Eine Liebe in Zeiten des Krieges

Ein Melodram mit journalistischer Erdung

"Ukraine. Erinnerte Gegenwart" Fotoausstellung im Le Kopelew Form Köln von Oksana Kyzymchuk-Guizot

„Ukraine. Erinnerte Gegenwart“ – Fotoausstellung im Lew Kopelew Form Köln von Oksana Kyzymchuk-Guizot

Als ich Eine Liebe in Zeiten des Krieges, das Romandebüt der Autorin Barbara Lehmann, vor einiger Zeit zum ersten Mal in die Hand nahm, war ich zunächst ein wenig irritiert – erinnerte mich sein Titel doch deutlich an Die Liebe in den Zeiten der Cholera des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel Garcia Márquez. Ich fragte mich, ob sich bei der Titelvergabe wohl jemand etwas gedacht haben könnte – doch dann sagte ich mir, dass weder Verlag (das Buch ist in diesem Frühjahr bei LangenMüller erschienen), noch die Autorin selbst wohl so vermessen gewesen wären, irgendwie auf dieses Meisterwerk der lateinamerikanischen Literatur, ja, der Weltliteratur anspielen zu wollen – dass es sich also allein um puren Zufall, allenfalls um eine Unaufmerksamkeit des Lektorats handeln müsse…

Eine LiebeWie auch immer: womöglich hätte ich mich mit dem Buch, das gestehe ich offen, gar nicht beschäftigt, hätte ich nicht seine Autorin in (meinen) früheren Zeiten als Übersetzerin sowie als Reporterin und Journalistin für verschiedene Rundfunkanstalten und namhafte Zeitungen kennen und schätzen gelernt. Besonders beeindruckt hatten mich neben ihren Übersetzungen aus dem Russischen ihre kritische Auseinandersetzung mit den Machtverhältnissen in Tschetschenien und die Dokumentation der dortigen Lage während des 2. sogenannten Tschetschenienkrieges.

Mehrfach hatte sie damals das Land bereist, 2007 war sie sogar für einen längeren Aufenthalt dort geblieben. Jetzt war ich neugierig auf den fiktionalen Umgang der Autorin mit diesem Thema, denn dass auch ihr Roman von Tschetschenien handeln würde, das sagten bereits die ersten Zeilen des Klappentextes:

In einer vom Krieg geprägten Welt begegnen sich die deutsche Journalistin Doro und der kaukasische Freiheitskämpfer Aslan. Sie geben einander Halt, während seine Heimat in Angst und Gewalt versinkt.

Aslan Tadulajew, ein ehemaliger Kriegsfotograf und Kämpfer für die Unabhängigkeit seines Landes – von den bisherigen Auseinandersetzungen an Leib und Seele gekennzeichnet – ist vor dem tschetschenischen Regime nach Deutschland geflüchtet. Die Unruhen in seinem Land zwingen ihn jedoch zum Handeln und damit zur Rückkehr.

Doro Schönfeld, die den Flüchtling auf dem Flughafen kennen- und bald lieben gelernt hat, weiß um die Gefährdung ihrer Liebe, aber auch um die ganz konkrete Gefahr für Aslans Leben. Als sie erfährt, dass er von den russland-freundlichen Machthabern im zerstörten Grosny verhaftet worden ist, bricht auch sie – obwohl sie sich im Streit getrennt haben – nach Tschetschenien auf, in der Hoffnung, dass sie als westliche Journalistin etwas bewirken kann, das ihm hilft…

Mag man bei einem solchen Handlungsverlauf bereits vermuten, dass die Autorin in ihrem Roman an so manche autobiografische Erfahrung anknüpft – bestätigt und geradezu nachweisbar wird dies in einem zweiten, mit der Darstellung tschetschenischer Gegenwart parallel geführten Erzählstrang, der das Schicksal der Eltern schildert, vor allem in der deutschen Nachkriegszeit bis in die Anfänge des 21. Jahrhunderts.

Diese, ehemals im Osten lebend und stets wohl situiert, verloren in der DDR ihr Vermögen und flohen in den Westen, um hier eine neue Existenz aufzubauen. Doch der Versuch scheitert immer wieder, und als dieses Scheitern unübersehbar wird und die Abhängigkeit vom Sozialstaat droht, begehen sie gemeinsam Selbstmord – einen Selbstmord, der seinerzeit sogar die Aufmerksamkeit der Presse hervorruft.

Dieses tragische Geschehen, dem sich die Autorin im August 2001 in einem umfangreichen Artikel für die ZEIT stellt, schreibt sie nun beinahe im Klartext ihrer Protagonistin Doro Schönfeld zu. Ihr gelingt es hierdurch, auch deren Traumata, Schuldgefühle und Verletzungen aufzuzeigen – die wie Aslans Seelenzustand auf den Folgen eines Krieges beruhen, auch wenn sie ihn selber nicht erleben musste.

Wie gesagt, der autobiografische Hintergrund der Elterngeschichte ist verbürgt – bei den Erfahrungen, welche die Protagonistin Doro in Tschetschenien machen muss, wünscht man es der Autorin in keinem Fall – zu menschen- und vor allem frauenverachtend, zynisch und brutal ist das Geschehen, durch das uns die Autorin hier im Kampf um die Liebe und das Leben ihres Freundes Aslan treibt.

Bisweilen habe ich beim Lesen gedacht, dass hier vielleicht etwas weniger mehr gewesen wäre – es hätte die Gefahr, sich, trotz allen auch sichtbaren Erfolgs, der Komplexität der Charaktere und der verwirrenden politischen Verhältnisse gerecht zu werden, bisweilen doch in die Nähe melodramatischer Kolportage zu begeben, ein wenig gemindert –, doch dann musste ich mir eingestehen, dass ich kaum etwas über Tschetschenien weiß, dass es dort in den Schrecken des Kriegs vielleicht genau so zugegangen ist (und vielleicht immer noch geht…), wie Barbara Lehmann es uns, die wir ihren Roman lesen, auszuhalten zwingt. Und mir wurde klar, wie sehr dieses Buch mir über Tschetschenien hinaus erst wieder in Erinnerung gerufen hat, wie viele todbringende Konflikte es auf dieser Welt gibt, die derzeit offensichtlich weder mit militärischer Gewalt, noch mit politischer Diplomatie zu lösen sind…

Barbara Lehmann im Gespräch mit Katharina Heinrich, Lew Kopelew Form Köln © Wolfgang  Schiffer

Barbara Lehmann (l.) im Gespräch mit Katharina Heinrich, Lew Kopelew Form Köln © Wolfgang Schiffer

Auf einer Veranstaltung im Lew Kopelew Forum in Köln, wo ich Barbara Lehmann am 29. April dieses Jahres im Rahmen einer Fotoausstellung zur Ukraine bei einer Lesung aus ihrem Roman erleben konnte, sagte die Autorin hierzu, dass das, was sie für die Zukunft hoffen ließe, die Liebe sei – das sei ihre Utopie. Denn, so weiter: Verständigung brauche Gefühl – und daran mangele es.

Nun, gut und schön, sagte ich mir, und dachte ein wenig später an eine Weisheit des zwar alten, aber ja nicht gerade unweisen Aristoteles. Der soll ja gesagt haben: Wenn auf der Erde die Liebe herrschte, wären alle Gesetze entbehrlich. Wer will dem schon widersprechen?

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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