In einer kalten Winternacht

Ein Islandkrimi aus der Zeit der Kochtopfrevolution…

Kirche in Island
Island 2008/2009: das Land steht vor der Pleite, der Staat ist bankrott. Die Wut der Bürger gegen unverantwortliche Banker und Politiker macht sich Luft auf dem Austurvöllur, dem Platz vor dem Parlament, die Menschen schleudern der Regierung in Sprechchören ihr Misstrauen entgegen, sie verlangen ihren Rücktritt und schlagen zur Bekräftigung auf Töpfe und Pfannen.

Eine der vehementesten Protestler ist Erla Líf Bóasdóttir, eine junge Jurastudentin; zusammen mit ihrer Freundin Oddrún und einer dritten, den beiden unbekannten Frau umtanzt sie Abend für Abend das Mahnfeuer, das man auf dem Platz entzündet hat – Zusammenstöße mit der Polizei und Auseinandersetzungen mit politisch Andersdenkenden sind da an der Tagesordnung.

Eines Nachts auf dem Nachhauseweg, so berichtet uns Ævar Örn Jósepsson in seinem hierzulande fünften, jüngst im btb Verlag erschienenen Kriminalroman mit dem Titel In einer kalten Winternacht, wird die Aktivistin für ihre politische Überzeugung nun grausam abgestraft: Drei maskierte Männer zerren sie in einen leerstehenden Hinterhof, beschimpfen sie als kommunistische Hure und vergewaltigen sie aufs Brutalste. Als Täter glaubt das Opfer ihren früheren Freund Darri und dessen Kumpane Vignir und Jónas erkannt zu haben; die drei werden auch in Untersuchungshaft genommen – das Oberste Gericht jedoch, zu dem Darris Vater, der Rechtsanwalt und Abgeordnete Ingólfur Halldórsson gute Beziehungen unterhält, spricht die drei am Ende frei.

Für die ermittelnde Kommissarin Katrín (der Leser kennt sie und ihre Kollegen Árni und Guðni sowie Stefán, den Leiter des Kommissariats, bereits aus den vorherigen Romanen des Autors) ist diese furchtbare Tat bald jedoch nur die Vorgeschichte zu einem noch weitaus schrecklicheren Verbrechen an Erla Líf. Wenig mehr als ein Jahr später, kurz vor Ostern 2010, wird die junge Frau sterbend an der Mauer einer Kirche angelehnt aufgefunden, eingehüllt in eines weißes Leinentuch und mit Messerstichen übersät. Eine Überlebenschance gibt es nicht, nach einigen Wochen im Koma gelingt es den Ärzten der Klinik nur, das Kind zu retten, mit dem Erla Líf zum Zeitpunkt der Tat im sechsten Monat schwanger ist…

Schon die Ermittlung im Vergewaltigungsfall hat Katrín mehr als andere Fälle zugesetzt. Erla war für Jahre die Babysitterin ihrer Tochter, sie selbst hat früher auf Erla aufgepasst, sie kennt die Familie, ist befreundet mit Þyrí, der Mutter, die nun mit Brynjólfur, dem Besitzer einer Fischverarbeitungsfabrik und Freund von Darris Vater, zusammenlebt. Und nun noch dieses brutale, an Mordlust offensichtlich nicht zu übertreffende Verbrechen… Für sie liegt es nahe, den Mord in Verbindung zu bringen mit der früheren Vergewaltigung. Ein Racheakt der von Erla Líf seinerzeit Beschuldigten vielleicht? Oder steht ihr Tod eher doch in Zusammenhang mit ihrem politischen Engagement, das sie ja trotz des Sturzes der alten und der Einsetzung einer neuen Regierung nicht aufgegeben hat? Oder sind die Motive ganz woanders zu suchen?

In einer kalten WinternachtKatrín würde all diese Fragen gerne und immer wieder mit ihren Kollegen erörtern, doch diese können sie in dem Fall nur begrenzt unterstützen: Árni ist zunächst noch in Elternzeit, Guðni scheint einen Privatkampf gegen Lalli Fett, den Boss der größten Drogenbande in Island zu führen und hält die gesamte Drogenkommission und sogar deren Chef Þórður Guðmundsson für „spooky“ – und Stefán, der ist nach dem Tod seiner Frau Ragnhildur in eine tiefe Depression gefallen und hat sich vorübergehend aus der Leitung des Kommissariats in sein Privatleben zurückgezogen, das er trauernd zumeist in seiner Garage und dort in einem alten Land Rover verbringt, den seine Frau ihm noch zu seinem letzten Geburtstag geschenkt hatte…

Hinzu kommt, dass der derzeitige Chef des Kommissariats der Aufklärung des Falles Erla Líf keine Priorität einräumt – eine Entscheidung, die schließlich dazu beiträgt, dass Stefán, irritiert, ja beinahe erbost über die Arbeitsweise des ihn vertretenden Kollegen, doch wieder in den Dienst zurückkehrt…

Von nun an erhält Katrín die notwendige Unterstützung, und die Ermittlungen nehmen wieder an Fahrt zu – und führen schließlich zur Aufklärung beider Verbrechen, die an Erla Líf begangen wurden – auch wenn eine Bestrafung aller in sie verwickelten Täter ungewiss bleibt…

Auf dem Weg dorthin stellen zwei weitere Verbrechen das Team jedoch vor neue Rätsel: Helena, der Tochter von Guðni, hat man mit einem Baseballschläger brutalst beide Beine zertrümmert, und als wenig später Lalli Fett, der Drogenboss, ermordet aufgefunden wird, gerät Guðni selber in Verdacht…

Ævar Örn Jósepsson wurde 1963 geboren. er studierte Philosophie und Englisch in Freiburg und lebt heute als Journalist, Übersetzer und Autor in Islands Hauptstadt Reykjavík.

Was mich für seinen von Coletta Bürling stimmig ins Deutsche übertragenen Roman In einer kalten Winternacht zunächst schon einmal einnimmt, ist die in einem Kriminalroman von mir so nicht erwartete, doch äußerst gelungene Auseinandersetzung mit der zurückliegenden Krise in Island, die fein ausgelotete Darstellung des gesellschaftlichen Mit- und Gegeneinanders, des Denkens und Fühlens der Menschen, ihrer Ängste und tatsächlichen Einschränkungen und Verluste im Alltag, die sie in Folge des Finanzkollapses hinnehmen mussten und größtenteils immer noch müssen…

Dieses politisch-gesellschaftliche „Sittengemälde“ weiß er darüber hinaus mit einem weit verzweigten Kriminalgeschehen zu verweben, auf und in dessen Linien und öfter noch Schlingen und Schleifen ich allerdings gelegentlich doch ein wenig entnervt bereits aufgeben wollte – ich rief mich aber zu einem Mehr an Konzentration und Geduld auf und machte mir klar, dass der Autor mir – dem Leser – ganz offensichtlich nicht mehr, aber auch nicht weniger zumuten will, als das, dem seine ermittelnden Akteure ausgesetzt sind: ein oder mehrere Verbrechen und sodann ein zunächst scheinbar unlöslich ineinander verschlungenes Netz aus Indizien, Verdachtsmomenten, Spuren und so weiter, und so weiter, das es zu entwirren gilt. Und das tut der Autor schließlich mit sichtlicher Bravour.

Fazit: Am Ende bin ich froh, bis zum Ende durchgehalten zu haben.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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