Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (39)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Island - Am Jökulsárlón © Wolfgang Schiffer

Island – Am Jökulsárlón © Wolfgang Schiffer

Zur Zeit beschäftige ich mich mit der Sichtung und Auswahl meiner Übersetzungen isländischer Lyrik, die ich in mehr als zwanzig zurückliegenden Jahren zusammen mit meinem Freund Franz Gíslason – und nach dessen Tod in 2006 – mit den isländischen Freunden Jón Thor Gíslason und Sigrún Valbergsdóttir erarbeitet habe.

Der Grund hierfür ist die Chance auf eine kompakte Veröffentlichung dieser bislang zumeist nur verstreut, insbesondere in verschiedenen Ausgaben der Literaturzeitschrift die horen publizierten Gedichte.

Mehr will ich heute dazu noch nicht sagen – denn alles steht und fällt natürlich auch mit den Rechten an den Originalen, die hierzu noch einmal geklärt sein wollen, und wer dies schon einmal hat tun dürfen, vor allem mit Blick auf nicht mehr lebende Autorinnen und Autoren, deren Rechte nun (von zunächst meist nicht bekannten und daher zu recherchierenden) Erben verwaltet werden, der weiß, dass dies eine recht aufwändige Arbeit werden kann…

Natürlich hält mich diese Arbeit von manch anderem ab (z. B. auch vom intensiveren Lesen aktuell erschienener Romane und von wieder etwas regelmäßigeren Buchbesprechungen hier in den „Wortspielen“…), aber sie bereitet auch große Freunde – ist sie doch sogar mit der einen oder anderen Wiederentdeckung verbunden, mit dem erneuten Lesen von Texten, an die ich mich aktiv gar nicht mehr erinnert habe.

Mein heutiger Text ist ein solches Beispiel, auch wenn seine Übersetzung erst ein paar Jahre zurückliegt. Er ist von dem Dichter und bildenden Künstler Jónas E. Svafár. Dieser wurde 1925 in Reykjavík, der Hauptstadt Islands geboren, er starb 2004 in Stokkseyri. Jónas E. Svafár wird dem geistigen Umfeld von Islands „Atomdichtern“, den Modernisierern der isländischen Dichtkunst, über die ich hier schon mehrfach berichtet habe, zugerechnet; anders als die meisten anderen von ihnen gilt er aber als ein Mann mit einem unbeständigen Lebenswandel, u. a. wird ihm nachgesagt, zwei Jahre in einem Zelt gelebt und sich allein von Roggenbrot ernährt zu haben; andere sagen, er habe Jahre lang geschlafen und sei so zu seinem Namen Svafár (sinngemäß: der Schlafende) gekommen.

Jonas Svafar - Sjöstjarnan i meyjarmerkinu.22 Jonas Svafar - Sjöstjarnan i meyjarmerkinu.28

Wie auch immer: mehrere Gedichtbände, die er zumeist auch selber illustrierte (s. obige Beispiele), zeigen, dass er trotz allem, was ihm nachgesagt wird, ein äußerst wacher Zeitgenosse gewesen sein muss. Davon zeugt auch seine Sicht auf die Welt, wie sie sich im folgenden Gedicht, dass ich zusammen mit meinem isländischen Malerfreund Jón Thor Gíslason übersetzt habe, dokumentiert. Entnommen ist das Gedicht dem horen-Band 242, Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter.

Radioaktive Monde

über der weltkugel des hirns
gehen skelette arm in arm

die augenhöhlen der technik
weinen der armeen blut

maschinengewehre arbeiten auf schreibmaschinen
an der geschichte der menschheit

drachen oder bakterien kriechen
ins morgengrauen

aus den ideen der wolken
stürzen wasserstoffbomben

aus der atmosphäre
spannt sich der todeskampf des feuers

Advertisements

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Bücher, Belletristik, Island, Literatur, Lyrik, Wortspiele abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (39)

  1. Schröersche schreibt:

    Mich freut der gute Einblick in die Werkstatt nicht nur eines Übersetzers sondern zudem noch eines Herausgebers.
    Die Illustrationen eignen sich sehr gut, habe ich den Eindruck. Sie erinnern mich teils an Oskar Schlemmer und teils an die Kunst der Westküstenindianer, wegen der Symbiose von Nordischem und Technischem.
    Das Gedicht ist beklemmend, aber vermutlich traurigerweise zeitgemäß. Es drückt gut aus, wie uns die Gespenster unserer Zerstörungsneigung durch alle Zeiten begleiten und auf Errungenschaften der Zivilisation und Aufklärung pfeifen. Aber ich laß die Hoffnung nicht fahren.

    • schifferw schreibt:

      Danke für den schönen und umfangreichen Kommentar! In Letzterem sind wir uns völlig einig: trotz besseren Wissens bleiben wir hoffnungsfroh!

  2. Harald Morgenstern schreibt:

    Deine Beiträge faszinieren mich immer wieder. Wie Du Dich um nordische Lyrik mühst. Ein kraftvolles Werk. Ob aber allein auf die Hoffnung setzen unsere Zukunft sichern kann…?

    • schifferw schreibt:

      Deine Einschätzung freut mich natürlich, lieber Harald! Und natürlich reicht es nicht, allein auf die Hoffnung zu setzen! Doch jegliches soziale und / oder politische Engagement braucht auch die Hoffnung auf die Möglichkeit zur Veränderung! Und vor allem auch das kulturelle – damit wechselseitige kulturelle Begegnungen wirklich zu stabilen Brücken werden, über die dann alle gehen können…

  3. finbarsgift schreibt:

    Das Poem am Ende deines interessanten Eintrags ist supermegaklasse!!
    Herzlichen Dank für deine Zeilen und die des Poeten 🙂
    Liebe Morgengrüße vom Lu

  4. Pingback: Am Meer und anderswo – Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (40) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s