kalmenzone

Eine Literaturzeitschrift im Netz

Vögel über Island - wahrlich keine Seltenheit © Wolfgang Schiffer

Vögel über Island – wahrlich keine Seltenheit © Wolfgang Schiffer

Als langjähriger „Beiträger“ zur Zeitschrift die horen, einer Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, von der ein Rezensent des Wochenmagazins DIE ZEIT einmal gesagt hat, sie sei ein Stachel ins Hirn des belletristischen Lesers, ahne ich ein wenig von der Lage solcher Zeitschriften auf dem derzeitigen Literaturmarkt – sie ist bei aller Wertschätzung, die so manche unter ihnen genießen, vereinfacht gesagt eher schlecht: die Wahrnehmung dieser Zeitschriften in den Feuilletons (und bedauerlicherweise auch in Literaturblogs…) ist eher marginal, nur wenige Buchhandlungen haben sie sichtbar in ihrem Angebot, die Zahl der Abonnenten ist rückläufig…

Manches davon wird wohl leider auch für Lichtspielschlummer, Daumenkinos und tote Hunde, so der Titel des von Franz Huberth zusammengestellten aktuellen Bandes der horen (Nr. 258!) gelten, obwohl daran so namhafte Autorinnen und Autoren wie Durs Grünbein, Nora Gomringer, Judith Kuckart, Georg Klein, Monika Rinck, Dagmar Leupold, Kerstin Hensel und viele andere mitgewirkt und damit ein überaus lesenswertes Kompendium zur magischen Welt des Kinos geschaffen haben…

Auf namhafte Autoren muss auch die Literaturzeitschrift kalmenzone nicht verzichten – allem anderen aber entzieht sie sich sehr bewusst: kalmenzone erscheint ausschließlich im Netz, dort ist sie zu lesen und auch als PDF herunterzuladen – und das kostenfrei.

Der Herausgeber dieser von derart großem Elan wie altruistischem Idealismus gleichermaßen getragenen Netz-Zeitschrift ist Cornelius van Alsum; geboren am Niederrhein, lebt er jetzt in Bonn – neben der Herausgabe der Zeitschrift als Autor und Übersetzer und nach einem Studium der Fächer Geschichte, Latein und Mittellatein als Mitarbeiter im Bereich der historischen Forschung.

Honorare zahlt die kalmenzone nicht, aber immerhin lädt – und das weiß ich inzwischen aus eigener Erfahrung – der Herausgeber nach Veröffentlichung eines neuen Heftes, sprich nach dem Hochladen im Netz, wenn eben möglich die Mitwirkenden in ein Restaurant zu einem vergnüglichen Abendessen ein.

Kalmenzone Heft 7

Kalmenzone Heft 7

Sieben Hefte sind auf diese Weise bereits entstanden und im Netz nachzulesen – das letzte, Heft 7, vor wenigen Tagen, und wie alle anderen zuvor hat es einen Themenschwerpunkt (diesmal lautet er Utopien – Dystopien), versammelt – sparsam, doch zumeist überraschend illustriert – literarische Texte, Gedichte (im deutschsprachigen Original und / oder als Übersetzung), Analysen und Betrachtungen von bereits veröffentlichter Literatur sowie stets eine klassische Rezension in der Rubrik, die sich äquatoriale Bibliothek nennt…

Im aktuellen Heft von annähernd 70 Seiten bin ich nun neben manch anderem Lesenswerten auf sehr feine, filigrane Prosa-Skizzen von Harald Hartung gestoßen, der Herausgeber selber beschäftigt sich ausführlich mit Gertrud Kolmars Gedicht Der große Alk, die Skandinavistin Beate Kury bespricht (für mich als Island-Interessierten natürlich besonders erfreulich) den 2011 erschienenen Roman Das Gleißen der Nacht von Sjón, dem bedeutenden isländischen Autor, der Kritik und Leserschaft hierzulande gerade wieder mit seinem neuen Roman Der Junge, den es nicht gab aufhorchen lässt.

Und eine weitere Spur führt nach Island, die sofort mein Interesse geweckt hat: Benedikt Ledebur – er veröffentlichte zuletzt den Band Ein Fall für die Philosophie, dessen Themen so Unterschiedliches wie zeitgenössische Werke, Autoren der klassischen Moderne, theoretische Ansätze und Übertragungsfragen umkreisen, hat sich hier Dieter Roths Weißes Blatt Gedichte zum Thema genommen – eine lesenswerte Betrachtung zu einem Werkabschnitt des langjährigen Pendlers zwischen Deutschland, der Schweiz und der Insel im nördlichen Atlantik.

Dieter Roth: Gedichte -  Ausschnitt einer Textseite des besprochenen Heftes

Dieter Roth: Gedichte – Ausschnitt einer Textseite des besprochenen Heftes

Überhaupt: es war Island, das mich diese Literaturzeitschrift erst hat kennenlernen lassen. Heft 6 hatte Island als Themenschwerpunkt, und mich erreichte die Anfrage des Herausgebers – was auch immer sie ausgelöst haben mag –, ob ich etwas zur zeitgenössischen isländischen Lyrik auf dem deutschen Literaturmarkt beisteuern könne. Und da ich hierüber schon das eine oder andere geschrieben hatte – nicht zuletzt im Kontext einer kleinen Rückschau auf Islands Ehrengastauftritt Sagenhaftes Island auf der Frankfurter Buchmesse 2011 für die eingangs erwähnte Literaturzeitschrift die horen – habe ich (nachzulesen ab Seite 55) gerne zugesagt.

Zum Glück, denn hätte ich es nicht getan, wären mir einige schöne Gedichte von Franz Hodjak entgangen, die hier veröffentlicht sind. Zum Beispiel dieses:

EINZUGSBEREICH

Hier fühlen sich
vor allem die Vögel wohl
und der Tod, man spricht
mit ihnen,

als gehörten
sie dazu, zum Tohuwabohu,

das die Gleise zu
entwirren versucht, und
Gedichte

sind wie Züge,
die hier

unplanmäßig
halten

Entgangen wäre mir aber auch die Sicht des Herausgebers auf den zweisprachigen Gedichtband Vom Rand der Welt von Melitta Urbancic, zu dem auch ich hier in den „Wortspielen“ bereits einmal etwas geschrieben habe – und das ebenso wie das Interview, das Cornelius van Alsum mit dem isländischen Schriftsteller Sjón geführt und dem er den treffenden Titel gegeben hat: Durch Literatur kommunizieren wir mit der ganzen Welt.

 „Sólfar / Sonnenbahn“ , Stahlskulptur von Jón Gunnar Árnarson (1931–1989) in Reykjavík - Foto aus Heft 6: Cornelius van Alsum

„Sólfar / Sonnenbahn“ , Stahlskulptur von Jón Gunnar Árnarson (1931–1989) in Reykjavík – Foto aus Heft 6: Cornelius van Alsum

Heft 8 wird voraussichtlich im Oktober erscheinen – diesmal soll / darf ich für die äquatoriale Bibliothek etwas über Jiří Ortens Elegien schreiben, die bereits vor einigen Jahren von Peter Demetz übersetzt wurden. Ich freue mich darauf!

Und ich freue mich, wenn auch Sie / wenn auch Ihr mal einen Blick in die kalmenzone werfen würden/t – ich habe dies, ehrlich gesagt, zunächst allein auch schon deshalb getan, um herauszufinden, was die Kalmenzone überhaupt ist!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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11 Antworten zu kalmenzone

  1. juttareichelt schreibt:

    Großartige Hinweise! Vielen Dank!

  2. Angelika Schramm schreibt:

    Ich freue mich sehr über diesen Hinweis, ebenso natürlich über die wieder große „Fülle“ des Textes.
    Vielen Dank, lieber Wolfgang!
    (Als Enkelin eines Seefahrers wusste ich natürlich, was der Kalmengürtel, die Kalmenzone ist; – bei solchen Themen war meine Aufmerksamkeit in der Schule stets groß, – mit nachhaltiger Wirkung.)

    • schifferw schreibt:

      Freut mich – das Wissen um die Kalmenzone! Als jemand, den den Nachnamen Schiffer trägt, hätte ich es natürlich auch sofort wissen müssen – aber der Niederrheiner, der ich nun mal bin, verspürte eine gewisse Unsicherheit…

      • Angelika Schramm schreibt:

        … die Unsicherheit des Niederrheiners, ob er nun weiter nach Norden auf’s Meer fahren soll oder nicht? Eine hübsche Vorstellung…

  3. Graugans schreibt:

    Herzlichen Dank für die wunderbaren Hinweise!

  4. finbarsgift schreibt:

    Wundervoller (auch ästhetischer) Post!
    Herzlichen Dank für den Hinweis auf die Kalmenzone… klingt interessant!
    Grüßle vom Lu

  5. Pingback: Und immer, immer wieder… | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  6. ralphbutler schreibt:

    Hat dies auf Blütensthaub rebloggt.

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