Chladně svítí slunce

Gedichte in tschechischer Übersetzung

Prag - in der Tram Linie 18 © Wolfgang Schiffer

Prag – in der Tram Linie 18 © Wolfgang Schiffer

Ich weiß nicht, ob ich besorgt sein muss, oder mich freuen soll – es ist allein dem Suchen in meinem Bücherschrank (nach einem völlig anderen Buch) zu verdanken, dass ich einen Band mit dem Titel Chladně svítí slunce (wieder)gefunden habe, den der tschechische Verlag Ježek (Igel) in Prag im Jahr 2002 publiziert hat.

Wenn ich nach dem Wort Igel nun auch die Übersetzung des Buchtitels nenne, werden viele bereits ahnen, warum ich mir die alternative Eingangsfrage stellen muss: er lautet (rück)übersetzt Kalt steht die Sonne – und das ist nun mal der Titel eines sehr frühen Gedichtbandes von mir selbst.

Habe ich wirklich nicht mehr an diese Publikation gedacht, weil ich (das entspräche der Sorge…) vergesslich geworden bin? Oder kommt es mir, weil meine Frau, wie die meisten der Leserinnen und Leser der „Wortspiele“ ja bereits wissen, Tschechin ist, unbewusst etwa wie selbstverständlich vor, dass es Übersetzungen meiner Arbeiten auch in ihrer Sprache geben muss? Das wäre dann – wenn auch, ebenfalls unbewusst, etwas überheblich – eher ein Grund zur Freude!

Chladnĕ svítí slunceWie auch immer: Chladně svítí slunce beinhaltet tatsächlich alle Gedichte jenes seinerzeit erschienenen Lyrik-Bandes, sogar ergänzt um einige spätere, eher verstreut veröffentlichte Texte. Aus dem Deutschen übertragen hat sie das Lebens- und Schriftstellerpaar František Hrdlička und Zdena Bratršovská und – jetzt erinnnere ich mich natürlich wieder – selbstverständlich war dies überhaupt nicht: die Übersetzung und Veröffentlichung kam damals zustande, weil die Stiftung Kunst und Kultur des Landes NRW sie gefördert hat.

Ob das für mich schöne Ergebnis dieses Zusammenwirkens heute noch im tschechischen Buchhandel zu erhalten ist, darf allerdings bezweifelt werden. Und als deutschsprachiges Original steht ebenfalls nur noch eine kleine Auswahl der Vorlage zur Verfügung, 2014 unter dem Titel Die Saison geht zu Ende veröffentlich als Band 120 der kleinen, bibliophilen Mitlesebücher des Aphaia Verlags in Berlin.

Ein Grund für mich, hier zumindest ein Gedicht aus Chladně svítí slunce in beiden Sprachen zu zitieren – dank meiner Frau gibt es nämlich auch an den Ufern der Moldau einige Literatur-Interessierte, die den „Wortspielen“, wie es in der Blogger-Sprache heißt, „folgen“ – ebenso wie zu meinem Glück so viele hierzulande…

Ich habe einfache Dinge getan:

die Spiegel geputzt im Haus, die Fenster.
Dann bin ich hinausgegangen ins Licht,
habe Fuß vor Fuß gesetzt am oft beschriebenen
Riss entlang.

Ich gestehe, ich habe ihn nicht überall gesehen,
und doch erschienen mir die Wege, die ich ging,
nicht wert zu gehen.

Ich hätte genauso gut im Haus bleiben,
mich weiter im Spiegel betrachten können,
die Rätsel des Schmutzes auf der Fensterscheibe.

Ich ändere diese Meinung nicht,
es sei denn, ein Schmetterling sagt,
er wolle mit mir das Fliegen üben.

Udělal jsem prosté věci:

vyčistil v domě zrcadla i okna.
Pak jsem vyšel do světla,
položil nohu před nohu podél tak často
popsané trhliny.

Přiznávám se, že jsem ji neviděl vžude,
a přece mi nestalý cesty, po nichž jsem chodil,
na chůzi.

Stejně tak bych byl mohl zůstat doma,
dál se pozorovat v zrcadle,
to tajemství prachu na okenní tabulce.

Ten názor neměním,
budiž, říká motýl,
chce mne prý pocvičit v létáni.

Schaufenster einer der vielen Buchhandlungen in der Prager Innenstadt - hier weiß man sich auch 13 Jahre später noch gerne verlegt © Wolfgang Schiffer

Schaufenster einer der vielen Buchhandlungen in der Prager Innenstadt – hier weiß man sich auch 13 Jahre später noch gerne verlegt © Wolfgang Schiffer

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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6 Antworten zu Chladně svítí slunce

  1. wildgans schreibt:

    Leider fand ich in der Innenstadt kaum mehr eine Buchhandlung!
    In der Lounge unseres Hotels gegenüber vom Mucha-Museum wurde ich einmal von jungen Chinesen fotografiert, weil ich ein echtes Buch las 🙂

    • schifferw schreibt:

      Schade! Aber der Eindruck stimmt sicherlich für den Altstätter Ring und dessen engere Umgebung! Aber sobald man diesen, ja auch touristischen Kern verlässt, finden sie sich noch – die Buchhandlungen, manchmal auch in Verbindung mit einem Antiquariat. Das Foto zeigt z. B.das Fenster einer Buchhandlung am Wenzelsplatz, etwas weiter oben in Richtung Museum… Ich fürchte, ich muss mal einen Foto-Beitrag mit den entsprechenden Ortsangaben machen, oder!?! Und die Chinesen? Die sind einfach der Zeit voraus…

  2. wildgans schreibt:

    Was ist der „oft beschriebene Riss“ – oder geht es im Riss in die Welt hinter der Welt?

  3. wederwill schreibt:

    Ein wunderschönes Gedicht! Leider kann ich kein Tschechisch, denn Übersetzungen interessieren und faszinieren mich sehr, da sie ja immer noch die Spuren eines anderen in sich tragen. Um so mehr gefällt mir die Formulierung ‚Aus dem Deutschen übertragen hat sie das Lebens…‘ (und ein Schriftstellerehepaar)
    Herzliche Grüße und einen Dank sendet
    Marlis

    • schifferw schreibt:

      Herzlichen Dank, liebe Marlis, für die schöne Rückmeldung! Es grüßt herzlich zurück, Wolfgang

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