Von Inseln, Menschen und Walen – Grindwalen

Der Guggolz Verlag hebt einen literarisches Schatz von den Färöern

Algarve © Wolfgang Schiffer

Algarve © Wolfgang Schiffer

Vorab: wer vermutet, dass das Foto, das über diesem Beitrag steht, wohl kaum etwas mit den im Nordatlantik zwischen Norwegen, den britischen Inseln und Island gelegenen Färöer-Inseln zu tun haben kann, sieht dies völlig richtig – es wurde im Süden Portugals aufgenommen, wo ich zusammen mit meiner Frau die ja angekündigte Vorsommer-Blog-Pause verbracht habe – und das so weitgehend offline wie möglich.

Manche mögen sich vielleicht bereits gefragt haben, ob diese Pause denn gar nicht mehr zu Ende gehen würde – nun, sie ist es bereits seit einer kleinen Weile, aber da ebenso unerwartete wie ungewöhnliche Temperaturen um die 35 Grad den Begriff Vorsommer etwas obsolet hatten werden lassen, dauerte für jemanden wie mich, der (manche Beiträge in den „Wortspielen“ lassen es vielleicht erahnen…) etwas kühlere Temperaturen bevorzugt, die Rekreationsphase danach noch ein wenig an…

Dennoch: wir haben viel erlebt, gesehen und erfahren – nur die prall gepackte Büchertasche musste leider weitgehend verschlossen bleiben – Lesen, noch dazu aufmerksames Lesen, war und ist für mich bei solcher Hitze einfach nicht möglich!

Es ist nicht etwa so, als ob ich es nicht versucht hätte!

Ein gewisser Selbsterhaltungtrieb hat mich in der Hoffnung, dass es Linderung bringen möge, sogar etwas lesen lassen, das deutlich in kühleren Gefilden spielt – allein, wieder zuhause angekommen, habe ich sofort erneut zu diesem Buch gegriffen und es ein zweites Mal gelesen! Und ich habe es wahrlich nicht bereut – denn erst jetzt, in der Kühle Kölns, hat das Buch seinen ganzen literarischen Charme, seinen warmen, liebevollen Humor und seine archaische Tiefe entfalten können!

Es gibt Bücher, über die möchte ich gar nicht viel schreiben!

Eigentlich möchte ich nur sagen. lest selbst und entscheidet, ob dieser Blog-Betreiber hier noch alle Tassen im Schrank hat, dass er sich von einem Buch derart begeistern lässt.

vater-und-sohn-unterwegsEin solches Buch ist Vater und Sohn unterwegs von Heðin Brú, erstmals von Richard Kölbl direkt aus dem Färöischen, einer Sprache, die dem Isländischen nahe ist, übersetzt und im Frühjahr erschienen im Guggolz Verlag, dessen selbsterklärtes Ziel es ist, den Literaturmarkt vor allem mit Neuübersetzungen und Neuausgaben vergessener und / oder zu Unrecht aus dem Fokus der Aufmerksamkeit geratener Werke zu bereichern.

Der Roman Vater und Sohn unterwegs ist eine solche Bereicherung – ganz ohne Zweifel. Im Original 1940 veröffentlicht, erzählt Heðin Brú (er lebte von 1901 – 1987 und hieß mit bürgerlichem Namen Hans Jacob Jacobsen) darin vom harten Alltag eines Bauern- und Fischerlebens in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts auf den (wie auch heute noch) politisch zu Dänemark gehörenden Schafsinseln, vom Einzug moderner Technik und Arbeitsweisen, vom Verlust tradierter Wertvorstellungen und den drohenden Konflikten zwischen den Generationen.

Keine Ahnung, ob ihr dumm seid oder nicht, aber ihr seid alt. Es ist so viel passiert, seit ihr jung wart. dass ihr euch nicht mehr auskennt, und nun lauft ihr verbittert herum und prophezeit Not und Untergang. Hört auf damit, nichts ist aus den Fugen geraten, es ist lediglich Gezeitenwende. Eure Flut ist abgeebbt, jetzt kommt die unsrige.

Das sagt der älteste Sohn seinem Vater Ketil, der doch noch so sehr in seiner traditionsbewussten Welt verhaftet ist – doch seit der Grindwaljagd im Sommer ein Problem hat, das ihm und seiner Familie Ehrverlust und Schande zu bringen droht.

Ketil, der trotz seines hohen Alters zusammen mit seinem jüngsten, etwas zurückgebliebenen Sohn Kálvur an der für die Färinger traditionellen Grindwaljagd teilgenommen hat (der Roman eröffnet kraftvoll mit der Szene, wie im Fjord eine Grindwalschule aufgebracht wird…), hat sich nämlich verschuldet. Berauscht vom Jagderfolg und mehr noch von einigen kräftigen Schlucken Branntwein, die ihm sein ebenfalls aus der Zeit gefallener Landsmann Lias Berint spendiert, ersteigert er bei der dem Fang folgenden öffentlichen Auktion eine derart große Portion von dem Walfleisch, dass in seiner Hütte für die nächste Zeit zwar Hunger und Not beseitigt sind, er die Summe für das Fleisch, selbst wenn sie erst in einem halben Jahr fällig ist, aus normaler Arbeit allerdings nie wird aufbringen können…

Jetzt heißt es, jede Öre sparen und zusätzlich ein paar Kronen verdienen – durch das Stricken von Wollpullovern, Treibholz sammeln, Seehunde jagen, Fische fangen und vieles mehr, doch so sehr Ketil und seine Frau sich auch mühen, es ist abzusehen, dass ihre ganze Plackerei vergeblich bleiben, die Summe nie zustande kommen wird.

Und jemanden zu fragen, z. B. ihre längst in Steinhäusern und in einem mit Krediten erkauften Wohlstand lebenden älteren Söhnen, verbietet ihnen Überzeugung und Ehrgefühl.

Leipziger Buchmesse 2015 © Wolfgang Schiffer

Leipziger Buchmesse 2015 © Wolfgang Schiffer

Heðin Brú schildert diesen Existenzkampf, bei dem Ketil auf zahlreiche Mitbewohner seiner Insel stößt – Gauner und Schwätzer, von sich eingenommene Großfischer, arrogante Bezirksvorsteher und verlogene Pfarrer, aber auch verständnisvolle Kameraden wie der bereits erwähnte Lias Berint, der später, wenn er Ketil helfen will, aus einem gekenterten Boot verlorene Strohballen zu retten, den Tod findet – er schildert diesen Kampf mit einer präzisen Zuwendung zu jedem einzelnen Charakter, in einer Sprache, deren Schlichtheit den Gewalten der Natur und des Lebens abgetrotzt zu sein scheint, und in der Summe mit einer archaischen Wucht, die selbst bei der Beschreibung des Wetters und dessen Folgen gefangen nimmt.

Sie müssen vorsichtig gehen, denn der Wind ist heimtückisch: Bisweilen herrscht Totenstille, dann hört man in der Ferne ein Donnern, als ob ein ungeheures Rad dahergerollt kommt, und die Windwirbel fegen ungestüm heran, reißen das lose, welke Gras hinfort, treiben das Wasser bis auf den Grund aus den Häusern und lassen Gischtschauer vom Meer herauf über den Ort prasseln. Die Häuser knirschen und zittern und erbeben in ihren Fundamenten.

Leibziger Buchmesse 2015 © Wolfgang Schiffer

Leibziger Buchmesse 2015 © Wolfgang Schiffer


Fazit: An Vater und Sohn unterwegs ist aus meiner Sicht alles zu loben – der Originalautor Heðin Brú für dieses ehrliche, schöne Stück Literatur, der Übersetzter Richard Kölbl für seine äußerst sensible, treffsichere Übertragung und (noch nicht erwähnt) für ein hilfreiches Glossar zu Begriffen und Aussprachen, Klaus Böldl (ebenfalls noch nicht erwähnt) für ein sehr informatives Nachwort, das die Bedeutung, die dieses Werk als erster auf Färöisch geschriebener Roman für die Rückbesinnung auf die eigene Sprache der Färöer-Inseln hat, auslotet – ebenso wie den vielschichtigen kulturhistorischen Hintergrund und seine Übersetzungshistorie im deutschsprachigen Raum – und schließlich der Guggolz Verlag, der all dies in einem liebevoll gestalteten Buch mit Lesebändchen und (mich) äußerst ansprechender Covergestaltung zusammengebracht hat: Glückwunsch!

Zum Schluss sei noch ein Zitat gestattet aus der (erst dritten) Programmvorschau des Verlags für den Herbst dieses Jahres. Da heißt es:

Zwar hat bisher kein Buch des Guggolz Verlags die Bestsellerlisten gestürmt, aber es ist uns gelungen, unsere heutige Begeisterung für ungewöhnliche Literatur von gestern zu teilen und Bücher, die uns am Herzen liegen, den Lesern näherzubringen, denen diese Bücher wichtig geworden sind. Das ist ein Erfolg, der uns anspornt, den Kurs der Entdeckungsreise weiterhin zu halten.

Ja, wir bitten herzlich darum!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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11 Antworten zu Von Inseln, Menschen und Walen – Grindwalen

  1. Annette Maron schreibt:

    Lieber Wolfgang Schiffer,
    ich stimme Ihnen voll und ganz zu – ein wunderbares Buch! Ich werde es auch sicherlich ein weiteres Mal lesen und genießen.
    Herzliche Grüße
    Ihre AM

    • schifferw schreibt:

      Liebe Annette Maron,
      ich freue mich über unsere gemeinsame Einschätzung! Und wünsche mir, dass der Roman noch möglichst viele begeisterte Leser finden möge!
      Gute Grüße, Ihr Wolfgang Schiffer

  2. Drittgedanke schreibt:

    Deine Hitzeunverträglichkeit teile ich auch – so schön der Süden auch sein mag. Willkommen zurück und danke für diese schöne Besprechung! Guggolz hat wirklich kleine Schätze im Programm.

    • schifferw schreibt:

      Danke! Und ich freue mich schon auf das neue Guggolz-Programm! Ein Ungar – ein Finne – und beide versprechen literarischen Hochgenuss!

  3. masuko13 schreibt:

    Unter den vielen kleinen Verlagsgründungen ist Guggolz wirklich etwas ganz Besonderes. Und keine Frage … „Vater und Sohn unterwegs“ ist das auch. Wenn ich das Buch in die Hand nehme, weiß ich wieder, warum ich Bücher, die mit Liebe gemacht sind, so sehr mag. Sie machen glücklich, sie bleiben im Gedächtnis, man möchte sie weiter geben. Und wieder lesen 🙂
    Tolle Besprechung, danke dafür!

    • schifferw schreibt:

      Wie schön, dass wir hier eine vergleichbare Einschätzung haben! Ich hätte es ganz ähnlich so schreiben können!

  4. finbarsgift schreibt:

    Hi Wolfgang, welcome back, schon bissel vermisst… 🙂

    Und noch ein tolles Vater-Sohn-Buch, das ich lesen sollte wohl…

    Dankeschön für den Tipp und den Reisebericht, LG vom Lu

  5. kutabu schreibt:

    Das Buch kommt auf meine Leseliste, klarer Fall 🙂

    • schifferw schreibt:

      Freut mich! Danke! Und natürlich bin und bleibe ich gespannt auf eine eventuelle Reaktion…

  6. Pingback: Hedin Brú – Vater und Sohn unterwegs | hundstrüffel

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