenig feierlich, in einem Büroraum, allenfalls in einem kleineren Konferenzraum des Kulturamtes statt – mit Presse zwar, aber gänzlich ohne Publikum – so lud man gestern, und das nicht zum ersten Mal, das literatur-interessierte Publikum in das historische Ambiente des Literaturhauses Köln (schön: neuer Web-Auftritt), der Vorsitzende des Literaturhaus-Vereins, Dr. Ulrich Wackerhagen, begrüßte Gäste und Preisträger, ebenso Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes, und dies auch im Namen des Oberbürgermeisters und damit quasi der gesamten Stadt.
Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes und der Preisträger...

Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes und der Preisträger…

Bevor sie dem Preisträger allerdings die Stipendiatsurkunde der Stadt überreichen konnte, und zwar beinah familiär-liebevoll einander an den Händen haltend, wurde dieser gelobt: Philipp Holstein, er schreibt u. a. für die Rheinische Post, hielt die Laudatio, aus der ich mir – in zugegebener Unkenntnis des bisherigen Polmansschen Werks – wie folgt zu zitieren erlaube.

In dem Roman Junge schildert Sebastian Polmans zwei Tage im Leben eines namenlosen Kindes, das an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht. Sein Erzähler nähert sich dem Protagonisten mit brutaler Genauigkeit, und ihm gelingt es, die Ortlosigkeit und Bindungslosigkeit des Kindes zu vermitteln. Erinnerungen und Betrachtungen verschwimmen mit Geräuschen und Wahrnehmungen, es entsteht ein Bewusstseinsschwindel, ein Daseinsrausch, in dem die Welt, wie dieses Kind sie kannte, untergeht. Polmans beschreibt das Ungefähre und Vage dieses Zustandes zugleich nüchtern und lyrisch, mit Distanziertheit und Empathie. Polmans Sprache ist sinnlich, ihr Klang überträgt die Verfasstheit des Kindes in einen angemessenen, nie überdrehten und flirrenden Sound.
Polmans blickt mit großer Genauigkeit auf die Bewegungen seiner Figuren, auf die Irritationen, die die Umwelt in ihnen auslösen. Er folgt ihnen mit ungebrochener Aufmerksamkeit an einen Punkt, an dem Ungewissheit in Freiheit mündet. Diesen Punkt nennt man Selbstbewusstsein.
In seiner Lyrik geht er ähnlich vor, gleicht die Eindrücke der Kindheit ab mit den Erfahrungen des Erwachsenenseins, das Überzeitliche mit dem Aktuellen. Er findet erhellende Bilder für die Poesie des Alltäglichen. Wortschöpfungen und Satzkonstruktionen werfen ein anderes Licht auf die Gegenwart.

Sebastian Polmans und Sophie Knops im Literaturhaus Köln -  Fotos Wolfgang Schiffer

Sebastian Polmans und Sophie Knops im Literaturhaus Köln – Fotos Wolfgang Schiffer

Zum Ausklang der feierlichen Stipendien-Übergabe gab es natürlich auch noch etwas vom Gepriesenen selbst zu hören. Er las einen Brief an Rolf Dieter Brinkmann, ausgehend vom Leseeindruck dessen Werks Rom. Blicke und offensichtlich eigens zu dem Anlass des Abends geschrieben; er las zudem weitere Gedichte, rappte und sang – im Duo mit und begleitet von der wunderbaren Sophie Knops zur Gruppe Leo & The Lilytree gewachsen. Gut – Sophies Gitarre und Stimme allein hört man jedoch ebenso gerne zu. Also, ich jedenfalls…

Genug – ich habe jetzt zu lesen: Junge und Unser Tattoo!

PS: Ein weiterer Beitrag zur diesjährigen Überreichung des Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendiums der Stadt Köln und zum Preisträger Sebastian Polmans ist auch bei Roberto Di Bella zu lesen. Sein Blog lautet „Rolf Dieter Brinkmann, wild gefleckt“.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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5 Antworten zu Das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium 2015

  1. Angelika Schramm schreibt:

    Vielen Dank, lieber Wolfgang, für den Bericht, der sich so liest, als sollte ich auch lesen: den Roman und die Lyrik.
    (Rolf Dieter Brinkmann kenne ich noch aus meiner Schulzeit, sein früher Tod war erschütternd, auch für mich.)

    • schifferw schreibt:

      Ja, Brinkmanns letzte Worte vor dem Überqueren der Straße, auf der ihn dann der Wagen umfuhr, sollen gewesen sein: Drüben auf der anderen Seite ist ein gutes Restaurant!

  2. Lieber Wolfgang,
    angefixt, diesen Post sofort zu lesen hat mich natürlich der Name Brinkmann, in und mit dessen Rom, Blicke ich in den 80ern eine Weile ‚gelebt‘ habe.
    Dann hat mir Deine zuweilen so erfrischend lakonische Berichterstattung sehr gefallen.
    Ob ich nun von Herrn Polmann etwas lesen werde weiss ich noch nicht – der Gedichtband intetessiert mich da mehr, als die Prosa – aber sensationell ist die Musik und vor allem das Gitarrenspiel von Sophie Knops.
    Danke für den gelungenen Text und vor allem für den Video-Link!
    Liebe Grüße
    Kai

  3. Pingback: Vom Bárðabunga an den Niederrhein | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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