Verbeugung vor Spiegeln

Martin R. Dean erkundet das Eigene und das Fremde

Der Eingang zum Kultursalon Freiraum - heute geschlossen und quer gestellt - © Wolfgang Schiffer

Der Eingang zum Kultursalon Freiraum – heute geschlossen und quer gestellt – © Wolfgang Schiffer

Gehen oder nicht gehen: das war gestern zumindest für eine Weile die Frage. Zwar hatte ich zugesagt, der sonntäglichen Matinee-Lesung des Schweizer Autors Martin R. Dean im Kultursalon Freiraum in Köln beizuwohnen, aber die feucht-schwüle Wärme, die sich bereits in den Morgenstunden über die Stadt gelegt hatte, stellte meine Verlässlichkeit für einen Moment auf eine harte Probe…

Bedauerlicherweise schienen sich manch andere mit vergleichbaren Überlegungen gequält und ihnen dann nachgegeben zu haben; jedenfalls war die Veranstaltung im Rahmen der „Lesebühne“ des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland nur sehr mäßig besucht – überraschend eigentlich, wenn man bedenkt, dass Martin R. Dean ja doch als eine der gewichtigsten literarischen Stimmen unseres Nachbarlandes gilt.

Dass und warum dem so ist, stellte er dann auch sogleich unter Beweis. Er las aus seiner im Frühjahr im Verlag Jung und Jung erschienenen Essay-Sammlung Verbeugung vor Spiegeln, im Untertitel Über das Eigene und das Fremde genannt.

Martin R. Dean

Das Fremde ist am Verschwinden. Die Fähigkeit, es noch auszuhalten, verkümmert in dem Maße, wie die globale Freiheit zunimmt. Das Fremde ist zum Kleingeld geworden im alltäglichen Gezänk politischer Parteien um die Ausländer, denen die Fremdheit durch „Integration“ genommen werden soll.

Mit dieser knappen Entgegnung auf den Tenor des derzeit allgegenwärtigen Diskurses über Fremdheit beginnt der Autor seine kurze Einleitung zum Buch und stützt sie durch weitere Statements, die den Zuhörer (und Leser) sofort aufhorchen lassen.

Die Austreibung des Fremden bringt kein Heil, nicht mehr Vertrautheit und nicht mehr Gerechtigkeit; sie beraubt uns lediglich unserer Fähigkeit zur Toleranz.

Erst die Fremdheit bringt den Kern des Selbst zum Vibrieren. Sie bildet das Kapital der Moderne, aus dem die Kreativität ihre künstlerischen Funken schlägt.

Martin R. Dean geht diesem so skizzierten Spannungsverhältnis des Selbst, des Eigenen zum Fremden unter sehr unterschiedlichen Aspekten nach. Dabei ist er geradezu prädestiniert für ein solches Ausloten, erlebt er als Sohn einer Schweizer Mutter und zweier Väter, eines leiblichen und eines Stiefvaters, die beide indische Einwanderer in Trinidad waren, dieses Spannungsverhältnis doch seit seiner Geburt und damit, sich später der eigenen Biografie bewusst werdend, die Suche nach dem, was gemeinhin als Identität bezeichnet wird.

Der Autor geht dieser Suche nach, auf Reisen in ferne Länder (Indien, Japan etc.), in Metropolen (Paris, London etc.), auf Bahnfahrten, im Verhältnis zu Tieren, in der Erkundung des menschlichen Körpers und der Leben seiner Väter… Er ergänzt diese Selbsterkundung mit Verweisen auf bedeutende Schriftsteller, z. B. auf Elias Canetti, Thomas Mann oder Friedrich Nietzsche und um gewichtige Einlassungen zum aktuellen Rassismus-Diskurs, von denen man sich wünschte, dass auch Politiker sie lesen würden.

Als größtes Ärgernis, ja als verhängnisvollen Fehler in der Entwicklung unserer modernen Gesellschaft konstatiert er dabei den Verlust der Fähigkeit, das Fremde als Anderes anzuerkennen, die wachsende Haltung, es zum Feind zu erklären und auszuschließen oder (s. den Anfang der Einleitung) es durch eine vehement geforderte Assimilation verschwinden zu lassen. Wir müssten wieder lernen, so sein Fazit, das Fremde fremd sein zu lassen und es auszuhalten. Nur so können wir auch wir selbst sein, denn:

Identität ist nichts anderes als ein Echoraum, in dem Eigenes mit Fremden korrespondiert und das Eine ins Andere hinüberspielt.

Der schmale, gerade einmal 100 Seiten umfassende Band sei allen empfohlen – er erlaubt mit klar und stilsicher erzählten, autobiografisch gestützten Geschichten und Charakteren nicht zuletzt auch einen interessanten Seitenblick auf das übrige literarische Werk des Autors, vor allem aber bietet er Anregungen, Hintergrund und Thesen zur aktuellen Diskussion über nationales Denken und Fremdenhass, die man kennen lernen und weiter bedenken sollte.

Martin R. Dean nach seiner Lesung am 30.8.2015 in Köln beim Signieren seines Buches © Wolfgang Schiffer

Martin R. Dean nach seiner Lesung am 30.8.2015 in Köln beim Signieren seines Buches © Wolfgang Schiffer

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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6 Antworten zu Verbeugung vor Spiegeln

  1. Storz Claudia schreibt:

    Eine einfühlsame und treffende Zusammenfassung von Martin Deans Essaybuch!

  2. schifferw schreibt:

    Danke! Bei guten Texten fällt dies zum Glück leicht!

  3. Pancho Jörg Meier schreibt:

    Ich habs verpasst!! Wie werde ich informiert, wann der Herr Dean irgendwo liest, nicht über seine Homepage leider. Großartiges Buch!

    • schifferw schreibt:

      Dank für Ihre Reaktion auf den Beitrag! Leider kann ich die Frage, wie Martin R. Dean über seine Veranstaltungen informiert, auch nicht bewantworten… In der Regek halten die Verlage, bei denen das jeweilige Buch publiziert wurde, eine solche Terminliste vor…Vielleicht fragen Sie man an bei Jung und Jung? Ich wünsche Erfolg dabei!

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