Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (38)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Island-Stimmung © Wolfgang Schiffer

Island-Stimmung © Wolfgang Schiffer

Vor einigen Tagen bin ich gefragt worden, ob ich denn meine kleine Reihe mit isländischer Dichtung eingestellt hätte – nein, habe ich in heftiger Zurückweisung geantwortet und zugleich etwas in mir aufsteigen fühlen, das sich wie ein „schlechtes Gewissen“ ausnahm…

Nun ja, ich habe daraufhin nachgeschaut: meine letzte Station auf dieser Reise liegt tatsächlich bereits einige Wochen zurück!

Das will ich heute rasch ändern, und weil das Wetter draußen gerade so miserabel ist, hoffe ich, es dabei mit einem kleinen Gedicht über Vögel, die auf Ähnliches warten wie ich, in unser aller Sinne beeinflussen zu können.

Das Gedicht ist wieder einmal von Snorri Hjartarson, den ich bereits einige Male in meinen „Wortspielen“ vorgestellt habe; für alle, die hier zum ersten Mal von ihm hören, erlaube ich mir, aus einem früheren Beitrag ein paar Angaben zu ihm einzufügen.

Snorri Hjartarson (1906 – 1986) studierte zunächst Kunst in Kopenhagen und Oslo, erkannte aber wohl bald, dass seine eigentliche Begabung in der Literatur lag. Noch in Oslo erschien ein Roman von ihm in norwegischer Sprache, ein Künstlerroman, der durchaus autobiographische Merkmale trägt. Zurück in Island dauerte es allerdings einige Jahre, bis er 1944 einen ersten Gedichtband mit dem schlichten Titel Kvæði / Gedichte publizierte; mit Á Gnitaheiði / Auf der Gnitaheide (1952), Lauf og stjörnur / Laub und Sterne (1966) sowie Hauströkkrið yfer mér / Herbstdunkel über mir (1979) folgten ihm drei weitere Sammlungen. Für die letzte wurde er mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet.

In Deutschland bekannt gemacht hat den Dichter nach ersten vereinzelten Veröffentlichungen in der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik die horen vor allem 1997 der Verlag Kleinheinrich mit dem von Franz Gíslason und mir übersetzten Auswahlband Snorri Hjartarson – Brunnin flýgur álft / Brennend fliegt ein Schwan.

Island - einer der unzähligen Wasserfälle © Wolfgang Schiffer

Island – einer der unzähligen Wasserfälle © Wolfgang Schiffer


Und jetzt das Gedicht.

Fuglar

Á hverrir grein eru fuglar
stjarneygir í dökku laufinu
fægja fjaðrirnar hljóðir
og gá til lofts

bíða þess að meistarinn
birtist og lyfti
sólsprotanum hvíta

oft bíða þeir lengi
og stundum því miður til lítils

fuglarnir í trjánum.

Vögel

Auf jedem Zweig sitzen Vögel
sternäugig im dunklen Laub
putzen schweigsam die Federn
und gucken in die Luft

warten dass der Meister
erscheint und das weiße
Sonnenstöckchen hebt

oft warten sie lange
und manchmal leider vergebens

die Vögel in den Bäumen.

Zum Abschluss nun noch drei weitere Eindrücke von der Insel aus Feuer und Eis, die ich von meinen Reisen dorthin mitgebracht habe.

Island Island Trockenfisch Island
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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (38)

  1. Lieber Wolfgang,
    schön, mal wieder einen solchen Text von Dir zu lesen. Für mich immer eine Entführung in sehr fremde Welten.
    Das Gedicht gefällt mir heute besonders -fast finde ich, klingt es, wie ein verlängertes Haiku.
    Liebe Grüße
    Kai

    • schifferw schreibt:

      Lieber Kai, hab´ herzlichen Dank für´s schöne Aufmerken! Und Dir weiterhin nur Gutes wünscht mit lieben Grüßen Wolfgang.

  2. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (46) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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