Staubwolken wirbeln hinterm Henkerskarren

Auf Spurensuche nach dem tschechischen Dichter Jiří Orten

Das Werk Jiří Ortens in der Stadtbücherei von Kutná Hora

Das Werk Jiří Ortens in der Stadtbücherei von Kutná Hora

Wenn ich ein Buch lese oder gar besprechen will (oder bisweilen auch soll – wie im vorliegenden Fall), so habe ich oft den Wunsch, mich selber in das geographische Umfeld des Themas oder in das der Autorin, des Autors zu begeben…

Aus Erfahrung weiß ich natürlich, dass hierzu nur allzu selten die Gelegenheit besteht – aber es gibt wahre Glücksfälle, bei denen sich längst bestehende Pläne mit einem solchen Wunsch verbinden lassen.

So jedenfalls geschah es vor nicht allzu langer Zeit. Zusammen mit meiner Frau hatte ich ein paar Tage im Erzgebirge verbracht – von dort war die Weiterreise nach Prag, der Geburtsstadt meiner Liebsten, geplant – und nichts sprach gegen einen kleinen Umweg, der uns nach Kutná Hora führen würde, einer alten Silberbergbau-Stadt aus dem 13. Jahrhundert, etwa 80 Kilometer östlich von der tschechischen Hauptstadt gelegen.

Chrám sv. Barbory - der Dom der hl. Barbara in Kutná Hora

Chrám sv. Barbory – der Dom der hl. Barbara in Kutná Hora

Die Jahrhunderte alte Historie und selbst der Umstand, dass Kutná Hora seit 1995 zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, waren jedoch nicht die entscheidenden Gründe für unseren Abstecher dorthin, sondern vielmehr die Tatsache, dass der tschechische Dichter Jiři Orten hier geboren war, am 30. August 1919, und seine Kindheit und Jugend verbracht hatte.

Ich würde lügen, wenn ich behauptete, Jiří Orten (eigentlich Ohrenstein mit Familiennamen) und sein Werk seien mir bekannt gewesen. Die Netz-Literaturzeitschrift kalmenzone , für die ich bereits einmal über isländische Lyrik hatte schreiben dürfen, hat mich auf ihn aufmerksam gemacht – und zwar durch ihre Anfrage, ob ich für sie den Band Elegie / Elegien von Jiří Orten besprechen würde, im Original posthum 1946 erschienen und 2011 in deutscher Übertragung durch Peter Demetz.

Ich sagte zu (die Besprechung wird in der Oktoberausgabe der kalmenzone erscheinen – bei Interesse bitte vormerken) und erfuhr in der Folge bei ersten schnellen Recherchen nicht nur vom frühen, tragischen Tod dieses Schriftstellers (er wurde Ende August 1941 in Prag von einem Sanitätswagen der deutschen Wehrmacht angefahren – da er Jude war, versagte man ihm jedoch zunächst die medizinische Versorgung, so dass er wenige Tage später, am 1. September 1941, starb), sondern eben auch von Kutná Hora als seiner Geburtsstadt.

Kamenná kašna - der Steinerne Brunnen

Kamenná kašna – der Steinerne Brunnen

Bereits ein erster Rundgang hier machte uns staunen. Kirchen, Kapellen, Kathedralen, Paläste, Museen, Brunnen, ein Beinhaus und vieles mehr, in ältester, überwiegend gotischer bis spätgotischer Architektur ließen uns den ehemaligen Reichtum dieser Stadt und ihre historische Bedeutung (geschichtlich auch als Kuttenberg bekannt) erahnen – unser Umweg erwies sich allein schon deshalb als ein großer Gewinn.

Kostnice v Sedlci - im Beinhaus Sedlec

Kostnice v Sedlci – im Beinhaus Sedlec

Und fündig wurden wir bald auch in Sachen Jiří Orten. So erfuhren wir nicht nur, dass einer der angesehensten Literaturpreise in Tschechien seinen Namen trägt, sondern dass auch die Stadt selber zu seinen Ehren alle Jahre das Festival Ortenova Kutná Hora veranstaltet, verbunden mit einem Literaturwettbewerb für Lyrikerinnen und Lyriker unter 22 Jahren.

Das Jiří Orten Gymnasium

Das Jiří Orten Gymnasium

Ferner entdeckten wir, dass eine Straße nach ihm benannt ist – die Ortenova ulice – und dass sich ein Gymnasium der Stadt Gymnázium Jiřího Ortena nennt.

Jiří Ortens Geburtshaus...

Jiří Ortens Geburtshaus…

... mit Gedenktafel

… mit Gedenktafel

Auch sein Geburtshaus fanden wir, in der Kollárova ulice, unweit des zentralen Platzes Palackého náměstí in der Stadtmitte gelegen, und versehen mit einer Gedenktafel, die die Daten seines kurzen Lebens nennt.

Jiří Ortens "Elegie" in einer Ausgabe von 1969

Jiří Ortens „Elegie“ in einer Ausgabe von 1969

Die Stadtbücherei gegenüber dem Steinernen Brunnen war in der Ferienzeit nur äußerst sporadisch geöffnet und dies auch nur zur Ausleihe – eine äußerst freundliche Bibliothekarin führte uns dennoch in den Lese- und Bestandssaal, stolz, uns ein ganzes Regalfach mit den Werken von Jiří Orten zeigen zu können. Die Elegie / Elegien fanden sich hier in einer illustrierten Ausgabe aus dem Jahr 1969 – die Erstausgabe von 1946, die ich so gerne in Augenschein genommen hätte, war leider nicht darunter.

Dafür jedoch entdeckte ich in einer Anthologie eines der offensichtlich wenigen Gedichte des Autors, die ins Deutsche übertragen sind – hier ebenfalls von Peter Demetz – ein Gedicht, das in seiner Weltsicht nicht weniger düster ist als der kurz vor dem Tod des Dichters beendete Zyklus Elegie / Elegien.

Am Scheideweg

Staubwolken wirbeln hinterm Henkerskarren.
Der Büttel dreht erschreckt sich um.
Gleich schlägt das Lockenhaupt zur Erde:
tritt näher, näher, Publikum!

Gerichtet von jeher, reifte er lang in der Zelle.
Zeit genug: oft blutete, zwischen die Gatter, das Licht.
er denkt nicht mehr an die Klage.
er fordert sich selbst zu Gericht.

Fordert er wirklich? Kaum… Hinträumend sich
zu kleinen Wolken und zu jungen Brüsten,
will er, den Henkern gnädig, wie ein Lied
aufsteigen endlich zu den Blutgerüsten.

Nach drei Tagen in Prag angekommen, erfüllte sich dann hier sogar auch noch mein Wunsch bezüglich der Erstausgabe der Elegie / Elegien. Dank sei allen guten Antiquariaten – und insbesondere diesem, dass sie für mich aufgehoben zu haben schien!

Jiří Ortens "Elegie" in der Original-Erstausgabe 1946

Jiří Ortens „Elegie“ in der Erstausgabe 1946

Fotos. Wolfgang Schiffer

Fotos: Wolfgang Schiffer

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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15 Antworten zu Staubwolken wirbeln hinterm Henkerskarren

  1. juttareichelt schreibt:

    Eindrucksvoller Bericht – vielen Dank dafür!

  2. wildgans schreibt:

    Des Todeskandidaten lange Zeit in der Zelle als Reifung zu bezeichnen, es schaudert mich – auch bei den „Blutgerüsten“…
    Das Beinhaus- ohhhh.
    Auch in meiner Nähe ist ein solches, eindrucksvolles, nämlich hinter der Katharinenkirche in Oppenheim- sehenswert- aber das ist eine ganz andere Geschichte.
    Danke für Ihren bedilderten Rechercheweg!

    • schifferw schreibt:

      Ich danke für die Rückmeldung! Ich war zum ersten Mal in einem Beinhaus – und fand es schon ein wenig makaber, wie dekorativ hier mit Schädeln und Gebein umgegangen wurde!

  3. Graugans schreibt:

    Wunderbarer Text, zum Niederknien, warmherzig und voller Liebe! Es gibt noch so viele andere, außer dem vielgeliebten Jan Skacel! Herzlichen Dank, berührt mich sehr, wie Du schreibst! Viele liebe Grüsse…ahoi!

  4. rotherbaron schreibt:

    Interesanter Bericht!- Habe ich gerne gelesen!

  5. finbarsgift schreibt:

    Klasse, wieder mal 🙂

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