Und immer, immer wieder…

… lockt die Sommerzeit!

Selbstporträt mit Kuh - Foto: anonym

Selbstporträt mit Kuh – Foto: anonym

Nun, ich ahne schon, dass so mancher, der freundlicherweise bis dato meinen „Wortspielen“ folgt, sich angesichts der Zeile „immer, immer wieder…“ fragt, ob diese nicht treffsicherer durch ein „schon wieder, wieder“ zu ersetzen sei – und ja, ich gestehe, er hätte damit recht: es steht die wahre Sommerpause an und damit eine erneute, weitgehende Auszeit vom Blog und von sonstigen virtuellen Betriebsamkeiten…

So ganz unmittelbar werden meine Frau und ich allerdings nicht hineinspringen können in die große Gelassenheit – zunächst einmal geht es nach Leipzig, wo ich die Freude habe, an einer Hommage an den Schriftsteller und Hörspielautor Ror Wolf teilnehmen zu dürfen.

Diese findet am 7. Juli im Rahmen des Sommerfestes der Medienstiftung Leipzig statt – und das anlässlich der Vergabe des Günter-Eich-Preises an Ror Wolf für sein Radiowerk; ich berichtete schon einmal an andere Stelle hier im Blog über die Verdienste, die sich die Medienstiftung Leipzig u. a. durch die besondere Wahrnehmung und Auszeichnung von großen Radioformaten im fiktionalen und dokumentarischen Bereich, also bei Hörspiel und Feature erwirbt…

Ein kleiner Nachtrag: Die schriftstellerischen Leistungen von Ror Wolf sind unbedingt noch durch eine weitere Facette seiner künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten zu ergänzen, die aufs Trefflichste mit seinem Schreiben korrespondiert – Ror Wolf ist auch ein begnadeter bildnerischer Collage-Künstler, der uns mit seinen inzwischen mehr als 5000 aufs Akribischste montierten Exponaten in ebenso wundersame wie eigensinnige Welten zu entführen (und ganz unterschwellig über unsere Gegenwart ins rechte Bild zu setzen) weiß…

Wer sich davon überzeugen will, dem empfehle ich den Band Collagen, erschienen in der Edition Romanfabrik in Frankfurt.
Ror Wolf CollagenLeider bleibt es auch im Weiteren nur bei einer kurzen Empfehlung: zwar wollte ich, soweit ich dies kann, mich mit einer „richtigen“ Besprechung vorübergehend bei Euch und Ihnen verabschieden, aber der Faktor Zeit und mehr noch der Faktor Hitze haben mir dann doch einen Strich durch die Rechnung gemacht…

Hitze, heat ist allerdings ein gutes Stichwort: Nachdem ich Nairobi Heat, den ersten Kriminalroman von Mukoma wa Ngugi gelesen hatte, war ich, das lässt sich sogar nachlesen, ziemlich begeistert. Und umso größer war die Neugier auf den Nachfolger Black Star Nairobi, der in diesem Jahr ebenfalls wieder im Transit Verlag erschienen ist.

Er spielt etwa drei Jahre später; Ismael (Forfona), der afroamerikanische Detektiv, der im ersten Fall noch zur Aufklärung eines Verbrechens aus den USA nach Nairobi kommen musste, ist inzwischen hier sesshaft geworden und hat mit seinem kenianischen Kollegen O (Tom Odhambo) eine Privatdetektei eröffnet. Die Aufklärung kleiner Delikte hält sie mehr schlecht als recht über Wasser, doch dann wird im berüchtigten Ngong-Wald, dem Totenwald außerhalb Nairobis, die Leiche eines schwarzen Amerikaners gefunden…

Der Fall scheint so brisant, dass die Polizei lieber ein privates Team mit den Ermittlungen betraut. Und als dann in Nairobi in einem von reichen Kenianern und einflussreichen Ausländern frequentierten Hotel auch noch eine Bombe hochgeht, bei der mehrere US-Bürger den Tod finden, kommt neben den örtlichen Behörden auch die CIA ins Spiel…

Umschlag_BlackStar_1.inddDas Ganze findet Ende 2007 statt; während in den USA der Halbkenianer Barack Obama seine Präsidentschaftskandidatur erklärt, ist der in Kenia gerade stattfindende Präsidentschaftswahlkampf von Gewalt- und Gräueltaten überschattet. Mit deren Darstellung „verschont“ uns auch Mukoma wa Ngugi nicht, im Gegenteil: eine Waffe ist nicht selten Ersatz für ein Argument, schonungslose Härte bisweilen gar für Wahrscheinlichkeit – aber vielleicht ist dies, diese Summe aus Tränen, Hass und Blut, ja nichts anderes als ein Spiegelbild der kaum zu durchschauenden (und erst recht nicht zu lösenden) Interessenkonflikte im Lande selbst und des zynischen Machtpokers von Schattenmännern außerhalb, denen das Leben unschuldiger Menschen ebenso wenig bedeutet wie die Existenz einer ganzen Nation – wenn es denn nur ihren vermeintlich hehren, doch durch und durch perversen Zielen dient.

Wie gesagt, ich war sehr neugierig auf diesen zweiten Thriller, der anders als der erste, der wochenlang die Chartlisten der Krimi-Bestseller anführte, diesmal auf der Juni-Liste der ZEIT „nur“ auf Platz 6 rangiert. Vielleicht bestätigt dieser eher mittlere Platz ja ein wenig, was auch ich bei der Lektüre empfunden habe: Black Star Nairobi kommt nicht ganz an den ersten heran – lesenswert ist er jedoch allemal!

Jetzt aber zurück zur Auszeit: nach Leipzig wartet ein wenig Erzgebirge auf uns, schauen, vielleicht wandern, in jedem Fall entspannen… Und dann Prag! Hier sei, so heißt es, im Ortsteil Holešovice dem großen Rainer Maria Rilke vor wenigen Tagen ein richtiges Denkmal gesetzt worden – davon muss ich mich natürlich persönlich überzeugen.
Und dann sind da noch der junge Dichter Jiří Orten und sein Band Elegien, der nach dem frühen, tragischen Tod des Autors 1941 (er wurde von einem Krankenwagen der deutschen Wehrmacht überfahren, als Jude verweigerte man ihm jedoch die Aufnahme ins Krankenhaus…) fünf Jahre später posthum erschien.

Peter Demetz hat die neun Klagelieder 2011 ins Deutsche übertragen; die Netz-Literaturzeitschrift kalmenzone hat mich gebeten, den Band für ihre nächste Ausgabe im Oktober zu besprechen. Da heißt es, sich ein wenig auf Spurensuche zu begeben – und vielleicht führt diese mich ja sogar nach Kutná Hora, jener Stadt, in der Jiří Orten am 30. August 1919 geboren wurde…

Und nun zum Schluss: Bis zum nächsten Frühling wird es nicht brauchen, bis man hier, so man will, wieder etwas von mir lesen kann – aber mit einem heiter-melancholischen Frühlingsgedicht sage ich dann doch einstweilen adieu – ich danke, wie die Isländer sagen, fürs letzte Mal und freue mich auf die kommenden…

Frühlingsgedicht

Wir saßen unterm Apfelbaum,
der blühte.
Die Welt an diesem Tag nicht größer
als der Schatten, den er warf.
Da war leicht leben.

Wir saßen ohne Eile.
Wir tranken, ohne Durst zu haben.
Wir sprachen miteinander ohne Ziel.
Wir lachten: Der Kuchen mit den Äpfeln
vom letzten Jahr
lief warm und viel zu weich über den Tellerrand.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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12 Antworten zu Und immer, immer wieder…

  1. mickzwo schreibt:

    Danke für die Informationen und erhole Dich gut!!

  2. autopict schreibt:

    Eine gute Zeit und ein schönes Gedicht.
    In der Ruhe liegt die Kraft.

  3. Angelika Schramm schreibt:

    Danke für die Hinweise, danke für das Frühlingssommergedicht und meine guten Wünsche für eine wunderbare Zeit!
    Herzlichst Angelika

  4. herbstblatt101 schreibt:

    Hallo lieber Wolfgang,
    ich wünsche dir und deiner Frau eine sonnigsommerliche Auszeit und nach getaner Arbeit in Leipzig, eine schöne Zeit in Prag. „Blackstar Nairobi“ klingt spannend!

    Liebe Grüße,
    Tanja

  5. versspielerin schreibt:

    danke … für diesen netten beitrag und das wunderbare gedicht!
    eine wunder-volle, rundum gute sommerzeit, bis bald hoffentlich wieder!
    herzlich,
    diana

    • schifferw schreibt:

      Danke, liebe Diana! Besonders natürlich auch für die „Einordnung“ des Gedichts… Liebe Grüße, Wolfgang

  6. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Lieber Wolfgang, da hast du ja noch einige feine Sachen vor dir! Danke für den Collagen-Tipp, dem werde ich gleich mal nachgehen. Ich fand schon seinen Taschenkosmos ganz wunderbar.

  7. finbarsgift schreibt:

    Ein klasse Selfie! 🙂

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